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GastkommentarWie Corona uns in die Illegalität treibt

Der Protest gegen obrigkeitliche Anordnungen hat in der Schweiz eine lange Tradition. Meinrad Inglin hat ihm mit «Der schwarze Tanner» ein literarisches Denkmal gesetzt.

Ein Rebell in Zeiten der Krise: Otto Mächtlinger als der schwarze Tanner in Xavier Kollers Verfilmung der Erzählung von Meinrad Inglin.
Ein Rebell in Zeiten der Krise: Otto Mächtlinger als der schwarze Tanner in Xavier Kollers Verfilmung der Erzählung von Meinrad Inglin.
Foto: PD

Das Coronavirus legte die Schweiz acht Wochen lang lahm und zwang uns, unseren Alltag auf den Kopf zu stellen. Die Strassen in den Städten waren gespenstisch leer, die Schulhäuser und Läden verlassen. Zu Hause bleiben war das neue Motto. Trotz der strikten Massnahmen des Bundesrats wagten sich einzelne nach draussen, um sich das Erwachen des Frühlings nicht entgehen zu lassen.

Ganz nach den einschränkenden Beschlüssen wollten und konnten wir nicht leben. Die Proteste gegen die obrigkeitlichen Ver- und Gebote wurden in den letzten Tagen und Wochen lauter, und die Verstösse nahmen zu.

Seit dreissig Jahren schuftet Tanner für sein kärgliches Überleben auf seinem Hof.

Die Situation erinnert an die Erzählung «Der schwarze Tanner» des Schwyzer Schriftstellers Meinrad Inglin (1893–1971), die 1985 von Xavier Koller verfilmt wurde. In der Hauptrolle ein Schweizer Bauer und Rebell zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Seit dreissig Jahren schuftet Tanner für sein kärgliches Überleben auf seinem Hof. Als der Krieg beginnt, ist die Schweiz mit ihrer Lebensmittelversorgung auf sich allein gestellt. Das ganze Volk zählt auf seine Bauern.

Eine Agrarreform – die legendäre Anbauschlacht – zwingt die Landwirte, Teile ihres Wieslandes zu Ackerland umzupflügen. Kaspar Tanner weigert sich, den Befehl auszuführen. Er ist ein Rebell. Er zahlt seine Bussen nicht, die Mahnungen ignoriert er.

Sein Wiesland aufgeben will Tanner auf keinen Fall. Jedoch wird nicht nur dieses Wiesland von ihm gefordert, sondern auch ein Grossteil der von ihm hergestellten Produkte wie Butter und Käse. Inglin macht Jakob Tanner zum «schwarzen Tanner», als der Bauer mit seine Produkten illegal unter der Hand verkauft, einen eigentlichen Schwarzmarkt aufbaut. Tanner wird zum Verbrecher. Es dauert nicht lange, bis er hinter Gittern sitzt.

Befanden wir uns im Lockdown nicht auch in einer ähnlichen Lage wie Kaspar Tanner?

Befanden wir uns im Lockdown nicht auch in einer ähnlichen Lage wie Kaspar Tanner? Auch wenn der Ausgangspunkt nicht derselbe ist, gibt es Parallelen. Coiffeursalons, Modeboutiquen oder Restaurants, alle waren in ihrer Existenz bedroht und kämpften wie der schwarze Tanner um ihr Hab und Gut. Einige Branchen wurden kreativ, wie Restaurants, die auf Lieferservice umstellten, oder Modeboutiquen, die auf den Onlinehandel setzten. Aber wie stand es mit dem Coiffeur? Er war zu Gesetzesverstössen gezwungen, um zu überleben. Er frisierte heimlich oder zu Hause beim Kunden.

So wie der Staat den schwarzen Tanner in seinem Eigentum einschränkte, die Hand auf sein Wiesland legte, werden auch viele von uns in unserem Leben eingeschränkt und unseres Einkommens beraubt. Wir können uns immer noch nicht frei bewegen, wie wir es stets getan haben. Unsere Ferienwohnungen im Ausland und in Risikogebieten wie dem Tessin stehen leer und verstauben.

Eine so gravierende Situation wie den Lockdown gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Es droht noch mehr Ungemach.

Eine so gravierende Situation wie den Lockdown gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Es droht noch mehr Ungemach. Der Verkauf von Medikamenten und medizinischem Schutzmaterial wird staatlich gesteuert und kontrolliert, ähnlich wie es Tanner mit seinen Produkten widerfuhr. Dagegen wehren sich auch heute Rebellen in den Onlinekanälen und bieten Produkte zu überhöhten Preisen an.

Trotz aller behördlichen Anweisungen gehen wir nach draussen, trotzdem treffen wir uns mit Freunden und Verwandten, schlendern am Seeufer entlang und umarmen uns zum Abschied. Unser liberales Lebensverständnis und demokratisches Denken bereiten uns Mühe, die derzeit sehr einschränkenden Massnahmen zu akzeptieren. Regeln reizen uns dazu, sie zu brechen. Und macht uns das nicht alle zu Rebellen, wie der schwarze Tanner einer war?