Winters bewegter Sommer

Der Teenager Jakub Winter ist im Winter in Bern-Buech daheim. Im Sommer ist Winter hingegen auch Mal in Bäretswil zu Hause oder in Stäfa, Reichenburg, Einsiedeln.

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Wo sieht man sie denn als Erstes, die eigene, kleine Heimat? Vielleicht beim noch etwas schläfrigen Blick aufs Vertraute, wenn frühmorgens die Vorhänge aufgezogen werden? Schaut Jakub Winter aus seinem Schlafzimmer, sieht er oft eine Fabrik. Oder alte Apfelbäume. Oder eine abgrundtiefe Kiesgrube. Oder den Schilfgürtel eines Sees. Oder eine Klosterkirche. Gestern früh wars ein ganzes Arsenal weisser Siloballen, die auf einer abgemähten Wiese vor ihm lag.

Wo also ist der 16-Jährige angesichts der sich wandelnden Kulisse denn wirklich zu Hause? Die Antwort kommt schnell: «Ich bin zu Hause in Bern. Und natürlich in der Schweiz. Und im Lifestyle der Sinti.» Jakub ist also Sinto, er gehört der kleinsten anerkannten nationalen Minderheit der Schweiz an. Ein grosser Teil der schweizerischen Sinti ist während des Sommers auf Reise, so auch die Winters mit ihrer weitverzweigten Verwandtschaft. Jakub Winter ist stets mit dabei.

Ein 8 m² winziges Zuhause...

Auf dem Standplatz Bern-Buech teilt Jakub mit seinem älteren Bruder Fabian ein winziges Zimmer, in dem nicht viel mehr Platz findet als das grosse gemeinsame Bett. Der Blick nach draussen fällt aufs Recycling- und Sortierwerk an der Riedbachstrasse und die herbe Baustellenromantik darum herum. Allerdings nimmt Jakub immer zuerst seinen Bruder wahr. Der ist immer da: «Ich bin schon das ganze Leben mit ihm zusammen. Klar, manchmal nervt er. Aber eigentlich ist er genau der grosse Bruder, wie man ihn sich wünscht.» Gestern früh ist er ebenfalls neben seinem Bruder aufgewacht – auf einer mit weissen Siloballen gesäumten Wiese bei Reichenburg SZ.

Die Winters haben hier mit einem Bauern vertraglich einen Spontanhalt vereinbart. Zwei Wochen leben sie hier und kämmen die Gegend nach Arbeit ab. Jakubs kleine Heimat ist hier noch etwas kleiner als in Buech: etwa acht Quadratmeter gross. Gemeinsam mit seinem Bruder bewohnt er nämlich den «Kinderwagen», also den kleinen Caravan für die Zöglinge, die nicht mehr im elterlichen Wagen schlafen. Den knappen Raum neben dem gemeinsamen Bett füllen zwei Computer mit eindrücklich grossen Bildschirmen. Dafür sei das Wohnzimmer – also die Weite darumherum – riesengross, sagt Jakub.

…mit riesengrossem Wohnzimmer

Bei jedem Halt gilt es, das riesengrosse Wohnzimmer neu kennen zu lernen: «Ankommen heisst herumlaufen, herumschauen, überlegen, was man hier tun kann.» Entdeckt hat Jakub diesmal den Hirschlensee, in dem sich baden lässt, und einen kleinen Hügel «mit super Sonnenuntergangsstimmung». Wer so reist, begegnet stets Leuten, die nicht auf einen gewartet haben. Wie reagieren sie auf den jungen Fahrenden? «Ganz viele reagieren interessiert», sagt Jakub Winter. Sie hörten sehr aufmerksam zu, wenn er vom Alltag als Sinto erzähle, von den starken Familienbanden, der eigenen Sprache, dem Sintitikes, diesem grössten kulturellen Schatz der Sinti.

Macht es denn die eigene Heimat nicht sehr klein, wenn in der Schweiz höchstens einige Tausend Menschen die gleiche Muttersprache sprechen? Jakub kehrt die Sachlage um: Wer in einer so kleinen Sprachgemeinschaft zu Hause sei, habe halt viel mehr zu entdecken, das ausserhalb liege. Bücher in Sintitikes gibt es keine: «Also kaufe ich mir hauptsächlich englischsprachige Bücher, Romane.» Gegenwärtig ist es die Fantasy-Reihe «Warrior Cats» von Erin Hunter, die ihn packt. Sintitikes, Deutsch, Englisch, wenig Französisch und ein paar Brocken Tschechisch spreche er bis jetzt. Noch lernen wolle er Japanisch: «Japan interessiert mich kulturell ungemein.»

