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Ein Symbol des ScheiternsWieso das E-Trottinett eine Enttäuschung ist

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann über das Einfrieren von Menschen, «Star Trek» und was das alles mit vermeintlich moderner Fortbewegung zu tun hat.

Auch mit Elektromotor hinkt das E-Trottinett seiner Zeit hinterher.
Auch mit Elektromotor hinkt das E-Trottinett seiner Zeit hinterher.
Foto: Urs Jaudas

Streng genommen hat James Bedford nichts mit dem eigentlichen Thema dieser Kolumne zu tun. Und dennoch taugt er vorzüglich, um elegant auf dieses hinzusteuern. Denn James Bedford war der erste Mensch, der nach seinem Ableben kryokonserviert worden ist. Oder unwissenschaftlich ausgedrückt: Sein Körper wurde eingefroren, um ihn später wiederbeleben zu können.

Nach inzwischen 53-jähriger Auszeit ist es der Wissenschaft bisher jedoch nicht gelungen, Bedford wieder unter uns weilen zu lassen. So fristet er weiterhin ruhige Tage in den Räumlichkeiten der Alcor Life Extension Foundation im US-Bundesstaat Arizona.

Vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Denn wäre dem amerikanischen Psychologieprofessor kürzlich tatsächlich die Rückkehr ins Leben gelungen, hätte er im «Bund» Folgendes lesen müssen: «Fünf E-Trotti-Anbieter buhlen um Bern». Natürlich wird Bedford nach so langer Absenz nicht über sämtliche Entwicklungen der Stadtberner Verkehrspolitik im Bilde sein. Deshalb wird er mit dieser Meldung nicht allzu viel anzufangen wissen. Und dennoch dürfte sie ihn zutiefst betrüben.

Denn mit Enttäuschung wird Bedford feststellen müssen, dass während seines zwischenzeitlichen Todes die neuste Errungenschaft des Strassenverkehrs bloss darin besteht, einem Kinderspielzeug einen elektrischen Motor verpasst zu haben.

Die Zukunft aus Sicht der Vergangenheit

Um das Ausmass von Bedfords Enttäuschung zu verstehen, müssen wir nun über Retrofuturismus reden – einen Begriff, der kaum zu erklären ist, ohne dass der Leserschaft der Kopf zu explodieren droht. So simpel wie möglich gehalten: Er beschreibt aus heutiger Sicht, wie sich die Menschen der Vergangenheit die Zukunft vorgestellt haben.

Falls Ihre Hirnmasse nun nicht im Zimmer verstreut liegt, will ich Beispiele nennen. Ein deutscher Schokoladenhersteller hat 1897 Reklamekarten drucken lassen, die das Jahr 2000 zeigen. Unter anderem darauf zu sehen: ein Polizist, der einem Ganoven an den Fersen klebt. Weil beide mit drachenähnlichen Flügeln ausgestattet sind, findet die Verfolgungsjagd geschätzte 100 Meter über den Dächern der Stadt statt.

Nun muss ich den erwartungsfrohen Bedford enttäuschen. Vielleicht liegt es an meiner niedrigen kriminellen Energie. Doch ich kann mich nicht erinnern, seit der Jahrtausendwende in luftigen Höhen auf der Flucht vor dem Gesetz gewesen zu sein. Ein E-Trottinett ist übrigens als Fluchtfahrzeug ungeeignet. Die Ausleihmodelle fahren bloss 20 Kilometer pro Stunde.

Das Trottinett und sein dümmlicher Bruder

Ein anderes Beispiel stammt aus der Dekade, in der Bedford zum ersten Mal gestorben ist. Die Macher der Serie «Star Trek» gingen in den 60er-Jahren davon aus, dass ab 2150 die Teleportation im Bereich des Machbaren liegt. Sie wussten damals jedoch noch nicht, dass es die Menschheit noch rund 60 Jahre in Anspruch nehmen würde, um elektrifizierte Tretroller fit für den Markt zu machen. Deshalb lässt sich in keinem anderen Objekt das technische Scheitern des modernen Menschen besser ausdrücken als im E-Trottinett.

Das E-Trottinett ist es übrigens gewohnt, zu enttäuschen. Das liegt quasi in der Familie. Bereits der erste Versuch, das Trottinett verkehrstauglich zu machen, scheiterte kläglich. Der Krupp-Roller, ein deutsches Fabrikat mit Dieselantrieb, wurde lediglich von 1919 bis 1921 hergestellt. Auch des Trottinetts dümmlichem Bruder wurde nun ein Ende gesetzt. Nachdem der Segway in dieser Kolumne bereits 2017 als natürlicher Feind jeglicher ästhetischer Empfindung bezeichnet worden war, reagierte dessen Produktionsfirma inzwischen und stellte die Produktion vergangenen Juli ein.

Der «Bund»-Redaktor hält die Teleportation gerade während Pandemien für unterstützenswert.