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Trump-DebakelWie Tiktok-User dem mächtigsten Mann der Welt ihre Macht zeigen

Donald Trump trat in einem halb leeren Stadion auf. Für den geringen Publikumsauflauf sorgten Tiktok-User. Die Spass-App wird politischer.

Junge politische Aktivistinnen und Aktivisten haben es auf ihn abgesehen: Trump bei der Wahlveranstaltung in Tulsa vergangenen Samstag.
Junge politische Aktivistinnen und Aktivisten haben es auf ihn abgesehen: Trump bei der Wahlveranstaltung in Tulsa vergangenen Samstag.
Foto: Keystone

Er soll schon vor seinem Auftritt getobt haben, in den Katakomben des BOK Center, und auch noch im Flugzeug, lange nach der Veranstaltung, auf dem Rückweg nach Washington: Aus dem erwarteten Schaulaufen von US-Präsident Donald Trump vor den eigenen Reihen wurde am Samstagabend ein unverhoffter Rückschlag. Zu seiner Wahlkampfveranstaltung in Tulsa im konservativ geprägten Oklahoma waren nur 6200 Menschen erschienen. Das Stadion fasst 19’000 Menschen.

Für die vielen leeren Sitzreihen hatten junge Aktivistinnen und Aktivisten gesorgt, die sich über Tiktok organisiert hatten. Das Tulsa-Debakel ist das neuste Beispiel für die politische Power, die die Social-Media-Plattform entwickeln kann – was immer häufiger für die breite Öffentlichkeit sichtbar wird.

Tiktok wurde 2016 lanciert und schnell zur beliebtesten App unter Jugendlichen – denn dort sind sie noch unter sich: Sie teilen ihren Alltag in kurzen Videos, in denen sie zu Songs oder Filmdialogen ihre Lippen synchron bewegen, zusammen in Choreos tanzen, sich Nachahmer-Challenges stellen oder Freunde reinlegen. Kurz: Es geht um Spass. Dafür ist Tiktok bekannt. Doch auch gesellschaftliches Engagement hat dort seinen Platz gefunden. Der Aufstieg Tiktoks zum Polit-Player in vier Punkten.

Der Trump-Coup

Tiktok-User haben dem mächtigsten Mann der Welt gerade ihre Macht gezeigt: Bei seiner Wahlkampfveranstaltung im BOK Center musste Donald Trump vor einer unverhofft bescheidenen Kulisse auftreten. Verantwortlich für die vielen leeren blauen Sitzschalen waren aktivistische Teenager. Sie hatten im Vorfeld des Events Tickets für die gross angelegte Trump-Show reserviert, die sie ungenutzt verfallen liessen.

Das Vorgehen war simpel, aber brachte einen gewissen Aufwand mit sich: Mit eigens dafür erstellten E-Mail-Adressen, falschen Telefonnummern und unter Angabe von Postleitzahlen aus der Region hatten sie mutmasslich Tausende Tickets für den Event bestellt. Die Anleitungen dafür wurden auf Tiktok geteilt, wo sie nur für kurze Zeit online blieben oder auf nicht öffentlichen Profilen hochgeladen wurden. Elternteile, die involviert waren, bestätigen die Aktion gegenüber US-Medien. Die demokratische New Yorker Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez sprach den Teenagern in der Folge Twitter-Lob aus: «Ihr macht mich so stolz», schreibt sie am Sonntag. Trumps Team hatte vor dessen Auftritt in Tulsa triumphierend verkündet, dass über eine Million Ticketanfragen für die Veranstaltung eingegangen seien.

Ein Trump-Supporter in den leeren Sitzrängen.
Ein Trump-Supporter in den leeren Sitzrängen.
Foto: Reuters

Das alternative Tiktok

Die gut vernetzten und politisch äusserst aktiven Jugendlichen bewegen sich auf Tiktok in ihren eigenen, vom Algorithmus gefütterten Bubbles, in ihrer eigenen Onlinesphäre, die sie selbst «Elite-Tiktok» oder «alternatives Tiktok» nennen. Die Bezeichnung macht deutlich, dass sich die Aktivistinnen und Aktivisten vom Mainstream-Anreiz der App abgrenzen: Die «alternativen Tiktoker» machen sich nicht viel aus perfekt getakteten Tanzchoreografien, aufwendig inszenierten Pranks oder viralen Nonsens-Challenges. Sie posten lieber schräge Foto- oder Videocollagen, ihre Themen sind LGBTQI*, Klimawandel, Diversity, Anti-Rassismus.

Viele von ihnen sind auch K-Pop-Fans oder zumindest mit diesen vernetzt. Das passt: Einige der grössten koreanischen Popstars haben sich immer wieder politisch positioniert. So sammelte die erfolgreichste Boyband BTS zwei Millionen Dollar für die «Black Lives Matter»-Bewegung. Die sieben Bandmitglieder machen sich bei Auftritten auch gegen Onlinemobbing und Homophobie stark.

