Wird Velofahren gefährlicher? Der Faktencheck zur «Velo-‹Arena›»

Die Befürworter wollen die Sicherheit der Velofahrer verbessern. Die Gegner warnen vor einer Bevormundung. 7 Aussagen aus der SRF-«Arena» auf dem Prüfstand.

Sieben bis acht Prozent der Bevölkerung in der Schweiz steigen regelmässig aufs Velo. Der Bundesrat will mit seinem Gegenentwurf zur Veloinitiative den Veloverkehr stärken. Die Befürworter wollen die Sicherheit der Velofahrer verbessern. Die Gegner warnen vor einer Kostenexplosion und sehen die Verfassung torpediert. In der «Arena» zum Gegenentwurf vom 31. August diskutierten:

Befürworter:

  • Bundesrätin Doris Leuthard
  • Matthias Aebischer, Präsident Pro Velo Schweiz

Gegner:

  • Roland Rino Büchel, Nationalrat (SVP, SG)
  • Jürg Scherrer, Alt-Nationalrat Auto-Partei

Doris Leuthard, Verkehrsministerin, sagt:

«In den letzten Jahren hat der Veloverkehr eine grosse Bedeutung bekommen.»

Der Check:
Gemäss einem Faktenblatt des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) sind die Verkaufszahlen von Velos in der Schweiz seit 2013 leicht gestiegen. 2017 wurden mit 330’000 Velos 4,2 Prozent mehr verkauft als im Vorjahr. Stärker zugenommen hat der Verkauf von E-Bikes: 2017 wurden knapp 90’000 verkauft, ein Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von 16,3 Prozent.

Bedeutung des Langsamverkehrs. (Grafik: vif/Quelle: Uvek, Mikrozensus Mobilität und Verkehr, Europäischer Radfahrerverband)

Auch viele Städte fördern den Veloverkehr: Zwischen 2010 und 2015 wuchs gemäss dem Uvek der Anteil des Veloverkehrs am Gesamtverkehr in Basel, Bern, Luzern, St. Gallen, Winterthur und Zürich um 1 bis 6 Prozent.

Gemäss den Verkehrsperspektiven des Bundes wird der Langsamverkehr, zu dem auch Velos gehören, bis ins Jahr 2040 sogar um 32 Prozent wachsen. Der öffentliche Verkehr dürfte um gut 51 Prozent zunehmen, der motorisierte Individualverkehr hingegen nur um 18 Prozent.

Fazit: Leuthards Aussage, wonach der Veloverkehr in den vergangenen Jahren bedeutender geworden ist, lässt sich mit den Verkaufszahlen gut belegen.

Roland Rino Büchel, SVP-Nationalrat, sagt:

«Es funktioniert ja heute. Deshalb braucht es diese Verfassungsänderung nicht.»

Der Check:
Büchel ist selbst passionierter Velofahrer, aber trotzdem klar gegen den Vorschlag des Bundesrates, Velowege in Zukunft rechtlich gleich zu behandeln wie Fuss- und Wanderwege. Er findet, dass die heutigen Regelungen vollkommen ausreichen und es den neuen Verfassungsartikel nicht braucht – ja, dieser gar schädlich wäre. Büchel warnt davor, dass der Bund den Kantonen, die für den Unterhalt der Velowege verantwortlich sind, Vorschriften machen könnte.

Im ergänzten Verfassungstext heisst es aber nur, dass der Bund «Grundsätze über Velowegnetze festlegt» und «Massnahmen der Kantone zur Erhaltung solcher Netze unterstützen und koordinieren kann». Von einem «muss» oder einer Einmischung des Bundes ist nicht die Rede.

«Der Verfassungsartikel gibt allen Akteuren eine langfristige Planungssicherheit und ermöglicht gute, langfristig angelegte Lösungen.»Michael Roschi, Geschäftsleiter Schweiz Wanderwege

Ausserdem hat der bestehende Artikel 88 BV über die Fuss- und Wanderwege, der seit 1979 in der Verfassung verankert ist, Positives bewirkt. Das bestätigt Michael Roschi auf Anfrage von «Tages-Anzeiger». Roschi ist Geschäftsleiter von Schweizer Wanderwege, dem Dachverband der kantonalen Wanderwegvereine. «Der Verfassungsartikel hat zu einem besseren Schutz des Wanderwegnetzes geführt. Er gibt allen Akteuren eine langfristige Planungssicherheit und ermöglicht gute, langfristig angelegte Lösungen», sagt er.