«Der klassische Zigeunerreflex»

Nicht alle reagierten interessiert: «Es ist einfach so. Einige urteilen herablassend, sehen uns als Schulabbrecher, Schwarzarbeiter, Steuerhinterzieher. Es ist der klassische Zigeunerreflex.» Er sei im Lehrlingsalter und verdiene sich auf seine Weise einen Lehrlingslohn, in guten Monaten rund 400 Franken. Mal verdient er etwas, wenn er mit seinem Vater und seinen Onkeln alte Mauern reparieren geht: «Das ist ein körperlich sehr anstrengend.» Mal ist er als «Selbständigerwerbender» mit seinem Cousin, dem Jenischen Sani Bader, unterwegs: «Wir hausieren also, verkaufen Besen. Und zwar tun wir das mit dem Velo, weil wir beide noch keinen Führerschein haben.» Die grösste Schwierigkeit sei dabei, ein paar Musterbesen aufs Velo zu schnallen, ohne zum allgemeinen Verkehrshindernis zu werden. Sein Grinsen sagt zugleich: Das Ganze ist auch recht vergnüglich.

Zeichnet sich heute Donnerstag nicht noch zufällig der ganz grosse Besen-Deal ab, wird Winter an der Feckerchilbi in Freiburg sein, dem wichtigsten Kulturanlass der Jenischen und der Sinti. Er wird die Kamera mit dabei haben. Jakub Winter lichtet sein Umfeld nämlich permanent ab: den Alltag in Buech, das Leben unterwegs, die Sonnenuntergänge am Hirschlensee. «Ich versuche so, meine Gefühle abzubilden.» Und es ist Teil seines Lebenstraums. Das unstete Leben als Fahrender und das «Selbständigerwerbende» Seite an Seite mit Cousin Sani Bader will er nicht aufgeben. Das Fotografieren will er aber ebenfalls zu seinem Beruf machen: «Es ist ein moderner Beruf, der total gut mit dem traditionellen Lifestyle eines Sinto zu vereinbaren ist.» Er arbeitet darauf hin: Für eine Ausstellung über die Kultur der Sinti, die im September in Bern gezeigt wird, hat auch er Fotos beigesteuert.

Auf dem Standplatz in Buech verstreichen jeweils die ereignisarmen Wintermonate. «Stimmt nicht», kontert der Teenager: «Buech ist nur langweilig, wenn man es langweilig macht.» Zwar gibts dort nichts ausser einem gemeinsamen Aufenthaltsraum und einem zerfallenden Kinderspielplatz. Aber Jakub hat einen anderen Blick: «Es ist ein schöner Ort.» Nach der sommerlichen Reise habe er jeweils grosse Lust auf «das Daheim», denn der Unterschied zwischen dem Alltag im Caravan und dem Leben auf dem Standplatz sei gross: «Die Reise steht für die Verwandtschaft. Wir sind den ganzen Sommer mit ihr zusammen. Der Winter hingegen steht für all die Freunde und Kollegen, mit denen ich aufgewachsen bin. Mit ihnen fühle ich mich am allerbesten.»

Chillen im Westside

Jakub und seine Freunde sind sich einig: Vom Standplatz Buech aus lässt sich das grosse Bern perfekt mit dem Velo erkunden. Oft radeln Jakub, seine Schwester Loreana und Cousin Sani ins Westside: «Das ist unser Jugendtreff.» Hier lasse sich vorzüglich «chillen». Also tut die fahrende Jugend exakt das Gleiche wie die sesshaften Gleichaltrigen im Westen Berns? Jakub vergleicht – und findet kleine Unterschiede. Mit dem Finger über einen Handybildschirm zu wischen und dem Gegenüber ab und zu etwas zu sagen, sei eher nicht sein Ding: «Wir reden ständig miteinander. Wir sind eigentlich den ganzen Tag miteinander am Quasseln. Das ist unser Special.» (Der Bund)

Erstellt: 09.08.2018, 08:46 Uhr

Standplatz Buech in Zahlen

Der Standplatz Bern-Buech an der Riedbachstrasse im Westen Berns ist das Ergebnis eines politischen Prozesses. 1997 stellten sich die Stadtberner Stimmberechtigten mit 75 Prozent Zustimmung klar hinter das Ziel, für die in Bern lebenden Jenischen und Sinti einen 15000 m² grossen Standplatz zu schaffen und für dessen Bau 2,9 Millionen Franken aufzuwenden. Zuvor lebte die Minderheit in prekären Verhältnissen unter dem Autobahnviadukt Weyermannshaus. Die 1998 eröffnete Siedlung ist klein, umfasst gut rund drei Dutzend Kleinparzellen für Häuschen und Wohnwagen. Sie ist von rund 120 Personen bewohnt – und überbelegt. Am 7. und 8. September feiert der Standplatz im Brünnengut sein 20-Jahre-Jubiläum. (mul)

«Bund»-Sommerserie

Die Welt mag aus den Fugen sein. Auch die Schweiz ist nicht immer so, wie es wünschbar wäre. Doch es gibt den Ort, an dem man sich wohlfühlt, der einem ein Stück Heimat ist. Menschen aus dem Kanton Bern zeigen uns einen Ort, den sie besonders mögen. Und sie sagen, weshalb sie dieses Refugium niemals aufgeben würden. (lok)

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