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Der stärkste SchweizerWie Werner Günthör fast Football-Profi wurde

Er war der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet. Doch bevor er im Kugelstossen Weltruhm erlangte, erwog «Kugel-Werni» einen spektakulären Wechsel.

Sein Entscheid sollte richtig sein: Nachdem sich Werner Günthör gegen das Probetraining und für seine Karriere als Kugelstösser entschieden hatte, gewann er drei WM-Titel und 1988 in Seoul (im Bild) Olympiabronze.
Sein Entscheid sollte richtig sein: Nachdem sich Werner Günthör gegen das Probetraining und für seine Karriere als Kugelstösser entschieden hatte, gewann er drei WM-Titel und 1988 in Seoul (im Bild) Olympiabronze.
Foto: Keystone

Dreifacher Weltmeister und Gewinner von Olympiabronze. Europameister und dreifacher Schweizer Sportler des Jahres. Ja, eigentlich war und ist er der stärkste Schweizer aller Zeiten: Werner «Kugel-Werni» Günthör. Und nun das: Fast wäre alles anders gekommen.

Wir schreiben 1986, das Jahr, in dem Günthör an der EM seinen ersten grossen Titel gewinnt. Mit 25. Aber er hat ein Problem: Weil in der internationalen Leichtathletik Sponsoring lange verboten war, verdient er zu wenig, um vom Kugelstossen leben zu können. Was tun? «Ich wollte mit der Leichtathletik aufhören und zum Football wechseln», erinnert er sich im Gespräch mit dieser Zeitung. Ein Freund stellt den Kontakt her zu den San Francisco 49ers. Wenn Günthör will, kann er bei ihnen ein Probetraining absolvieren.

Die 49ers sind zu dieser Zeit ein richtig grosses Team in der National Football League. Der legendäre Joe Montana ist ihr Quarterback, Jerry Rice der aufregende Passempfänger. 1982 und 1985 haben die Goldgräber aus San Francisco die Superbowl gewonnen – bis 1995 sollten drei weitere Siege folgen.

Günthör weiss nicht viel von Football, in Europa ist der Sport in den Achtzigerjahren nirgends am TV zu sehen. Aber die 49ers kennt er. Und sein Bekannter macht ihm klar: Mit seiner Körpergrösse von zwei Metern, seiner Kraft und vor allem seiner Schnellkraft wäre der Sport wie auf ihn zugeschnitten. Er wäre ein guter «Flügel», hätten sie ihm gesagt, erinnert er sich heute und meint damit wohl die Position des Tight End. Dieser ist Teil der Offensive Line, gross gewachsen und schnell, um Passrouten zu laufen, und kräftig genug, um sich vor den wertvollen Quarterback zu stellen. «Kugel-Werni» schützt «Joe Cool» – was für eine Vorstellung!

Kollegen aus der Kugelstösserszene warnen ihn jedoch. «Die machen dich kaputt», hätten sie zu ihm gesagt, ein deutscher Konkurrent habe es ebenfalls (und erfolglos) versucht. Auch er selbst erkennt: «Wenn du als Quereinsteiger in einen Sport kommst, in dem du nicht verwurzelt bist, hast du es schwer. Ein Schwinger ist ja auch kein Kugelstösser, nur weil er stark ist. Schnellkraft ist das eine, aber Football ist vor allem auch Taktik.» Und zu der, ahnt er, fehlt ihm der Zugang.

Der Football liegt zu Hause rum

Also sagt er den 49ers ab. Ein bisschen schweren Herzens, aber: In der Zwischenzeit beginnen sich seine ersten Erfolge im Kugelstossen auszuzahlen. Noch 1986 findet Günthör seinen ersten Sponsor. Es folgen im Jahr darauf der erste WM-Titel, 1988 die Bronzemedaille an den Olympischen Spielen von Seoul sowie 1991 und 1993 zwei weitere Weltmeistertitel. Er ist bis heute der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet. Mit bald 59 Jahren sagt er heute: «Das Drumherum in der NFL hätte ich gerne erlebt. Im Nachhinein war mein Entscheid aber richtig.»

Den Football mit dem berühmten Logo der 49ers habe er bis heute bei sich zu Hause rumliegen.