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Der PollerWieso der Herbst überbewertet wird

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann über die moralische Verwerflichkeit, sich über farbige Blätter zu freuen.

Nur schon optisch: Der Herbst ist das Mittelalter aller Jahreszeiten.
Nur schon optisch: Der Herbst ist das Mittelalter aller Jahreszeiten.
Foto: Keystone

In der öffentlichen Wahrnehmung ist es ein oft übersehener Fakt, dass ich Trendsetter bin. Social Distancing habe ich schon lange gemacht, bevor es von der breiten Masse aufgenommen wurde, und der Lockdown ist schon seit je mein natürliches Habitat. Deshalb war es für mich ein grosses Ärgernis, als ich neulich aus unumgänglichen Gründen nach draussen musste. Mein Unmut sollte darauf gleich noch grösser werden. Denn ich musste feststellen: Es ist Herbst. Wenn es um die vier Jahreszeiten geht, halte ich es für essenziell, klare Präferenzen zu haben. Wer nicht einmal in solchen einfachen Angelegenheiten in der Lage ist, eindeutig Stellung zu beziehen, verfügt über eine Meinungsstärke, die einem schlaffen Händedruck gleichkommt. Im Namen meines Rückgrats ist es mir deswegen ein wichtiges Anliegen darzulegen, wieso der Herbst die überschätzteste aller Jahreszeiten ist.

Plumpe Menschen schlingen sich zum Herbstbeginn Schals von äquatorialer Länge um die Hälser, schlendern Waldränder entlang und stieren mit verträumtem Blick in die farbige Welt der Laubbäume. Ein scheussliches Schauspiel, wenn Sie mich fragen. Wer sich an bunten Blättern ergötzt, muss über eine Psyche verfügen, in der es viel Platz für Grausamkeit gibt. Schliesslich verfärben sich Blätter nur darum, weil ihnen vom Baum die Chlorophyllzufuhr abgeklemmt wird, worauf sie beginnen, langsam vor sich hinzusiechen, bis ein kalter Windstoss sie letztlich vom Geäst reisst und kümmerlich zu Boden segeln lässt, wo sie von schalumwickelten Sadisten zertrampelt werden, die nur deshalb hier sind, um die niederträchtigen Gelüste ihrer schwarzen Seele durch die Betrachtung absterbender Blätter zu stillen.

Das alles geschieht unter einer Sonne, die schon lange nicht mehr das ist, was sie einmal war. Ihre Arbeitsmoral schwindet. Ihre Präsenzzeit nimmt von Tag zu Tag ab. Und das schon seit Wochen. Einst war sie der zuverlässige Heizpilz des Himmelsgestirns, nun hat sie die Ausstrahlungskraft eines durchgesessenen Wärmekissens. Nein, der Himmel meint es im Herbst nicht gut mit der Menschheit. Statt Erleuchtung schickt er Regen. Wenn immer die braven Bürger dieser Stadt sich gezwungen sehen, ihre Arme heben zu müssen, um zum Beispiel virenbefallene Ampelknöpfe zu drücken, strömen Regentropfen in das Ärmelinnere ihrer Regenmäntel. Ein Gefühl, als umklammere der eisige Griff des Todes ihre Handgelenke, um sie über die Grenze des Jenseits zu zerren.

Die herbstliche Nässe vermischt sich mit dem toten Laub am Boden zu einem rutschigen Morast, der den fauligen Geruch vom Ende aller Dinge verströmt. Ohne Steigeisen kann der Gang zum Quartierladen fatale Folgen haben. Auf dieser glitschigen Unterlage reicht die kleinste Unachtsamkeit, und man schlägt sich den Schädel an der scharfen Randsteinkante des Trottoirs auf. Dann liegt man da, mitten in dieser herbstlichen Farbcollage. Aus dem Kopf fliessen Säfte, wie aus einem schlecht verschlossenen Calzone in der Hitze des Backofens. Aufgerissene Augen starren in den düsteren Himmel, der sich gemäss mitteleuropäischer Zeit nun bereits mitten am Nachmittag zu verdunkeln hat.

Jetzt werden Sie bestimmt einwerfen, dass im Winter alles nur noch schlimmer wird. Da will ich Ihnen erst gar nicht widersprechen. Doch im Gegensatz zum Herbst ist der Winter ein ehrlicher Kerl. Er macht gar keinen Hehl daraus, das Leben auf Erden an den Rand der Erträglichkeit drängen zu wollen. Der Herbst hingegen ist ein schmieriger Typ mit unlauteren Absichten, die er versucht, hinter morbiden Laublandschaften und blassem Sonnenschein zu verbergen. Zum Glück wird seinem alljährlichen Treiben bald das Handwerk gelegt. Der Winter hat sein eisiges Regime schon angekündigt. In den Schaufenstern der Läden hängt bereits die Weihnachtsdekoration.

Der «Bund»-Redaktor hofft, Sie mit diesem Text etwas von unangenehmen Pandemiegedanken abgelenkt zu haben.

1 Kommentar
    Katrin Anthony

    Ich halte mit nur einem Wort dagegen: Hirschpfeffer.