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Ökonom ruft zum Umdenken auf«Wir haben unseren Luxus ertrickst»

Der deutsche Ökonom Niko Paech hält den Rückbau der Globalisierung für nötig. Die Krise könnte eine Chance sein, das Konsumverhalten zu verändern.

Niko Paech will «Wohlstandsballast abwerfen»: Ein Uhrmachermeister in der Wiener Innenstadt wirbt mit dem Coronavirus für den Kauf seiner Produkte.
Niko Paech will «Wohlstandsballast abwerfen»: Ein Uhrmachermeister in der Wiener Innenstadt wirbt mit dem Coronavirus für den Kauf seiner Produkte.
Foto: Klaus Titzer (Keystone)

Herr Paech, die Angst vor einer schweren Rezession geht um. Wie wirkt das auf Sie, wenn die Leute dazu aufgerufen werden, jetzt besonders viel zu konsumieren, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln?

Ich habe Verständnis dafür, dass man einen Absturz ins Bodenlose verhindern will. Deshalb braucht es unternehmerische und staatliche Investitionen, um das Einkommen und die Güterversorgung zu stabilisieren. Aber insgesamt ist eine Verringerung der Produktion und des Verkehrs nötig. Wir haben zu lange darauf vertraut, dass die Umweltprobleme durch technischen Fortschritt überwunden werden können. Das Gegenteil ist der Fall. Die angeblich sauberen Technologien haben manche Probleme noch verschärft.

Inwiefern?

Ob Sie nun die Abfallmengen, die Artenvielfalt, die Wasserknappheit, die CO2-Emissionen oder die Bodenversiegelungen betrachten: Alle Statistiken zeigen, dass wir nichts erreicht haben durch die viel beschworene grüne Wende. Der Elektrofahrradboom hat nicht dazu geführt, dass mehr Leute ihr Auto in der Garage stehen lassen, aber er hat den Bedarf an Elektrizität, Erdöl und Rohstoffen für die Akkus massiv erhöht. Die Fotovoltaik- und Windkraftanlagen haben zu einer Entstellung der Landschaft geführt und stellen einen massiven Eingriff in die Natur dar – und gleichzeitig sinken die Treibhausgasemissionen kaum. Technologische Innovationen ändern nichts daran, dass unser Wohlstand auf ökologischer Plünderung beruht. Es braucht dringend eine Postwachstumsstrategie.

Ist die Corona-Epidemie in Ihren Augen eine Art Weckruf?

Es ist offensichtlich, dass die Corona-Krise die gleichen Ursachen hat wie der Klimawandel, der Artenschwund und viele weitere von uns verursachte Krisen. Hoffentlich ist das für viele ein Anlass, über Alternativen zum angeblichen Wachstumszwang nachzudenken. Wenn wir an unseren Konsum- und Mobilitätsansprüchen festhalten, mit dem Billigjet zur nächsten Party fliegen, uns alle Arbeiten von Energiesklaven abnehmen lassen, müssen wir sehr bald neue Planeten erschliessen. Die Dinge sind offensichtlich ausser Kontrolle geraten.

Worin zeigt sich das?

Zwölf Jahre nach der schweren Finanzkrise zeigt sich erneut, dass niemand diese globalisierte Wirtschaft kontrollieren kann. Es ist eine Schönwetterökonomie, die in guten Zeiten spottbillig die tollsten Wohlstandsartefakte ausspuckt, die aber jederzeit wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen kann. Wir befinden uns im Blindflug und produzieren Risiken über Risiken. Weil wir so arrogant waren, sind wir in mittelalterliche Zustände zurückgefallen: Plötzlich sind elementare Dinge wie die Gesundheit und die Versorgung mit Gütern des täglichen Gebrauchs nicht mehr sichergestellt. Es ist höchste Zeit, einen massvollen Rückbau der Globalisierung und Technologisierung in Angriff zu nehmen.

«Es ist offensichtlich, dass die Corona-Krise die gleichen Ursachen hat wie der Klimawandel, der Artenschwund und viele weitere von uns verursachte Krisen.»

Niko Paech, Ökonom

Sollen wir das Rad der Zeit zurückdrehen?

Ich setze mich dafür ein, dass wir Sicherheit und Integrität zurückerlangen. Wir können lange über Klimaziele debattieren – solange wir nicht bereit sind, uns mit einem CO2-Verbrauch von einer Tonne pro Person und Jahr zu begnügen, sind wir Ignoranten oder Heuchler. Unser heutiger Luxus steht uns nicht zu; wir haben ihn ertrickst, indem wir die Kosten und Schäden verschoben haben. 60 Prozent der Umweltschäden, welche die Schweizer verursachen, schlagen im Ausland zu Buche. Unsere Konsumgesellschaft muss sich beschränken. Endlos werden die Staaten die Konsequenzen unserer Lebensweise nicht mit weiterer Verschuldung abfedern können.

