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Tour-StartWer sich maskenfrei zeigt, riskiert eine hohe Busse

Unzählige Stürze machen den Auftakt der Tour zu einer chaotischen Angelegenheit. Ausserhalb der Etappe bleibt Covid-19 das bestimmende Thema.

Tony Martin (2.v.r.) schritt im Feld ein, nachdem es zu mehreren Stürzen gekommen war.
Tony Martin (2.v.r.) schritt im Feld ein, nachdem es zu mehreren Stürzen gekommen war.
REUTERS

Wenn etwas zu diesem komplizierten Jahr 2020 passt, dann dies: Nizza gehört zu den zehn sonnigsten Städten Frankreichs. Also ist es nur konsequent, dass es beim Besuch der Tour de France an der Côte d’Azur so richtig herunterschüttet. Die erste Tour-Etappe ist eine gute Stunde alt, als es zu regnen beginnt. Von da an sind die Radprofis nur noch zu bemitleiden. Die Oberfläche der Strassen sind so fein gefahren, dass die schmalen Reifen ihrer Rennvelos auf dem nassen Teerbelag jegliche Traktion verlieren.

Die ersten Stürze tut man noch als Startnervosität ab. Doch nach einer Weile wird klar: Gewisse Abschnitte haben mehr mit Eislauf als mit Radsport zu tun, derart unvorbereitet gehen die Fahrer zu Boden.

Nach einigen Vorfällen schreiten die Fahrer ein. Sie neutralisieren die drei Abfahrten, Tony Martin richtet sich an der Spitze des Fahrfeldes auf und erklärt dies mit einer Handgeste unmissverständlich. Gestürzt wird trotzdem weiter. Darum wird die Zeit fürs Gesamtklassement bereits drei Kilometer vor dem Ziel genommen, um nicht im Endspurt weitere Stürze zu provozieren. Doch die Massnahme hilft nur beschränkt: Weil wohl nicht alle Fahrer den Entscheid rechtzeitig mitkriegen, ereignet sich direkt nach der 3-Kilometer-Marke ein weiterer Massensturz. Darin involviert: der französische Mitfavorit Thibaut Pinot. Ziemlich angefressen und mit zerschlissenem Trikot rollt er ins Ziel.

Thibault Pinot kam bei der ersten Tour-Etappe nicht ohne Sturz ins Ziel.
Thibault Pinot kam bei der ersten Tour-Etappe nicht ohne Sturz ins Ziel.
KEYSTONE

Maskenlächeln, keine Ehrendamen und Lokalpolitiker

Diese dreidreiviertel Rennstunden haben trotz des Regenchaos etwas von einer Auszeit: Es dreht sich während dieser alles einzig um die Tour de France.

Doch dann drängt sich Corona zurück in den Mittelpunkt. Als Alexander Kristoff als Sieger über die Ziellinie rast, zeigt der norwegische Sprinter seine Markenzeichen: Siegerfaust und grimmiges Lächeln. Bei der Siegerehrung ist Letzteres dann nur mehr zu erahnen hinter seiner Schutzmaske. Auch das Podiumprotokoll ist nicht, wie es immer war. Ganz ohne Ehrendamen – wobei die nicht nur wegen der Pandemie gestrichen wurden, sondern weil man realisiert hatte, dass so was nicht mehr zeitgemäss ist. Ebenso fehlt die lange Reihe von Gratulanten, vom Stadtpräsidenten bis zum verdienten Lokalpolitiker. Stattdessen zieht ein Teamhelfer hinter dem Podium den Reissverschluss des gelben Trikots zu, das Kristoff dann als erster Gesamtführender des Rennens präsentieren darf.

Ohne Ehrendamen und ohne Lächeln: Der Norweger Alexander Kristoff feiert seinen Etappensieg.
Ohne Ehrendamen und ohne Lächeln: Der Norweger Alexander Kristoff feiert seinen Etappensieg.
KEYSTONE

Damit wird das grosse Ziel gewahrt: Die Teamblase bleibt ausserhalb des Rennens intakt. Die Fahrer und die Helfer jedes Teams wurden in der Woche vor dem Start zweimal auf Covid-19 getestet, erst nach zwei negativen Tests waren sie zur Tour zugelassen. Dass das nicht so einfach ist, zeigte sich beim belgischen Team Lotto-Soudal: Zwei Helfer mussten deswegen abreisen, ebenso ihre Zimmerkollegen.

