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Leser fragen Peter Schneider Wie entspannt sich eine chronisch empörte Gesellschaft?

Die Antwort an einen Leser, der sich fragt, wie alle zu etwas mehr Gelassenheit finden anstatt sich dauernd kollektiv zu echauffieren.

Je lauter jemand schreit, desto mehr ist sie oder er im Recht? So einfach ist es nicht.
Je lauter jemand schreit, desto mehr ist sie oder er im Recht? So einfach ist es nicht.
Foto: Getty Images

In einem Interview konstatierte die Autorin Juli Zeh kürzlich: «Es gibt heute einen Empörungsimperativ, der immer total ist». Ich stimme dem zu. Wie nur kommen wir da wieder raus? A. R.

Lieber Herr R.

Gestatten Sie eine etwas mäandernde Antwort? Beginnen wir mit zwei Zitaten. Das eine stammt von Bernd Stegemann: «Der woke Blick ist die Einstiegsdroge für ein Leben in der Dauerempörung.» («Die Welt», 20. März) Das andere von Josef Joffe: «Wokeness ist im Kern Stalinismus ohne NKWD, Maoismus ohne Rote Garden.» (NZZ, 27. März)

Was ich damit zeigen will: Die beklagte «Dauerempörung» ist nicht etwa eine unbestreitbare Tatsache, sondern ein Kampfbegriff: gegen Gendern, Political Correctness, Cancel Culture, Identitätspolitik und was die Fantasie der Kämpfer gegen den herrschenden «Tugendterror» (Joffe) sonst noch so umtreibt. Diese Dauerempörung über die Dauerempörung der anderen ist selbstverständlich niemals selber Dauerempörung, sondern lediglich sachliche Analyse.

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