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Gastbeitrag zu neuen WirtschaftsformenWir brauchen mehr soziale statt technische Innovationen

Gesellschaft und Wirtschaft können nicht mehr weitermachen wie bisher. Neue Formen der Zusammenarbeit aber verdienen mehr Aufmerksamkeit und Förderung.

Zum Beispiel Hasliberg: In den peripheren Berggebieten sind Ideen gefragt, wie sich Wirtschaft und Tourismus erneuern können.
Zum Beispiel Hasliberg: In den peripheren Berggebieten sind Ideen gefragt, wie sich Wirtschaft und Tourismus erneuern können.
Foto: Yvain Genevay

In Krisen entstehen Innovationen. Wenn diesen Innovationen neue Formen der Zusammenarbeit zugrunde liegen, so spricht man von sozialen Innovationen. Um uns herum entstehen gegenwärtig zahlreiche soziale Innovationen: Aktive Nachbarschaftshilfen organisieren sich über Nacht, die junge Generation hilft älteren Menschen beim Einkaufen. Vielerorts entstehen Plattformen, auf denen sich das lokale Gewerbe präsentiert. Die Spiezer Initiative «co-hiuf» ist so ein Beispiel: Drei junge Männer setzten ihre Idee einer solchen Internetplattform mithilfe der lokalen Marketingorganisation um. Ein anderes Beispiel ist die Vermittlungsplattform für saisonale Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, die der Schweizer Bauernverband auf Initiative privater Unternehmen gestartet hat. Auch im Tourismus finden sich eine Vielzahl an sozialen Innovationen: Interlakner Hotels bieten sinnvolle Lösungen an wie Hotelzimmer als Homeoffice-Arbeitsplätze, oder sie kooperieren mit lokalen Handwerkern und bieten ein Zuhause während der Sanierung der eigenen vier Wände.

Ein besonderes Kennzeichen sozialer Innovationen ist, dass sie gesellschaftliche Strukturen verändern können. Neue Praktiken des Zusammenlebens und des Wirtschaftens entstehen, die sozialen Innovationen wirken über die Krise hinaus. Und das ist gut so, denn in der jetzigen Krise sehen wir auch, dass Gesellschaft und Wirtschaft nicht mehr so weitermachen können wie bisher. Das System ist kaum krisenresistent, die Grenzen der Umweltbelastung sind längst erreicht. Wir erkennen, dass sich wirtschaftliches Wachstum nur mehr auf Kosten von Umwelt und Gesellschaft erreichen lässt. Anders gesagt, das System ist auf Kante genäht: Das Gesundheitssystem wurde auf Effizienz hochgetrimmt – nun sind die Lager mit Schutzausstattung zu knapp; Unternehmen sollten immer wettbewerbsfähiger und effizienter werden – nun fehlen ihnen die finanziellen Polster.

Technische Innovationen lassen glauben, es könne weitergehen wie bisher,
nur mit anderen Technologien.

Doch ein Hinterfragen der ökonomischen Strukturen begann schon vor der Corona-Krise: dort, wo die Bevölkerung abwandert, die Wirtschaft kriselt, die Umweltprobleme sich als Naturgefahren darstellen, die Gäste schon seit einer Weile ausbleiben. Vor diesem Hintergrund entstand im östlichen Berner Oberland mit dem Projekt «Zukunft Hasliberg» ein partizipativer Prozess für Ideen, wie diese periphere Berggemeinde sich erneuern kann. Ein Mehrgenerationenhaus und ein Netzwerk zur Stärkung der lokalen Holzwirtschaft entstanden. Adelboden animiert Zweitwohnungsbesitzer mit dem Projekt «Sanieren ist die halbe Miete», ihre Wohnungen zu sanieren. Auch dies eine soziale Innovation, die nicht auf neue Touristen aus fernen Märkten setzt, sondern das lokale Gewerbe mit dem Tourismus in Verbindung bringt und Alternativen zum quantitativen Wachstum der Branchen bietet. Andernorts entstanden regionale Wertschöpfungsketten rund um landwirtschaftliche Produkte oder auch neue Formen der Zusammenarbeit in Sachen erneuerbare Energien.

Doch wie geht es weiter nach der Krise? Werden sich die sozialen Innovationen halten? Wie entwickelt sich die Solidarität der Zivilgesellschaft? Werden der öffentliche Sektor, die Unternehmen und die Gesellschaft in Zukunft vermehrt zusammenarbeiten und nach Lösungen für dringende Probleme suchen? Soziale Innovationen sind notwendiger denn je, denn nach dem Lösen der Herausforderungen der Corona-Krise muss unsere Gesellschaft wieder den anderen Krisensituationen ins Gesicht schauen und Lösungen suchen – für die Klimakrise, das Artensterben, die Ressourcengrenzen, den demografischen Wandel. Die gegenwärtige Krise zeigt: Soziale Innovationen binden das Engagement und die Kreativität vieler ein, sie verändern gesellschaftliche Strukturen. Demgegenüber lassen uns technische Innovationen glauben, es könne weitergehen wie bisher, nur mit anderen Technologien.

Die in einer Krise geborenen Innovationen brauchen ein Umfeld mit fruchtbarem Boden. Öffentliche Gelder, z.B. für die Regionalpolitik oder lokale Wirtschaftsförderung, waren lange für technische Innovationen vorgesehen. Wir erleben, dass es ein Umdenken braucht und soziale Innovationen mehr Aufmerksamkeit und Förderung verdienen. Dazu braucht es eine Kultur, die jene unterstützt, die aktiv werden. Hierfür müssen Räume geschaffen werden, in denen experimentiert werden kann, damit Gesellschaft, Wirtschaft und öffentlicher Sektor gemeinsam Sinnvolles entwickeln können.

Die Autorinnen und Autoren arbeiten an der Universität Bern und an der Eidgenössischen Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft. Sie führen gemeinsam ein vom Schweizerischen Nationalfonds finanziertes Forschungsprojekt zu sozialen Innovationen im Berggebiet durch und haben bereits vor der Corona-Krise ein Inventar für soziale Innovationen im Berner Oberland erstellt (www.sozinno.unibe.ch).