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Musik in der KriseWie Kochen in der Mikrowelle

Haben Streaming-Konzerte das Kulturleben nun bereichert oder dürfen sie getrost dem Kompost der Geschichte zugeführt werden? Heute findet die letzte Folge der Serie «Stage at Home» statt. Zeit für ein Fazit.

Die heimliche Heldin der Konzertreihe: Die Schweizer Gruppe Namaka erfreute mit kühlem, aber elaboriertem Traumpop.
Die heimliche Heldin der Konzertreihe: Die Schweizer Gruppe Namaka erfreute mit kühlem, aber elaboriertem Traumpop.
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Am Schluss ihres Auftritts wird es fast ein bisschen gespenstisch. Die junge Experimental-Elektronikerin Casanora hat ihren Instrumentenpark zum Verstummen gebracht, sich ihrer In-Ear-Kopfhörer entledigt und eine Wasserflasche behändigt. Da sie sich jedoch entschieden hat, keine Kommunikation mit dem nicht anwesenden Publikum zu führen, weiss niemand so genau, ob es das nun gewesen ist oder ob da noch etwas kommen wird. Und so steht Casanora beklemmende zwei Minuten lang in der Stille und verharrt applauslos, zugabenlos und glamourlos im sich lichtenden Trockennebel. Und während die Kameraregie noch versucht, Details von der Videoleinwand kunstvoll in Szene zu setzen, schreibt jemand den Spruch «Subversiv isch o ke Lösig» in die Kommentarspalte, bis sich endlich die Moderation zu Wort meldet und dem virtuellen Konzert ein definitives Ende bereitet.

Irgendwie haftete diesen Streaming-Auftritten zuweilen etwas leicht Trauriges an.

Wir sind an der zweitletzten Austragung von «Stage at Home», diesem Streaming-Konzertformat aus dem Gaskessel, das innert kürzester Zeit von diversen Berner Nachtleben-Akteuren aus dem Boden gestampft worden ist. Das Konzept: Pro Abend treten zwei Bands auf der tipptopp ausgeleuchteten Gaskesselbühne auf, das Gebotene wird mit diversen Kameras eingefangen und in prima Bild- und Tonqualität live über die einschlägigen Internet-Kanäle gesendet. Kuratiert werden die Abende von Berner Clubs wie dem ISC, Bee-Flat, dem Kapitel oder dem Gaskessel. Die Beteiligten werden bezahlt, die Gage wird vom Publikum gespendet, daneben haben die Burgergemeinde, die Stadt Bern, das Migros-Kulturprozent und einige Sponsoren Unterstützung zugesichert.

Eher kein Revival

Es ist gut möglich, dass es im Zuge irgendeines Revival-Booms Menschen geben wird, die sich der Corona-Zeit entsinnen und sich selber hippe Lockdown-Ferien gönnen werden: Schonzeiten in sozialer Isolation ohne Sachzwänge, bei Netflix, Zoom-Sessions und Nahrungslieferservices. Das könnte dereinst durchaus das Zeug zum Renaissance-Knaller für Corona-Nostalgiker haben. Was aber eher nicht in diesem Setting stattfinden wird, sind Fussball-Geisterspiele und Streaming-Konzerte. Sie haben nur so halb die Herzen der Menschen erobert. Darin sind sich alle einig.

Doch «Stage at Home» war anders. Nach sieben Austragungen lässt sich sagen: Das Streaming-Format in diesem Land ist wohl nirgends so stimmig und würdig ausgekostet worden, selbst wenn auch hier – wie einleitend beschrieben – offensichtlich keine tauglichen Szenarien etabliert wurden, wie der fehlende Applaus zwischen den Liedern und am Schluss des Vortrags angemessen kompensiert werden könnte. Moderatoren leiteten den Abend ein, es gab Gespräche mit Clubverantwortlichen, und mitten im Set wurden Fragen an die auftretenden Musiker und Musikerinnen gestellt.

Aufkommende Weltdistanz

Aber «Stage at Home» hat auch die Grenzen des Formats aufgezeigt. Irgendwie haftete diesen Streaming-Auftritten zuweilen etwas leicht Trauriges an. Es war ein bisschen wie Fliegen im Flugsimulator, Kochen in der Mikrowelle, Romantik vor dem Bildschirmfeuer.

Das mag mitunter mit den ausgewählten Acts zusammenhängen: Nur bei fünf von vierzehn Projekten standen mehr als zwei Personen auf der Bühne – ein Trend, der sich in einer Kulturwelt im Sparmodus noch verstärken könnte. Interaktionen waren also nicht nur mit dem Publikum verunmöglicht, sie fanden auch auf der Bühne kaum statt. Das hat zwar ganz gut mit der Quarantäne-bedingten Weltdistanz korrespondiert, die sich in den letzten Monaten eingespielt hat. Doch es hat die Lust auf Schweiss, Emotionen und die Unberechenbarkeit einer richtigen Konzertsituation eher geschürt als gestillt.

Beachtliche Zahlen

Betrachtet man die nüchternen Zahlen, dann ist den Veranstaltern ein kleines Husarenstück gelungen. Wurde weitherum stets bezweifelt, dass ein Format mit Streaming-Konzerten jemals finanziell einbringlich aufgezogen werden könnte, wurden an den sieben bisherigen Konzertabenden von der Bildschirmzuschauerschaft doch beachtliche 10’000 Franken gesammelt. Und dass Bands, die im richtigen Leben gegen 500 Besucher in die Clubs locken, Streaming-Zahlen zwischen 1300 (Jay Jules/Irina & Jones) und 5200 (Baze/Casanora) generieren, ist ebenfalls ganz passabel, obwohl nicht überliefert ist, wie lange die Zuschauer tatsächlich vor dem Bildschirm verharrt sind.

Dementsprechend erfreut gibt man sich bei den Urhebern des Formats, der Musikförderung Bern und der Organisation «Gärn gschee – Bärn hiuft». Zuerst habe man anhand der ersten Austragung evaluieren wollen, ob das Konzept überhaupt auf Resonanz stosse. «Dass die Spendenbereitschaft so gross war und wir von Anfang an auf ein derart grosses Publikum zählen konnten, hat uns umgehauen», sagt der Kommunikationsverantwortliche Marc Tschirren. Das Ziel von «Stage at Home» sei es gewesen, Kulturschaffende auf und neben der Bühne während der Corona-Krise finanziell zu unterstützen und eine Perspektive zu geben. «Das ist uns nun zwei Monate lang gelungen.»

Mit den Lockerungen im Kulturbereich erlöscht nun die Notwendigkeit für «Stage at Home». Doch die Reihe hat gezeigt, dass ein Format, in dem Musik gespielt und darüber diskutiert wird, auch im Kulturleben nach Corona eine ganz hübsche Idee sein könnte.

Heute Freitag um 19.30 Uhr findet die letzte Folge von «Stage at Home» statt. Kuratiert wird sie vom Gurtenfestival. Es treten auf: Dana und Ta’Shan. www.stage-at-home.ch