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Beat Zehnder im Interview«Wir sparen, wo wir können»

Der Schweizer Rennstall Alfa Romeo hat Corona gerade so überstanden – und muss nun zum Neustart der Formel 1 in Österreich die logistischen Herausforderungen meistern.

Während Monaten stand die Formel 1 still – bald bewegt sie sich wieder: Beat Zehnder, Teammanager des Schweizer Rennstalls Alfa Romeo
Während Monaten stand die Formel 1 still – bald bewegt sie sich wieder: Beat Zehnder, Teammanager des Schweizer Rennstalls Alfa Romeo
Foto: Antonin Vincent (DPPI)

In den letzten Jahren stand Ihr Rennstall immer wieder vor dem Abgrund. Vor vier Jahren brachten die aktuellen Besitzer finanzielle Sicherheit. Doch nun kam Corona. Wie gross sind die Existenzängste?

Wir wären als Privatteam Sauber jetzt wahrscheinlich am Ende. Ohne einen finanzstarken Eigentümer im Hintergrund wäre das kaum zu überleben gewesen. Glücklicherweise konnten wir den Mitarbeitern früh kommunizieren, dass der Eigentümer zu uns steht und sie keine Angst haben müssen. Und unterdessen wissen wir auch, dass wir niemanden entlassen müssen, sondern in dieser Stärke verbleiben.

Aber um Sparmassnahmen wird man in Hinwil nicht herumkommen.

Natürlich. Wir müssen massive Einbussen in Kauf nehmen – das hängt auch davon ab, wie viele Rennen noch gefahren werden. Wir sparen, wo wir können, und geben nur noch das aus, was wirklich notwendig ist. Auch in meinem Bereich: Früher flogen wir nach Belgien, nun fahren wir dorthin. Und wir probieren, das Frachtvolumen zu reduzieren. Glücklicherweise konnten sich die Teams darauf einigen, dass mit dem 2020er-Auto auch 2021 gefahren und dass es eine Budgetobergrenze von 145 Millionen geben wird. Das ist zwar noch immer weit davon entfernt, was wir sonst ausgeben – aber immerhin.

Wie haben Sie die Zeit im Homeoffice erlebt?

Die ganze Formel 1 stand 63 Tage still – da lief auch bei uns nur sehr wenig. Meine Assistentinnen hatten frei, ich arbeitete manchmal von daheim aus, wenn wieder einmal eine Kalenderänderung kam. Ich machte alles allein – aber es war ja nicht wahnsinnig viel. Weil alles abgesagt wurde, konnte ich nichts anderes tun, als Hotels und Fluggesellschaften zu informieren, dass wir nicht kommen.

Sonst geht es in der Formel 1 Schlag auf Schlag, nun waren Sie zum Nichtstun verdammt.

Es war eine komplett neue Erfahrung – mir fehlte etwas, wie wohl allen. Ich probierte, das Team zu motivieren. Wir machten einen Whatsapp-Chat, in dem wir einander Bilder schickten, wenn wir joggen oder Velofahren gingen. So wollten wir uns pushen, austauschen und motivieren. Das klappte recht gut.

Haben Sie sich neue Hobbys zugelegt?

Ich habe sehr viel gelesen. «Das Foucaultsche Pendel» und «Baudolino» von Umberto Eco, der «Graf von Monte Christo» von Alexandre Dumas, der «Herr der Ringe» – all die dicken Bücher, die ich vor zwanzig Jahren mal gelesen hatte. Früher hatten wir auf den Langstreckenflügen keine Computer dabei – damals las ich sehr viel.

«Ich bläute unseren Mitarbeitern immer wieder ein: ‹Befolgt um Himmels Willen die Richtlinien! Das Schlimmste wäre, wenn wir das Virus in die Firma einschleppen.›»

Wie haben Sie das Team und die Mitarbeiter während des Lockdown erlebt?