Man findet die «Elite-Tiktoker» in der App nicht einfach so per Suchfunktion, denn die Bewegung hat keine eigenen Stars. Der Algorithmus der App spielt die Inhalte der Polit-Bubbles nur denjenigen aus, die die entsprechenden Inhalte schauen und darauf reagieren. Man ist also dabei, weil man sich kennt oder weil man sich dafür interessiert.

Die alternativen Tiktoker verstehen sich auch in Abgrenzung zum sogenannten «Straight Tiktok» – also den heteronormativ geprägten Inhalten, die der Mainstream vormacht. Straight Tiktok sieht ganz ähnlich aus wie Instagram: Die grossen Stars der Plattform mit Millionen von Followern sind Kardashian- und Justin-Bieber-Lookalikes, mit tollen Haaren und austrainierten Körpern, die in den neusten Fitnesskleidern und an traumhaften, dauersonningen Orten tanzen und lipsyncen (und dabei auch für teures Geld Produkte promoten).

Das anhaltende Wachstum

Die weltweiten Lockdowns haben Tiktok noch einmal Schub verliehen: Die Zahl der Downloads für die App, hinter der die chinesische Techfirma Byte-Dance steckt, hat gemäss «Financial Times» die 2-Milliarden-Grenze geknackt. Zum Vergleich: Instagram kommt aktuell auf 2,6 Milliarden Downloads, Snapchat auf 1,4 Milliarden. In den vergangenen Monaten haben Menschen weltweit deutlich mehr Zeit am Handy verbracht und sie haben sich nicht nur von seichter Social-Media-Unterhaltung die Zeit fressen lassen, auch die ernste Seite von Tiktok ist gewachsen.

Im Zuge der «Black Lives Matter»-Bewegung werden seit Wochen zahlreiche Videos über die Plattform geshart. 6,7 Milliarden Videoaufrufe hat der Hashtag #BLM bisher generiert, die meisten Beiträge dürften dabei in der jüngsten Zeit erst geteilt und geschaut worden sein. Das Thema ist auf Tiktok so stark, dass auch Charli D’Amelio ihr Profilbild mit dem Slogan «Black Lives Matter» ersetzt und einen eindringlichen Video-Appel gegen Rassismus gepostet hat. Die 16-Jährige hat 65 Millionen Follower und ist die meistgefolgte Person auf der Plattform. «Ich habe eine Reichweite, und es ist mein Job, die Menschen über Ungerechtigkeiten zu informieren», sagt sie.

Auch Videos mit dem Hashtag #Trump2020 interessieren die junge Nutzerschaft: Über 4,4 Milliarden Mal wurden Posts mit dem Hashtag aufgerufen. Die Zahlen machen deutlich: Politik ist richtig gross auf Tiktok.

Tiktok-Nutzer @skoodupcam hat ein Video geteilt, in dem er «ungeschriebene Regeln» aufzählt, an die er sich «als junger, schwarzer Mann» halten müsse – und damit 13 Millionen Aufrufe generiert.
Tiktok-Nutzer @skoodupcam hat ein Video geteilt, in dem er «ungeschriebene Regeln» aufzählt, an die er sich «als junger, schwarzer Mann» halten müsse – und damit 13 Millionen Aufrufe generiert.
Screenshot: Tiktok

Das grosse Potenzial

Tiktok bietet seinen Nutzern neue Wege, sich politisch einzubringen. «Weil die jungen Nutzer auf Tiktok vermeintlich unter sich sind, müssen sie dann auch nicht mühsam mit dem konservativen Onkel diskutieren. Sie erfahren viel mehr Solidarität», erklärt David Cappellini, Gründer der digitalen Content-Agentur Monami, den Reiz der Plattform. Über die Videos können sie selbst kreativ werden in der Art, wie sie ihre Anliegen und Meinungen vermitteln wollen – seien sie noch so ernst. So sind jüngst verschiedene Kampagnen gegen sexuelle Übergriffe viral gegangen, in denen (mehrheitlich) Frauen aufzeigen, welche Formen von Belästigung sie im Alltag erleben.

In den USA und in England bauen zurzeit Polit-Influencer eigene Profile auf, die dann @TheLeftists oder @LabourHypeHouse heissen und deklarierte Nähe zu gewissen Parteien aufweisen. Politikerinnen und Politiker selbst sind kaum auf der Plattform vertreten, auch hierzulande nicht, obwohl in der Schweiz gemäss Cappellini vermehrt politische Inhalte gepostet werden. Es ist Potenzial, das brachliegt und gerade die Jüngsten in die politischen Debatten einbinden könnte. Übrigens: Italiens Ex-Innenminister Matteo Salvini ist auf Tiktok aktiv und hat schon Dutzende Videos geteilt, die ihm 300’000 Follower und über 2 Millionen Likes eingebracht haben.

Der getrollte Trump in Tulsa zeigt: Tiktok hat sich von den Lipsync-Videos und Nonsens-Challenges, die die Plattform gross gemacht haben, weiterentwickelt. Tiktok ist zum Ort geworden, wo die Generation Z – viele von ihnen noch nicht einmal im wahlfähigen Alter – ihren politischen Aktivismus lebt, vorantreibt und wirken lässt. Das kriegt auch Donald Trump zu spüren.