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Wer ist der beste Schriftsteller überhaupt?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Kulturredaktor und Literaturexperte Martin Ebel sträubt sich gegen Ranglisten und findet doch einen Weg, einen Besten zu küren.
Kulturredaktor und Literaturexperte Martin Ebel sträubt sich gegen Ranglisten und findet doch einen Weg, einen Besten zu küren.
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Schneller, höher, weiter – das funktioniert in der Literatur nicht. Auch das beste Buch eines Jahrgangs kann es nicht geben, obwohl sich viele Preise bemühen, genau das zu suggerieren. Denn jedes Buch tritt, streng genommen, in einer eigenen Disziplin an, die es allein bestreitet. Wie weit es der Autor darin gebracht hat, ist nicht messbar, also auch nicht vergleichbar. Ein guter Roman ist so individuell wie ein Mensch. Und bei Menschen kann man nur Leistungen bewerten, keine Individualität.

Mit Lebenswerken von Autoren ist es ähnlich. Wie soll man da Ranglisten erstellen, Podestplätze besetzen? Wer ist besser, Frisch oder Dürrenmatt, Schiller oder Goethe, Balzac, Stendhal oder Flaubert, Philip Roth oder John Updike? Und das sind ja noch Zeitgenossen, die der gleichen Nationalliteratur angehören. Wie wollte man Goethe an Joyce messen, Robert Walsers Prosastückli an Dantes «Commedia», Homer an Voltaire? Je mehr man darüber nachdenkt, desto absurder wird es.

Aber da keine Frage in dieser Rubrik ohne Antwort bleiben darf, muss sich der Kritiker ermannen, über alle Bedenken hinweg. Es hilft nur der mutige Sprung aus der Subjektivität (mein Lieblingsschriftsteller ist mit Marcel Proust allerdings schon ein ganz Grosser) in das, was man an objektiven Kriterien zusammenklauben kann.

Also: Es muss ein Autor sein, der seit langer Zeit, über viele Generationen hinweg, geliebt und bewundert wird. Der von seinen Zeitgenossen bis in unsere Tage das Publikum, aber auch viele andere Autoren fasziniert und inspiriert hat. Der unvergessliche Figuren und Konstellationen geschaffen hat, die unsere Vorstellung von der Welt geprägt haben. Dessen Sätze sich eingeprägt haben, ja sprichwörtlich geworden sind. Der uns mit jedem Werk zeigt, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Sie haben es erraten: Es ist William Shakespeare. Oder vielmehr das Universum seiner Stücke. Denn wer er wirklich war, ist ein wohl unlösbares Rätsel – und auch ziemlich gleichgültig. Denn was zählt eine Homestory in Stratford, der feuchte Traum des Literaturboulevards, gegen ein einziges Stück, was sage ich, einen Akt, eine Szene, eine Replik?

Hamlet, der zögernde Intellektuelle. Macbeth: Machtgier plus Blindheit. Romeo und Julia. Die Intrigen am Hof. Die betrogenen Betrüger. Das flirrende Wechselspiel der Geschlechter. Die Weisheit des Narren. Und, und, und. Shakespeare ist der Grösste, weil er unserer Welt eine zweite, mindestens so reiche – und sprachlich ungleich bestrickendere hinzugefügt hat.

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