Zwei positive Tests – und das ganze Team ist raus

An den beiden Ruhetagen werden weitere Tests folgen. Marc Hirschi, der Berner Tour-Debütant, gibt zu, dass er beim zweiten Test drei Tage vor dem Rennen etwas nervös gewesen sei. Durchaus zu Recht: Proben, die irrtümlicherweise ein positives Resultat liefern, sind nicht auszuschliessen. Bei positiven Proben will Tour-Veranstalter ASO deshalb einen zweiten Test machen – eine mobile Covid-19-Testeinheit begleitet das Rennen.

Die Nervosität vor den Tests wird die Teammitglieder nicht verlassen. Denn ein positiver Test bedeutet Quarantäne und damit Rennausschluss. Werden innert einer Woche zwei Personen in der 30-köpfigen Teamblase (8 Fahrer, 22 Helfer) positiv getestet, wird das ganze Team ausgeschlossen.

Bei dieser drastisch klingenden Massnahme wird deutlich, dass es der französischen Regierung schon nicht 100 Prozent wohl ist beim Gedanken, dass trotz stark steigender Fallzahlen nun die Tour de France drei Wochen durchs Land ziehen wird. In den Tagen vor dem Rennen hatten die Teams mit der ASO ausgehandelt, dass ein kollektiver Ausschluss nur bei zwei positiven Fahrern erfolgen würde.

Küng: «Handsanitizer steht seit fünf Jahren auf dem Esstisch»

Doch die Regierung setzte am Abend vor dem Tour-Start die ursprüngliche, deutlich härtere Regel durch. Im Gegensatz zu den Fahrern, die sich wirklich komplett in der Blase bewegen (ihr Tagesablauf: Hotel–Teambus–Rennen–Teambus–Hotel), kommen ihre Helfer bei ihren alltäglichen Besorgungen gezwungenermassen auch mit Personen ausserhalb dieser in Kontakt.

«Hygienemassnahmen gehören bei uns schon lange dazu, der Handsanitizer steht bei Rennen schon seit fünf Jahren auf dem Esstisch.»

Stefan Küng

«Für uns ist die Umstellung nicht so gross. Hygienemassnahmen gehören bei uns schon lange dazu, der Handsanitizer steht bei Rennen schon seit fünf Jahren auf dem Esstisch», sagt Stefan Küng. Sein Team Groupama-FDJ engagierte vor einem Jahr eine Person, die während der Tour jedes Hotelzimmer desinfiziert, Klimaanlagen inklusive. Dasselbe gilt für den Bus.

Fahrer würden bei maskenfreien Fotos gebüsst

Sehr streng wird auch die Maskentragepflicht umgesetzt. «Im Bus tragen wir keine Masken», gibt Küng zu. Das ist kein Problem, solange die Fahrer keine Fotos auf den sozialen Medien präsentieren. Wer sich da maskenfrei zeigt, riskiert eine hohe Busse.

«Das Soziale fehlt mir schon ein wenig.»

Michael Schär

Vier Schweizer sind in der diesjährigen Tour am Start, keiner ist erfahrener als Michael Schär, für den es die zehnte Grande Boucle ist. Am Samstag schaffte er es in die frühe Spitzengruppe, wollte sich so das Bergpreistrikot sichern. Das misslang, stattdessen wurde er immerhin als kämpferischster Fahrer ausgezeichnet. «Selbst in unserer Teamblase begegnen wir uns stets mit einer gewissen Distanz. Das Soziale fehlt mir schon ein wenig», sagt er. Zugleich hält Schär fest, wie froh er sei, trotz allem die Tour de France bestreiten zu können.

Ob diese Paris erreicht, ist angesichts des beschriebenen kurzfristigen Eingriffs der Regierung noch nicht gesichert. Was, wenn mehrere Teams ausgeschlossen würden? Wie viele Etappen müssten gefahren werden, um einen Gesamtsieger zu küren? Die Verantwortlichen von ASO und des Weltverbands drückten sich bislang um Antworten auf diese Fragen. Vielleicht in der Hoffnung, dass sie diese nicht werden geben müssen.