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100 Jahre Kammerorchester ZürichWie ein Staatenloser die Zürcher Kultur prägte

1914 kam der russische Musiker Alexander Schaichet in die Schweiz. Und vor 100 Jahren gründete er das erste hiesige Kammerorchester.

Alexander Schaichet mit seiner späteren Frau, der ungarischen Pianistin Irma Löwinger, auf dem Zürichsee (1918).
Alexander Schaichet mit seiner späteren Frau, der ungarischen Pianistin Irma Löwinger, auf dem Zürichsee (1918).
Foto aus dem besprochenen Band


Als Lenin nach Zürich kam, notierte er auf dem amtlichen «Fragebogen für den Deserteur», er sei eben keiner, sondern journalistisch tätig. Auch sein Landsmann Alexander Schaichet strich den Deserteur durch, fein säuberlich mit Massstab; und in die Rubrik «Zivilstand» schrieb er: Musiker.

Im Unterschied zu Lenin, der nach einem turbulenten Jahr heimreiste, um als Revolutionär Geschichte zu schreiben, blieb Schaichet bis zu seinem Tod 1964 in Zürich. Aber auch er schrieb Geschichte, auf seine Weise: 1920 gründete der Geiger und Dirigent das erste Kammerorchester der Schweiz und prägte damit das Zürcher Musikleben mehr als zwei Jahrzehnte lang.

Wie sehr – daran erinnert nun exakt hundert Jahre nach der Gründung des Kammerorchesters Zürich ein Buch, das Esther Girsberger zusammen mit Schaichets Enkelin Irene Forster herausgebracht hat. Der Historiker Christoph Wehrli schreibt darin über das damalige Zürich, in dem erst ein Viertel aller Wohnungen ein eigenes Bad hatte. Michael Eidenbenz porträtiert Schaichet als Musiker und Emigranten, Verena Naegele zeichnet den Weg seines Ensembles nach, Peter Hagmann verlängert die Geschichte der Kammerorchester bis in die Gegenwart. Und schliesslich sind da die ehemaligen Schülerinnen und Schüler, die sich an ihren Lehrer und seine Frau, die Pianistin Irma Schaichet, erinnern.

Unermüdlicher Entdecker

Dass Alexander Schaichet eine charismatische Figur gewesen sein muss, wird da rasch klar. Zwar hatte er in der Schweiz 1914 nur Ferien machen wollen und war dann wegen des Krieges als Staatenloser hängen geblieben. Aber nach dem Kriegund der Epidemie der Spanischen Grippe, während der die Zürcher Tonhalle zum Lazarett umfunktioniert worden wartat er alles, um die Aufbruchstimmung in der Musikwelt auch in seiner Zufallsheimat aufkommen zu lassen.

Alexander Schaichet mit den Musikerinnen und Musikern seines Kammerorchesters Zürich, 1922.
Alexander Schaichet mit den Musikerinnen und Musikern seines Kammerorchesters Zürich, 1922.
Foto aus dem besprochenen Band

Schaichet war unermüdlich, wenn es darum ging, dem Zürcher Publikum Entdeckungen zu servieren. Alte Musik interessierte ihn ebenso wie zeitgenössische; er grub Raritäten aus, vergab Aufträge, hörte sich überall nach spannenden Werken um. Und auch wenn er dabei sein Orchester, in dem vor allem seine Schülerinnen und Schüler spielten, technisch zuweilen überforderte: Dass hier etwas Besonderes passierte, fiel nicht nur Mäzenen wie Hermann Reiff und Werner Reinhart auf – sondern auch dem Basler Paul Sacher, der mit dem Basler Kammerorchester bald ein ganz ähnlich ausgerichtetes Ensemble gründete.

In den 1930er-Jahren wurde es schwieriger für Schaichet. War man in Zürich dem «Ostjuden» schon zuvor teilweise skeptisch begegnet (so sehr, dass man ihn erst im dritten Anlauf 1927 einbürgerte), verstärkten sich diese Tendenzen nun. Und sein zuvor so dichtes Netzwerk dünnte sich aus, weil viele der in Deutschland wirkenden Komponisten und Solistinnen, mit denen sein Orchester eng zusammengearbeitet hatte, ins Exil gingen.

Die Einstellung verschiedener Kreise (auch in der Schweiz) geht dahin, Juden keinerlei «Spitzenstellungen» zuzugestehen.

Alexander Schaichet

Schaichet hielt dagegen, indem er sich zunehmend für jüdische Kultur in Zürich engagierte. 1935 übernahm er die Leitung des Jüdischen Gesangsvereins Hasomir, 1941 gehörte er zu den Mitbegründern von Omanut, dem bis heute aktiven Verein zur Förderung jüdischer Kunst.

1939 reichte er seinen Rücktritt als Dirigent des Kammerorchesters ein, weil «die Einstellung verschiedener Kreise (auch in der Schweiz dahin gehe, «Juden keinerlei Spitzenstellungen zuzugestehen». Man überredete ihn zum Bleiben, aber das Ende kam dann doch: 1941 gründete Paul Sacher das Collegium Musicum Zürich; und weil er im Unterschied zu Schaichet Geld hatte, war bald klar, welches der beiden Ensembles überleben würde. 1943 gab das Kammerorchester Zürich sein letztes Konzert.

Musik, Eishockey und Karl May

Schaichet hat ab dann vor allem unterrichtet, an der Musikakademie Zürich. Auf einem Barhocker habe er jeweils gesessen, viel und anschaulich erklärt, kaum je vorgespielt. Ein strenger, aber heiterer Lehrer muss er gewesen sein; einer, der sich auch für Eishockey interessierte – und den bequemeren Schülern erzählte, wie er als Bub mit einem Karl-May-Buch auf dem Notenständer «geübt» habe. 1962 erhielt er die Hans-Georg-Nägeli-Medaille der Stadt Zürich: Spätestens damit war der Geiger aus Odessa auch im offiziellen Zürich angekommen.

Esther Girsberger, Irene Forster (Hg.): Zivilstand Musiker – Alexander Schaichet und das erste Kammerorchester der Schweiz. Hier und Jetzt, Baden 2020. 208 S., ca. 39 Fr.