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Origami für FortgeschritteneWie eine alte Kunst die moderne Technologie beeinflusst

Jungunternehmer lassen sich von der japanischen Kunst des Papierfaltens inspirieren, wenn sie neue Produkte für den Alltag entwickeln.

Der Kranich ist eine beliebte Falttechnik für Origami.
Der Kranich ist eine beliebte Falttechnik für Origami.
Foto: Rungroj Yongrit (EPA)

Die japanische Kunst des Papierfaltens ist über 1400 Jahre alt. Doch ohne Origami wären bedeutende Fortschritte in der Medizin und Erforschung des Weltalls nicht möglich gewesen.

So entwickelt im Jahr 2003 ein japanisches Team an der Universität Oxford die faltbare Gefässstütze – heute besser bekannt als Stent. Sie beruht auf einer Origami-Falttechnik, die als «Wasserbombe» bekannt ist. Der spezielle Stent wird über Blutgefässe eingeführt und im Inneren des Körpers entfaltet.

Das aber ist bei Weitem nicht das einzige Anwendungsbeispiel von Origami in der modernen Wissenschaft. Jungunternehmer entdecken ebenfalls die Möglichkeiten von Origami, berichtet das europäische Start-up-Portal Sifted.

Wir zeigen die interessantesen Beispiele darunter:

In der Raumfahrt

Die Falttechnik des japanischen Wissenschaftlers und Origami-Enthusiasten Koryo Miura verhalf dem Forschungssatelliten Space Flyer Unit im Jahr 1995 zum Erfolg. Der Flugkörper wurde für die Reise in der Rakete in eine kompakte Form gefaltet und im Weltall wieder entfaltet.

Nun entdecken Jungunternehmer die Möglichkeiten von Origami. Ryan Yasin, ein in Island geborener und in London lebender Designer, ist einer von ihnen. Eigentlich ist Yasin studierter Raumfahrttechniker. Als solcher half er mit, komplexe Satelliten zu bauen.

Für die Kleiderproduktion

Es ist aber die Modebranche, die sein ganzes Interesse weckte. «Stoff gilt nicht gerade als Material, mit dem Ingenieure gerne arbeiten», sagte Yasin gegenüber Sifted. Er gründete Petit Pli, einen Hersteller von speziellen Kleidern für Kinder. Die Ware besteht aus gefalteten Elementen, die sich strecken, wenn das Kind wächst. So bleibt die Kleidung für eine gewisse Zeit immer gross genug.

Das Material der Kleider ist aus alten PET-Flaschen gefertigt, die zu Kunstfasern verarbeitet worden sind. Yasin holte sich die Inspiration von seinem neugeborenen Neffen. Als frischgebackener Onkel schickte er als Geschenk ein Babykleid. Als das Paket bei der Schwester in Dänemark ankam, passte das Kleidchen aber schon nicht mehr.

Im Möbelbau

Was für Kleider funktioniert, funktioniert auch für Möbel. Das niederländische Start-up Flux Chair stellt Stühle und Tische aus Kunststoff her, die sich zu einer Art grossem Briefumschlag zusammenfalten lassen. Die Idee dahinter ist klar: Ungenutzte Möbel können in der Wohnung platzsparend verstaut werden.

In der Architektur

David Martyn, Chef des Unternehmens Ten Fold Engineering in Südostengland, entwickelte zusammen mit vier Ingenieuren ein Origami-Haus. Wände, Böden und Decken dieser Unterkunft werden in einer grossen Kiste angeliefert. Sie sind entfaltbar und können wieder zusammengefaltet werden.

Nach Tests mit sechs Prototypen stellte die Firma das fertige Gebäude Anfang 2019 vor. Es dauert gemäss Angaben von Ten Fold Engineering fünf Minuten, bis das Haus komplett entfaltet ist. Bereits tüftelt das Unternehmen an weiteren Anwendungen, etwa zusammenfaltbaren Frachtcontainer. Geld verdienen will Ten Fold Engineering vor allem damit, dass die Firma ihre Technologie an Dritte lizenziert.

In der Sicherheitsbranche

Der Forscher Larry Howell von der Brigham-Young-Universität im US-Bundesstaat Utah hat zusammen mit dem Origami-Künstler Robert Lang einen faltbaren Schutzschild aus Kevlar entwickelt.

Der kugelsichere Schutzschild ist gross genug, um zwei oder drei Personen vor Projektilen zu schützen, wenn sie sich dahinter verstecken. Für die Polizei, das Militär und private Sicherheitsfirmen dürfte dieses Produkt von Interesse sein. Das allerdings hätte den friedliebenden buddhistischen Mönchen, welche die Faltkunst im 6. Jahrhundert nach Christus in Japan für religiöse Rituale begründet haben, wohl weniger gefallen.

4 Kommentare
    Martin Stehli

    Warum muss auch hier das fehlerbehaftete Klischee der "friedliebenden buddhistischen Mönche" bemüht werden?

    Wirklich etwas billig.