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Rassistische Spurensuche in BernWer soll Berns Kolonialgeschichte schreiben?

Ein «virtueller Rundgang» zeigt neu kolonial-rassistische Spuren in der Stadt Bern auf. Unter Wissenschaftlern wird das städtisch mitfinanzierte Projekt kontrovers beurteilt.

Die Skulptur der Zunft zum Mohren sorgte in der Vergangenheit immer wieder für hitzige Diskussionen und ist jetzt auf Berns kolonial-rassistischer Stadtkarte aufgeführt.
Die Skulptur der Zunft zum Mohren sorgte in der Vergangenheit immer wieder für hitzige Diskussionen und ist jetzt auf Berns kolonial-rassistischer Stadtkarte aufgeführt.
Foto: Keystone

Die Schweiz hatte nie eigene Kolonien. Wer denkt, die Schweiz und damit auch Bern seien dadurch frei von rassistischen oder kolonialen Spuren, irrt. Das will eine digitale Stadtkarte belegen, die diesen Samstag der Öffentlichkeit präsentiert wird. Der virtuelle Stadtrundgang führt rund 30 Orte in der Stadt Bern auf, die einen direkten oder indirekten Bezug zum Kolonialismus besitzen (lesen Sie hier mehr über Orte mit kolonialen Spuren in Bern). Herausgeberin ist die Stiftung Cooperaxion. Finanziert und gefördert wurde das Projekt auch mit Geldern der Stadt Bern.

Die Karte ist aber nicht über alle Zweifel erhaben. «Nicht alles, was heute als rassistisch gilt, besass zu seiner Zeit eine diskriminierende Absicht», sagt André Holenstein, Professor für Schweizer Geschichte an der Universität Bern. Für Holenstein steht ausser Frage, dass Bern eine kolonial-rassistische Vergangenheit besitzt. Gleichzeitig gebe es andere Regionen, die deutlich stärker in koloniale Strukturen involviert waren. Das sei keine Entschuldigung für Berns Rolle, sagt Holenstein, «aber behalten wir diese Relationen im Auge».

Was macht von Haller da?

Störend findet Holenstein insbesondere, dass bei der Erarbeitung der Karte wissenschaftliche Standards nicht eingehalten wurden. So fehlen bei vielen Texten direkte Quellenangaben. Er hätte sich gewünscht, dass die Stadt Bern den Auftrag für die Karte öffentlich ausgeschrieben und so einen «Wettbewerb der Ideen» ermöglicht hätte. Weil die städtische Beteiligung von 45’000 Franken aber nicht der Ausschreibungspflicht unterlag, geschah dies nie. Der Auftrag ging direkt an Cooperaxion.

Karl Rechsteiner verteidigt die interaktive Karte. Er ist Stiftungsratspräsident von Cooperaxion und hat viele der Texte mitverfasst. «Unsere Herangehensweise ist dokumentarisch, nicht wissenschaftlich», sagt er und verweist auf die «ausführliche Bibliografie» in einem anderen Teil der Website. Im virtuellen Stadtrundgang sieht er eine Fortsetzung der Arbeit, wie sie seine Stiftung seit rund 15 Jahren betreibt. Cooperaxion bietet nämlich regelmässig tatsächliche Rundgänge auf den kolonial-rassistischen Spuren der Städte Bern und Neuenburg an. Zudem führt die Stiftung eine laufend ergänzte Datenbank mit kolonialen Verbindungen von Organisationen und Akteuren in der ganzen Schweiz. Auch der virtuelle Stadtplan war bereits in Erarbeitung, als die Stadt 2017 einstieg.

«Unser Ziel ist es aufzuklären, den Blick auf Unbekanntes, Vergessenes oder Verdrängtes in der eigenen Geschichte zu lenken», sagt Rechsteiner. Exakte Kriterien, wann eine «kolonial-rassistische Spur» ihren Weg auf die Karte findet, gibt es nicht. So besitzt auch Albrecht von Haller einen Eintrag. Der erklärende Eintrag, was der Universalgelehrte zur «kolonialen Spur» macht, fehlt momentan aber noch.

