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Neue GewohnheitenWie das Essen im Gehen für alle ertragbar werden kann

Bisher hatte das Essen im Gehen ein Imageproblem, es galt als Unart einer effizienzsuchenden Gesellschaft. Seit aber Restaurants geschlossen haben, tun es alle. Eine Neubewertung.

Eine Mutter unterwegs mit Essen und Kind.
Eine Mutter unterwegs mit Essen und Kind.
Foto: Getty Images

Will ich mich erinnern, was ich die vergangene Woche zum Mittag gegessen habe, schaue ich auf meine Jacke. Und will ich mich erinnern, dass ich damit nicht allein bin, stelle ich mich zur besten Essenszeit in die Nähe einer Bäckerei- und Dönerfachverkäufer-Ansammlung.

Dort finde ich sie: die stehenden und gehenden Esser unserer Zeit. Eine neue Spezies, die mit der Schliessung der Restaurants und der Zulassung des Ausser-Haus-Verkaufs erschienen ist und nun sich vollstopfend die Gehwege verstopft.

Essen zu holen ist eine der wenigen Möglichkeiten, Menschen zu sehen und so etwas wie gesellschaftliche Rituale auszuüben.

Was muss man da mit ansehen? Sie beugen sich mit ihren haltungsgeschädigten Homeoffice-Körpern über ihre Dürüms. Versuchen, möglichst senkrecht in sie hineinzubeissen, indem sie ihre Münder von oben darüber stülpen – in der Hoffnung, dass die Schwerkraft so die Sauce in das kleine Alufoliendepot unter dem Dürüm und nicht auf die Kleidung und Schuhe fliessen lässt.

Oder die an den Häuserwänden Stehenden, die mit einer Hand und weit gespreizten Fingern ihre Styroporboxen balancieren und mit der anderen Besteck bedienen – ohne zu viel Druck auszuüben und alles durcheinanderzuwerfen oder die Verpackung zu durchstechen.

Es bleibt einem ja nichts anderes übrig

Es ist wirklich nicht schön, aber was bleibt einem gerade auch anderes übrig? Will man, nachdem man schon zu Hause gearbeitet, genetzwerkt und gesportelt hat (und das nur am Vormittag), nicht auch noch zu Hause essen, muss man raus.

Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, Menschen, die nicht dem eigenen Haushalt zugeordnet sind, zu sehen und so etwas wie gesellschaftliche Rituale auszuüben. Nur leider ohne sich irgendwo reinsetzen zu können.

Im Gehen zu Essen hat in unserer Gesellschaft keinen guten Ruf.
Im Gehen zu Essen hat in unserer Gesellschaft keinen guten Ruf.
Foto: Getty Images

Was machen wir nun mit dem Essen im Gehen? Es zu verurteilen wäre zu einfach. Wie Lifestyle-Magazine darauf hinzuweisen, es sei ungesund (weil nicht bewusst und daher mehr gegessen wird) und nicht gut für die Verdauung (weil zu wenig gekaut, dafür aber viel Luft geschluckt wird), hilft nicht weiter.

Genauso wenig wie die Wissenschaft. Die hat herausgefunden, dass Essen im Stehen oder Gehen weniger gut schmeckt (weil mehr Stress für den Körper). Das wiederum freut die Lifestyle-Magazine, die das als neues Diätgeheimnis verkaufen («Durch diesen einfachen Trick isst du weniger»).

Neue Corona-Phänomene brauchen neue Deutungen, das üben wir seit bald einem Jahr. Bisher hatte das Essen im Gehen ein Imageproblem: Es galt als Unart, Ausdruck einer nach Effizienz strebenden Gesellschaft, die nicht im Moment lebt und das Geniessen verlernt hat.

Denn weiterhin ungeklärt ist: Wie isst man würdevoll im Gehen?

Das ist jetzt anders: Es sind nicht mehr nur gehetzte Bahncard-100-Besitzer, sondern auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die mitten auf dem Gehweg stehen und essen. Oder den Eingang zur U-Bahn oder zu Geschäften versperren, weil sie noch schnell aufessen müssen, bevor sie mit aufgezogener Maske hinunter- oder hineingehen können. Das nervt, aber das muss man akzeptieren. Es geht ja gerade nicht anders. Daher besser so tun, als sei das Essen im Gehen eine neue Kulturtechnik, die wir gerade erst erschliessen. Eine weitere Problemlösekompetenz aus der Corona-Pandemie.

Da nun die notwendige Aufmerksamkeit für das Phänomen geschaffen wurde, braucht es nur noch gesamtgesellschaftliche Veränderungen, um das Essen im Gehen für alle ertragbar zu machen.

Denn weiterhin ungeklärt ist: Wie isst man würdevoll im Gehen? Vielleicht könnten städtebauliche Massnahmen helfen: eine Spur auf den Gehwegen nur für Essende. So wie man es damals auch für sogenannte Smartphone-Zombies machte, nur dass es jetzt eben Snombies – snackende Zombies – sind, die sich langsam und unaufmerksam durch die Städte bewegen. Und vielleicht kann sich ja bald auch mal irgendein junges Start-up selbständig machen und Essschürzen für Erwachsene produzieren, die nicht so altmodisch kariert sind wie die wenigen, die es online für Senioren gibt.

Bis dahin gilt dann einfach: Ruhe bewahren, Technik verfeinern und immer ausreichend Servietten mitnehmen.

12 Kommentare
    Ralf Schrader

    'Bisher hatte das Essen im Gehen ein Imageproblem'

    Nicht bisher, sondern permanent. Gute Sitten haben keine praktische Begründung. Eine Pandemie gibt keine Rechtfertigung des sittlichen Verfalls her, zumal der schon viel früher begann.