Die gesetzliche Grundlage sei für den Verband die Basis, um das bestehende Wanderwegnetz zu erhalten und noch attraktiver zu gestalten beziehungsweise auszubauen. Dem Bund komme mit der übergeordneten Planung und Koordination eine wichtige Rolle zu. Laut Roschi hat sich die Zusammenarbeit zwischen dem Bund und den Kantonen über die Jahre eingespielt und bewährt. Zudem glaubt er, dass die Ergänzung des Verfassungsartikels um die Velowege auch zur Entlastung der Wanderwege führen kann.

Fazit: Ob der Veloverkehr in der Schweiz aktuell gut funktioniert, ist Ansichtssache. Büchels Aussage, die Verankerung der Velowege in der Verfassung bringe nichts, stimmt aber nicht. Das zeigen die Erfahrungen bei den Fuss- und Wanderwegen, die dank gesetzlicher Grundlage in den letzten Jahren sehr gut ausgebaut werden konnten.

Doris Leuthard, Verkehrsministerin, sagt:

«Wir haben bei den Velos eine massive Zunahme von Unfällen.»

Der Check:
Im vergangenen Jahr kam es in der Schweiz zu 17’900 Verkehrsunfällen, dabei verloren 230 Menschen ihr Leben – 14 Personen mehr als 2016. Unter den Opfern waren 2017 30 Fahrradfahrer und 7 E-Bike-Fahrer.

Während die Gesamtzahl tödlicher und schwerer Unfälle in den letzten Jahren bei allen Verkehrsteilnehmern vom Autofahrer bis zum Fussgänger zurückgegangen ist, stieg sie bei den Velofahrern. So ist die Anzahl verletzter oder getöteter Velofahrer (inkl. E-Bikes) seit dem Jahr 2000 um über 27 Prozent angestiegen, während die Anzahl der verletzten oder getöteten Insassen von Personenwagen um 31 Prozent zurückging.

Bedeutung des Langsamverkehrs. (Grafik: vif/Quelle: Uvek, Mikrozensus Mobilität und Verkehr, Europäischer Radfahrerverband)

Die zunehmende Verbreitung der Elektrovelos schlug sich bis anhin nicht in den erfassten Unfällen nieder, doch nahm die Zahl der verletzten und getöteten Personen zu, da mit den E-Bikes höhere Geschwindigkeiten erreicht werden können.

Fazit: Leuthard hat recht mit ihrer Aussage. Die Zahlen zeigen, dass Autofahren immer sicherer und Velofahren immer gefährlicher geworden ist.

Jürg Scherrer, Alt-Nationalrat Auto-Partei, sagt:

«In Holland und Dänemark sind die Voraussetzungen ganz anders als in der Schweiz.»

Der Check:
Alt-Nationalrat Jürg Scherrer bezieht sich in seiner Aussage auf den Vergleich der Schweiz mit anderen europäischen Ländern, den die Befürworter immer wieder ziehen. Eine Gegenüberstellung zeigt, dass in der Schweiz nur 7 bis 8 Prozent regelmässig Velo fahren – das ist weniger als der Durchschnitt aller 28 EU-Staaten (8,3 Prozent). In Dänemark beträgt die Veloquote 23 Prozent, in Holland gar 36 Prozent.

Europäischer Vergleich. (Grafik: Felix Schindler, Isabella Ballarin / Quellen: Europäischen Radfahrerverbands, Mikrozensus Mobilität und Verkehr )

Eine Auswertung des Kantons Zürich aus dem Jahr 2015 lässt folgenden Schluss zu: Je bergiger das Terrain, desto weniger wird Velo gefahren. Im Kanton Zürich etwa fahren in flachen Gebieten fast doppelt so viele Personen Velo wie in hügeligen.

Das heisst also, dass die Topografie einer Stadt beziehungsweise eines Landes die Veloquote beeinflusst. Im Vergleich zu den meisten EU-Ländern ist die Schweiz tatsächlich gebirgiger. Österreich etwa, wo sich die Alpen ebenfalls erstrecken, weist mit 7 Prozent eine ähnlich niedrige Veloquote auf wie die Schweiz.

Versteht man unter «andere Voraussetzungen», die Scherrer anspricht, auch die klimatischen Bedingungen eines Landes, lohnt sich ein Blick in kalte Länder wie Finnland oder Schweden: Gemäss obigem Vergleich ist deren Veloanteil trotz harter Winter höher als in der Schweiz: In Schweden beträgt er 17, in Finnland 14 Prozent.

Fazit: Scherrers Aussage, wonach sich topografische beziehungsweise klimatische Bedingungen von Land zu Land unterscheiden und dies die jeweilige Veloquote beeinflusst, ist richtig. Wie genau sich die Veloquote auf einzelne Bedingungen zurückführen lässt, ist kaum abzuschätzen.