Extrem positiv! Jeder will arbeiten. Das ist ja auch die Eigenschaft von einem Rennteam: Sie wollen immer – sonst wären sie nicht hier. Der persönliche und zeitliche Einsatz, den jeder leistet, ist enorm. Jeder hätte gerne viel früher begonnen, alle sind topmotiviert. Ich bläute unseren Mitarbeitern aber immer wieder ein: Befolgt um Himmels Willen die Richtlinien! Geht nicht unter die Leute, durchmischt euch nicht! Das Schlimmste wäre, wenn wir das Virus in die Firma einschleppen würden. Offenbar hielten sich alle daran: Wir hatten bisher keinen einzigen Fall.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie dem Neustart entgegen?

Wichtig ist, dass es überhaupt losgeht. Wir sind ja alles Rennverrückte, deren Job es ist, so schnell es geht im Kreis herumzufahren. Ich bin sicher, dass alle Beteiligten die notwendigen Massnahmen getroffen haben, dass wir die Rennen problemlos über die Runden bringen können – auch wenn sie ohne Zuschauer stattfinden. Das ist zwar schade, aber vernünftig so.

Leere Ränge statt volle Tribünen: An das Bild, hier Alfa-Romeo-Fahrer Antonio Giovanazzi, muss sich die Formel 1 erst gewöhnen.
Leere Ränge statt volle Tribünen: An das Bild, hier Alfa-Romeo-Fahrer Antonio Giovanazzi, muss sich die Formel 1 erst gewöhnen.
Foto: Joan Monfort (Keystone)

Andere Teams haben mit alten Autos getestet. Weshalb hat Alfa Romeo darauf verzichtet?

Wir konnten nicht testen, weil wir kein Auto dafür haben. Wir haben nie fahrbare Autos behalten – das ist auch ein finanzieller Aufwand, und im Normalfall muss man nicht privat mit einem alten Auto testen gehen, wenn man 22 Rennen pro Saison hat. Wir haben zwar ein fahrbares Auto aus der Saison 2012, das ist aber ein pures Demofahrzeug. Die verfügbare Laufleistung von Motor und Getriebe würde richtige Tests gar nicht erlauben.

Also müssen Trockenübungen reichen?

Wir trainieren intensiv Boxenstopps und nehmen auch noch einmal alle Abläufe ganz genau durch. Auch die ganz offensichtlichen Dinge. Beispielsweise, dass man 15 Sekunden vor der Aufwärmrunde das Auto nicht mehr anfassen darf.

Ist es kein Nachteil, dass die Fahrer nicht auf der Strecke testen konnten?

Es schadet sicher nicht, wenn man die Möglichkeit hat. Andererseits: Wenn man nach zweieinhalb Monaten Winterpause bei den Tests in Barcelona wieder ins Auto sitzt, muss man auch nicht alles von null auf wieder lernen. Es ist wie beim Velofahren. Ich glaube, sie haben es sofort wieder drin.

Unser Glück ist, dass wir alle im selben Gasthaus untergebracht sind. Sobald wir da sind, haben wir das Hotel und das Restaurant für uns.

Länger dürfte es dauern, bis man sich an die umfangreichen Schutzmassnahmen gewöhnt.

Ja, der erste Katalog hat 73 Seiten, der zweite 30. Es ist ein sehr striktes Regime. Wir werden alle regelmässig getestet, die Formel 1 bewegt sich in einer Blase und jedes Team in einem eigenen «Family-Cluster». In Österreich haben wir das grosse Glück, dass wir alle im selben Gasthaus untergebracht sind. Sobald wir da sind, haben wir das Hotel und das Restaurant für uns. Wir minimieren den Kontakt nach aussen, wo wir können, damit wir das Virus nicht einschleppen. Wenn wir zehn Leute in eine Quarantäne stecken müssen, dann sind wir nicht mehr operativ.

Ist das Team aufgrund der Corona-Massnahmen kleiner als üblich?

Wir haben keine Leute vom Catering dabei, keine Hospitality, kein Marketing, die ganze Gästebetreuung fällt weg. Im Normalfall sind es ungefähr 80 Personen, nun sind wir bei 66.