Was schlagen Sie konkret vor?

Die von mir in die Debatte eingebrachte Postwachstumsökonomie beruht auf mehreren Schritten: Erstens gilt es, Wohlstandsballast abzuwerfen. Das ist kein Verzicht, sondern eine Entlastung, weil wir die Zeitsouveränität zurückgewinnen und so den Stress überwinden. Zweitens müssen wir wieder mehr auf Eigenproduktion setzen, unsere handwerklichen Fähigkeiten zurückgewinnen, die Lebensdauer von Geräten durch Instandhaltung und Reparatur verlängern. Drittens braucht es wieder regionale Versorgungssysteme und einen Rückbau der globalisierten Industrie. Reparaturorganisationen wie das Schweizer Unternehmen Revendo, das seine Kunden mit Apple-Geräten versorgt, ohne ein einziges neues Produkt zu verkaufen, sind ermutigende Beispiele.

Wie genügsam leben Sie selber?

Ich besitze kein Auto, kein Eigenheim, keinen Fernseher, kein Mobiltelefon. Geflogen bin ich ein einziges Mal in meinem Leben. Kürzlich habe ich mit viel Freude ein weiteres Mal mein zwölfjähriges Notebook repariert.

Leiden Sie unter den Einschränkungen?

Im Gegenteil. Ich führe ein sehr genussvolles Leben, schwelge in Literatur und Musik, spiele in zwei Bands und esse gern gut – seit den 1970er-Jahren vegetarisch. Es tut unheimlich gut, sich von Überfluss zu befreien und sich auf jene Dinge zu konzentrieren, die durch eigene handfeste Mitwirkung entstehen. Arbeit bedeutet ja ursprünglich das: miteinander etwas herzustellen. Es bedeutet nicht, alles so zu organisieren, dass man nur noch Informations- und Geldflüsse steuert, alles delegiert, was zeitraubend oder anstrengend sein könnte, und sich in seinem Convenience-Dasein amüsiert und optimiert. Wenn wir wieder mehr aufeinander angewiesen sind, wird unser soziales Kapital reichhaltiger, wir sind weniger einsam. Und die Dinge gewinnen für uns an Wert dadurch, dass wir ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken.

Sie haben sich zu Beginn Ihrer Laufbahn politisch engagiert. Trauen Sie der Politik inzwischen nicht mehr zu, die Weichen anders zu stellen?

Kein Politiker kann es sich leisten, sich gegen die Lebensrealität seiner Wähler zu stellen. Wir sollten deshalb nicht nach politischen Lösungen schreien. Erst wenn in der Zivilgesellschaft ein Aufstand der Handelnden stattfindet, kann die Politik ihre Angst vor einer Postwachstumsökonomie verlieren.

«Niemand wird sagen können, er habe nicht gewusst, was er mit seinem Lebensstil anrichte.»

Niko Paech, Ökonom

Und woher nimmt der Einzelne die Motivation, auf Gewohntes zu verzichten?

Letztlich müssen wir uns alle die Frage stellen, wer wir einmal gewesen sein wollen: dressierte Affen, die auf den Glitzer des Konsums reingefallen sind und damit den Planeten ruiniert haben, oder aufgeklärte Menschen, die verantwortungsvoll mit ihrer Freiheit umgegangen sind. Niemand wird sagen können, er habe nicht gewusst, was er mit seinem Lebensstil anrichte. Und wir schaden damit ja nicht nur der Umwelt, sondern viel direkter uns selber. Mitten im Konsumrausch nimmt unser Wohlbefinden ab. Die Suizidrate, die Burn-out-Erkrankungen, der Psychopharmakagebrauch – diese Werte schiessen in die Höhe.

Sie werden regelmässig heftig angefeindet. Warum nehmen Sie das auf sich?

Was mich antreibt, ist die Empörung darüber, mit welcher Rücksichtslosigkeit Menschen einen Wohlstand beanspruchen, der ihnen nicht zusteht. Dieser Wohlstand ist nicht das Resultat eigener Arbeit, sondern Ausdruck unserer Gier und Verantwortungslosigkeit. Er beleidigt jedes intakte Gerechtigkeitsempfinden. Natürlich umarmen mich die Leute nicht, wenn ich an den Grundfesten unserer Konsumgesellschaft rüttle und ihnen den Spiegel vorhalte. Aber es braucht Störenfriede, die die Systemlogik infrage stellen und uns in Erinnerung rufen: «Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht.»