«Wir leben hier oben im Paradies»

Die Herausforderungen der Moderne stellen sich auch im Simmental. Mit dem Besuch bei der Bauernfamilie Friedy und Ueli Matti-Kammacher startet die «Bund»-Sommerserie.

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Von der Alp auf dem Betelberg oberhalb der Lenk kommt Ueli Matti zum Zmittag. Vom Wohnhaus mit den Geranien am Fenster und dem Sinnspruch an der Holzfassade geht der Blick über das hinterste Dorf im Simmental. Gegenüber thront das Wellnesshotel Lenkerhof, unweit von Mattis stehen mächtige Beton-Chalets, in denen Hotelangestellte wohnen. Sie habe mit dem Reporter «e chly brichtet», sagt Friedy Matti. Das sei gut, meint er: «Dann muss ich nicht mehr so viel sagen.» Er sagt dann doch das eine oder andere im «breeten» Simmentaler Dialekt, der den Besucher zu Nachfragen veranlasst. «Das ist eben Heimat», sagt Ueli Matti grinsend in Anspielung auf das «Bund»-Serienmotto, «dazu muss man stehen und fertig.» Auch sie stehe dazu, sagt die Ehefrau, doch spreche sie den Dialekt etwas entschärft, um es dem Gast nicht allzu schwer zu machen.

Mattis führen einen Landwirtschaftsbetrieb. 1994 stellten sie auf Bio-Produktion um, noch bevor der Trend die Grossverteiler erreichte. Einige hätten prophezeit, die Flausen vergingen ihnen bald, doch Mattis blieben dabei. Landwirtschaft verlange Einsatz und Herzblut, sagt Ueli Matti. Gehe es nur «um d Chöle», komme es nicht gut. Friedy Matti sagt, wenn sie hie und da Fleisch zubereite, sei es Bio-Qualität von einem Tier, das natürliches Futter gefressen habe. Ware aus der Mastfabrik rieche oft «gruusig», sagt sie und fragt rhetorisch: «Denken denn die Leute, dass sich das gespritzte Zeug in Luft auflöst?»

Mattis haben Kühe auf der Alp, die von einem «Chüjer» gehütet und gemolken werden. Sie geben Bio-Milch, für die der Grossverarbeiter einen höheren Preis bezahlt. Ueli Matti ist froh, die Milch an eine Organisation abliefern zu können. «Selbstvermarktung wäre nicht mein Ding, mir liegt es nicht, jedem Kunden die Füsse zu küssen.» Er, der das Herz nicht auf der Zunge trägt, gerät in Begeisterung, wenn er über seine Heimat spricht: «Wir leben hier oben im Paradies.» Er gehe zwischendurch gern einmal fort, komme aber noch lieber wieder nach Hause. «Einen solch schönen Talabschluss wie mit dem Wildstrubel gibts nirgends.» Dann zückt er das Smartphone und zeigt, wie auf der Alp die Sonne hinter einer Kuh versinkt. «Das sind verrückt schöne Momente.»

Reine Natur gibts auch hier nicht

Landwirtschaft ist so wenig ein Selbstläufer wie das andere Standbein der Gegend, der Tourismus. So wird das in die Jahre gekommene Reka-Dorf neu erbaut. Im Tourismus wird mit grösserer Kelle angerichtet als in der Landwirtschaft. Er habe über die grossen Summen gestaunt, mit denen man dort operiere, sagt Ueli Matti, der früher im Verwaltungsrat der Bergbahnen sass. «Dafür nehmen sie eher die Mannen», sagt seine Frau. In dieser Funktion sei er einige Male ins Ausland gereist, sagt Ueli Matti: nach Österreich oder ins Südtirol, um Bahnen zu besichtigen, Schneeanlagen oder die dazugehörigen Speicherseen, wie sich heute auch auf Mattis Land einer befindet. Schneekanonen und Naturschutz, wie geht das zusammen? Sie seien «grün, aber nid uuzyttig», sagt er. Das Leben funktioniere auch hier nicht ohne Kompromisse.

«Selbstvermarktung wäre nicht so mein Ding, mir liegt es nicht, jedem Kunden die Füsse zu küssen.»

Wie fern ist die Kantonshauptstadt? Er sei oft dort gewesen, «auch im Bundeshaus», aber auch froh, wenn er «nid ahi mues». Und schon gar nicht, um mit seiner Frau zu shoppen. Wenn sie für Weiterbildungskurse nach Bern fährt, schaut sie sich für ihn um: «Ich bringe ihm manchmal Kleider mit, das geht am einfachsten.» Friedy Matti ist gelernte Hauswirtschaftslehrerin und erteilt seit längerem DaZ, Deutsch als Zweitsprache. In der Klasse sitzen Schüler verschiedenster Herkunft: von Portugiesen über Kroaten bis zu Irakern.