Laien vs. Profis

Für Harald Fischer-Tiné gehören Kontroversen über den Inhalt einer solchen Karte dazu. «Die Erfassung von kolonial-rassistischen Spuren ist nie abgeschlossen», sagt der Kolonialismusexperte und Professor für Geschichte an der ETH Zürich. Im virtuellen Kartenprojekt sieht er eine gute Möglichkeit, um die Aufmerksamkeit auf das Rassismus-Thema zu lenken. «Wir alle haben vom historischen Sklavenhandel gehört», sagt Fischer-Tiné – durch die Karte würden damit verbundene Phänomene aber plötzlich unmittelbar. «Die eigene rassistische Vergangenheit erhält plötzlich ein Gesicht – zum Beispiel als bisher unbemerktes Gebäude in der Nachbarschaft.»

«Die Rassismusdebatte wurde bisher zu sehr von Laien geführt.»

Harald Fischer-Tiné, Professor für Geschichte an der ETH Zürich

Die Karte könne so das historische Bewusstsein der Bernerinnen und Berner fördern und mithelfen, eine notwendige Rassismusdiskussion zu initiieren. In dieser sieht Fischer-Tiné auch für die professionellen Historiker eine wichtige Rolle vor: «Die Rassismusdebatte wurde bisher zu sehr von Laien und betroffenen Bürgern statt von Profis geführt.» Er plädiert deshalb für ein nationales Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Schweizer Kolonial-und-Rassismus-Geschichte.

Geschichte von unten

Der promovierte Sozialanthropologe Rohit Jain sieht auch Forschungsbedarf, steht einer rein akademisch betriebenen Geschichtsschreibung aber auch kritisch gegenüber. «Geschichte wurde und wird auch immer ‹von unten› und im gesellschaftspolitischen Jetzt geschrieben», sagt der schweizerisch-indische Secondo. Im virtuellen Stadtrundgang, der auch aus aktivistischer Motivation entstand, sieht er ein gutes Beispiel dafür. Die Frage ist, wie solche Projekte nachhaltig und wirkungsvoll verankert werden. «Die Trägerschaft und die Stadt stehen nun in der Pflicht, das Anliegen einer dekolonialen öffentlichen Kultur weiterzuführen und dafür unbedingt auch migrantische Stimmen und PoC einzubeziehen», sagt Jain.

Einst fanden im Bierhübeli Völkerschauen statt – heute wird dort getanzt. Auch das ist in der interaktiven Karte von Cooperaxion nachzulesen.
Einst fanden im Bierhübeli Völkerschauen statt – heute wird dort getanzt. Auch das ist in der interaktiven Karte von Cooperaxion nachzulesen.
Foto: Alexandra Jäggi

Für die zuständige Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) ist klar, dass das «Engagement gegen Diskriminierung und Rassismus weiterhin ein zentraler Teil der städtischen Integrationspolitik bleibt», wie sie mitteilt. Bei Spuren, die in der Verantwortung der Stadt Bern lägen, werde man nun prüfen, welche «Massnahmen zur Einordnung» angebracht seien.

Hier geht es zur interaktiven Karte der Stiftung Cooperaxion über die kolonialen Spuren Berns.

22 Kommentare
    Reto Müller

    Gut, wird dies thematisiert. Ganz besonders heute müssen wir gegen den alltäglichen Rassismus und andere Formen der Diskriminierung ankämpfen. Es ist aber schon so, dass viele Sachen aus dem jeweiligen Zeitgeist entstanden sind und in den Kontext der damaligen Zeit gesetzt werden müssen.

    Wahrscheinlich werden deshalb in 100 Jahre oder so Firmen und Persönlichkeiten (zu recht) an den Pranger gestellt, welche die menschengemachte Klimakatastrophe zu verantworten haben. Dazu gehören natürlich z.B. Erdölfirmen, Bergbau, Fluggesellschaften, Kreuzfahrtschiffe, Banken, Pensionskassen, Landwirtschaft etc. etc. und natürlich eine Vielzahl von Politiker und Parteien auf der ganzen Welt, die sich auch 2020 unverständlicherweise immer noch gegen griffige Klimaschutzmassnahmen wehren resp mit ihrem Verhalten die Klimakatastrophe noch befeuern. In 100 Jahren werden die Leute verständnislos zurückschauen und werden nicht begreifen können wieso so gehandelt wurde, obschon die wissenschaftliche Evidenz spätestens seit den 1990-er Jahren gegeben ist.