Matthias Aebischer, Präsident Pro Velo Schweiz, sagt:

«Es geht um die Volksgesundheit.»

Der Check:
Gleich mehrere Studien kommen zum Schluss, dass sich Velofahren positiv auf Gesundheit und Fitness auswirkt. So beobachteten beispielsweise Forscher der schottischen Universität Glasgow im Rahmen einer Fünfjahresstudie, dass Menschen, die mit dem Velo zur Arbeit fahren, ihr Risiko für Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen um fast die Hälfte senken konnten.

Eine Forschungsgruppe der Universität Basel kommt zudem zum Schluss, dass das Training mit dem E-Bike jenem mit dem herkömmlichen Fahrrad keineswegs hinterherhinkt, sondern einen vergleichbaren Nutzen für die Fitness und die Gesundheit hat – etwa, was Blutdruck, Stoffwechsel und Psyche betrifft.

Neben dem persönlichen Nutzen für die Velofahrer gibt es auch einen Nutzen, von dem die Allgemeinheit profitiert. Velofahren hat positive Auswirkungen auf Klima- und Umweltkosten, indem es (im Unterschied zum Auto) zu einer Verringerung der Luft- und Lärmbelastung beitragen kann. Eine verbesserte Gesundheit führt zu eingesparten Kosten bei der Krankenkasse.

Das Bundesamt für Raumentwicklung bezifferte 2015 die externen Kosten des Veloverkehrs, die beispielsweise durch Unfälle entstehen, auf knapp 470 Millionen Franken. Sie stehen 450 Millionen Franken externem Gesundheitsnutzen gegenüber – also eingesparte Gesundheitskosten, die der Allgemeinheit zugutekommen.

Fazit: Gemäss der erwähnten Kosten-Nutzen-Analyse überwiegen die externen Kosten knapp dem Gesundheitsnutzen für die Allgemeinheit. Zählt man jedoch den individuellen Nutzen dazu, ist es richtig, zu sagen, dass Velofahren der Volksgesundheit dient.

Roland Rino Büchel, SVP-Nationalrat, sagt:

«Die 1,8 Millionen werden kaum reichen, um den ganzen Verkehr zu entflechten.»

Der Check:
Dem Bund entstehen durch die Aufwertung des Veloverkehrs und die für ihn damit verbundenen Arbeiten ein zusätzlicher Personalaufwand von ungefähr 1,5 Stellen und Kosten von voraussichtlich rund 1,8 Millionen Franken pro Jahr. Aus Sicht von Büchel ist das nicht genug, um den Verkehr zu entflechten und dadurch sicherer zu machen. Die Kosten dürften deshalb steigen, so die Befürchtung des SVP-Nationalrats.

Mit Blick auf die Fuss- und Wanderwegnetze, deren Schutz bereits 1979 in der Verfassung verankert wurde, ist diese Sorge allerdings unbegründet. «Die dafür eingesetzten Mittel blieben seit 20 Jahren konstant», schreibt das Uvek bei den Eckpunkten der Vorlage (Faktenblatt 1). 2,5 Vollzeitstellen und 1,8 Millionen Franken setzt der Bund für die Förderung der Fuss- und Wanderwege ein. Bei den Velowegen soll es der gleiche Aufwand sein.

Fazit: Büchels Angst vor einer Kostenexplosion ist unbegründet, wie die Entwicklung bei den Fuss- und Wanderwegnetzen zeigt. Ob mit dem geplanten Budget eine Entflechtung des ganzen Verkehrs erreicht werden kann, ist allerdings noch nicht abzuschätzen.

Bonus:

Was ist der «A-Pfosten?»

Als es in der Diskussion um die Velounfälle geht, verortet Alt-Nationalrat Scherrer die Mehrzahl davon im Kreiselverkehr, und zwar wegen des «A-Pfostens». «Das Problem sind sogenannte A-Pfosten-Unfälle», ruft Scherrer. Fragende Blicke der anderen «Arena»-Gäste.

Der A-Pfosten sei die Schalung zwischen der Windschutzscheibe und dem Fenster auf der Fahrerseite, dieser senkrechte Balken, erklärt Scherrer. Dieser werde breiter, und deshalb könne man als Automobilist ein herannahendes Velo viel leichter übersehen. Kann sein. Nur warum soll das ein Argument für ein Nein zur Vorlage sein?

Alle bisherigen Faktenchecks finden Sie in unserer Collection. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2018, 14:13 Uhr

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