Einige könnten noch fast nichts, andere seien hier aufgewachsen, hätten sich aber nur ein rudimentäres Gassendeutsch angeeignet. «Es ist eine schöne Arbeit und sehr bereichernd», sagt Friedy Matti. Sie bekomme Einblick in unterschiedlichste Familien. Sie gibt auch Französischstunden – und überrascht mit dem Bekenntnis, dass das oft gescholtene Lehrmittel «Mille Feuille» «gar nicht so schlecht» sei. Es ermögliche spielerisches Experimentieren mit der Sprache, und obwohl es nicht vorgesehen sei, baue sie bei Bedarf «stinkfrech» Grammatik-Inputs ein.

Praktikanten aus Nordkorea

Die Lehrerin ist nicht so stark mit der Scholle verbunden wie ihr Mann: «Ich könnte an vielen Orten wohnen, solange es der Familie gut geht.» Ihr sei es auch nicht schwergefallen, das von Mutters Seite stammende Wohnhaus zu verlassen und in die von Vaters Seite stammende Liegenschaft in der Nähe umzuziehen. Der Sohn arbeitet als Informatiker in der Region Bern und bestellt die Kleider übers Internet, die Tochter ist Ernährungsberaterin in Interlaken. Selbst wer an der Lenk bleibt, wird von der Welt besucht: Bei der Ankunft am Bahnhof wartet eine arabische Sommerfrischler-Familie auf das Züglein, die Frauen voll verschleiert. Daran hätten sich die meisten Einheimischen gewöhnt, sagt Friedy Matti.

Vor einigen Jahren beherbergten Mattis mehrfach eine Agronomen-Delegation aus Nordkorea. Die Praktikanten arbeiteten in der Berglandwirtschaft, um Erkenntnisse für ihre gebirgige Heimat abzuleiten, wo kurz zuvor eine Hungersnot grassiert hatte. Sie hätten sich mit Gesten, Zeichnungen, Händen und Füssen verständigt, sagt Friedy Matti. Es sei eine interessante Erfahrung gewesen. Die Nordkoreaner waren fleissig und lernwillig, sonntags steckten sie den polierten Knopf mit dem Bild des Grossen Führers ans Hemd. Einmal merkten Mattis, dass ein Praktikant frühmorgens mit ihrem Auto auf- und abfuhr, was ihm seine Regierung nie erlaubt hätte. «Er dachte wohl, dass er zu Hause kaum mehr die Gelegenheit haben würde, sich hinter ein Steuer zu setzen», sagt Friedy Matti. «Wir haben die Sache für uns behalten, sonst hätte er zu Hause sicherlich ernste Schwierigkeiten bekommen.»

Die Kontakte zwischen dem kommunistischen Regime und den gläubigen Oberländer Bauern fädelte Campus für Christus ein, eine missionarische Organisation. Doch beide Seiten wussten, woran sie miteinander waren, und rührten nicht an weltanschauliche Grenzpfähle. Die Nordkoreaner warteten vor dem Essen geduldig das Ende des Tischgebets ab, bevor sie zulangten. Sie halte ohnehin nicht viel davon, Leute «um dä Egge z schriisse», indem man auf sie einrede, sagt Friedy Matti. Zu oft habe sie erlebt, dass hinter einer frommen Fassade vieles nicht stimme. «Das glaubwürdigste Zeugnis gibt man mit seinem Leben ab und damit, wie man sich gegenüber anderen Menschen verhält.»

(Der Bund)

Erstellt: 10.07.2018, 06:41 Uhr

«Bund»-Sommerserie

Die Welt mag aus den Fugen sein. Auch die Schweiz ist nicht immer so, wie es wünschbar wäre. Doch es gibt den Ort, an dem man sich wohlfühlt, der einem ein Stück Heimat ist. Menschen aus dem Kanton Bern zeigen uns einen Ort, den sie besonders mögen. Und sie sagen, weshalb sie dieses Refugium niemals aufgeben würden.

Lenk in Zahlen

Von der Lenk nach Bern sind es 84 Kilometer. Mit der Bahn fährt man 2Stunden und 15 Minuten, mit dem Auto etwa anderthalb Stunden. Für Familie Matti ist der Bahnhof 400 Meter entfernt, gleich weit ist es zur Postautostation. Die Primarschule liegt 350 Meter entfernt. Das Dorf Lenk im Simmental liegt auf 1068 Metern über Meer und ist vor allem als Ferien- und Wanderdestination bekannt.

In der Gemeinde leben gut 2300 Personen, davon sind gut 180 Ausländer. Rund drei Viertel der Bevölkerung sind reformiert. Die Steueranlage liegt bei 1,94 (zum Vergleich die Stadt Bern: 1,54). Die Post unterhält hier eine Filiale. In der Gemeinde gibt es ein gutes Dutzend Hotels, das höchstrangierte ist der Lenkerhof mit 5 Sternen.

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