Acht Rennen in zehn Wochen – das ist eine sehr hohe Pace.

Wir haben schon länger damit gerechnet. Und unser ureigenstes Interesse ist es, so viele Rennen zu fahren, wie es nur geht. Natürlich ist es eine gewaltige Aufgabe, fürs Rennteam wird es sehr hart. Wenn wir drei Wochenenden in Folge Rennen haben, werden wir zwischendurch nicht heimkehren – auch, damit wir in unserem Cluster bleiben.

Was machen Sie, damit das für alle erträglich wird?

In Österreich können wir dank der langjährigen Beziehungen zum Hotel ein Sport- und Unterhaltungsprogramm anbieten. Badmintonturniere, Boccia, Fussballspiele – wir können aktiv sein, um den Lagerkoller zu vermeiden. Daneben probieren wir, die zehn Wochen so stressfrei wie möglich zu organisieren. Manchmal fährt das Team, das sonst die Hospitality einrichten würde, an die nächste Destination und richtet dort schon einmal die Box ein. Zudem werden wir viel mit Charter fliegen – nicht in erster Linie, weil es bequem ist, sondern um den Kontakt nach aussen zu minimieren. Der Vorteil: Man kann die Flugzeiten selber bestimmen und muss nicht umsteigen. Wir wollen dem Rennteam, das zehn Wochen unterwegs ist, so viel Arbeit wie möglich abnehmen. Aber auch die Crew in Hinwil ist gefordert.

«Autorennen sind wie Velofahren», sagt Beat Zehnder: «Das verlernt man nicht.» Gilt auch für Alfa-Romeo-Pilot Kimi Räikkönen.
«Autorennen sind wie Velofahren», sagt Beat Zehnder: «Das verlernt man nicht.» Gilt auch für Alfa-Romeo-Pilot Kimi Räikkönen.
Foto: Larry W. Smith (Keystone)

Inwiefern?

Alle Teile, die gefahren wurden, gehen jeweils wieder heim, werden geröntgt, getestet. Wenn wir unerwartet viele Zwischen- oder Unfälle haben, müssen sie daheim 24 Stunden lang voll produzieren und Teile an die Strecke bringen. In Spielberg gingen beispielsweise zuletzt jeweils viele Frontflügel kaputt wegen der hohen Randsteine. Alle sind gefordert. Es wird hart, ist aber machbar.

Seit wann wird überhaupt wieder gearbeitet in Hinwil?

Das Rennteam war bis am 25. Mai zu hundert Prozent in Kurzarbeit, danach kamen wir gestaffelt zurück, bis Mitte Juni zu 50 Prozent – die eine Crew jeweils am Morgen, die andere am Nachmittag.

Wie muss man sich die Arbeit im Werk unter Schutzmassnahmen vorstellen?

Beim Boxenstopptraining tragen wir Helme oder Masken, bei den Arbeitsplätzen haben wir Plexiglasscheiben angebracht. Und wir haben die Putzequipe vergrössert – es wird mehr geputzt, mehr desinfiziert. Zudem haben wir noch immer rund 30 Prozent der Belegschaft im Homeoffice. Alle Renningenieure beispielsweise. Aerodynamiker und Designer sind vor Ort, die Entwicklung des Autos läuft weiter – aber auch sie können gewisse Designarbeiten von daheim aus machen.

Derzeit ist die Saison nur bis Monza geplant. Wie schwierig ist Ihre Arbeit mit der Ungewissheit, wie und wo es danach weitergeht?

Bis jetzt ist es sehr einfach: Ich kann nichts planen. In den letzten Wochen haben wir viel abgesagt, viel umgebucht, viel neu gebucht, wieder abgesagt. Ich hoffe, dass wir bis Ende Juli mehr wissen. Es ist alles extrem davon abhängig, wie sich die Situation weltweit entwickelt. Ich weiss nicht, ob wir im Oktober und im November nach Austin und Brasilien gehen können – und ob wir das überhaupt wollen.