Wer die Zeit vorgibt, ordnet die Welt

Der Zürcher Professor Raji C. Steineck erforscht, wie die Menschen im mittelalterlichen Japan Zeit wahrnahmen. Dabei erfährt man viel über unser heutiges Verständnis von Zeit.

Die Zeit fliesst wie das Wasser: «Wie man einen Wels fängt», Tusche auf Papier, 14.–16. Jh. Foto: De Agosti Picture Library, Bridgeman

Die Zeit fliesst wie das Wasser: «Wie man einen Wels fängt», Tusche auf Papier, 14.–16. Jh. Foto: De Agosti Picture Library, Bridgeman

Alexandra Bröhm@sonntagszeitung

«Die Zeit», sagt Raji C. Steineck, «ist keine feste, natürliche Grösse.» Natürlich ist sie das, wird so mancher einwenden und an Tage, Stunden, Minuten denken. «Zeitverständnis ist etwas, das sich in der Geschichte entwickelt», sagt Steineck. Unser Verständnis von Zeit habe immer mit den sozialen Bedingungen, mit der Kultur, in der wir leben, zu tun. Und nicht nur das, selbst im Hier und Jetzt gebe es unterschiedlichste Zeitvorstellungen. Man denke nur an die Literatur, wo es reizvoll sein kann, wenn Zeitebenen ineinander verfliessen. Wo man sich, wenn es gut erzählt ist, nicht daran stört, dass die Handlung von der Vergangenheit in die Zukunft springt. «Auf ihrem Bankkonto würden Sie derartige Sprünge hingegen kaum schätzen», sagt Steineck.

Steineck (50) ist Professor für Japanologie an der Universität Zürich und leitet ein Forschungsprojekt zum Zeitverständnis im mittelalterlichen Japan. Dort reicht das Mittelalter von 1200 bis 1600, während man in Europa unter den Begriff eine längere Periode fasst: von 500 bis 1500. Der Europäische Forschungsrat unterstützt das fünfjährige Projekt mit einem Beitrag. Im Zentrum steht die Frage, was Zeit für Menschen im japanischen Mittelalter bedeutete. «Dabei lernen wir auch viel darüber, wie wir Zeit wahrnehmen und konstruieren», sagt Steineck.

Das beginnt schon bei der Frage, woher ich überhaupt weiss, wie spät es ist. Für uns, die wir von digitalen Zeitmessern umgeben sind, ist es schwer vorstellbar, die Uhrzeit nicht so genau zu kennen. Auch im mittelalterlichen Japan gab es aber schon zwei verschiedene Zeit­messungssysteme. In den Residenzstädten verkündeten Beamte zu gewissen Tageszeiten die Uhrzeit. Auf dem Land lebten die Menschen, ähnlich wie im europäischen Mittelalter, nach dem Tag-Nacht-Rhythmus, den die Sonne vorgibt.

Langeweile galt als chic

Unsere Vorstellungen von Zeit sind heute oft linear, was sich schon in der Sprache zeigt. Die Zeit fliesst, sie ist ein Kontinuum, sie verfliesst, dabei aber immer in Richtung Zukunft oder, was man weniger gerne hört, in Richtung des eigenen Todes. «Diese Flussmetapher existierte auch im mittelalterlichen Japan. Sie kommt beim Nachdenken über das Leben zum Zug», sagt Steineck. Gleichzeitig gab es aber auch die eher zirkuläre Sichtweise von Zeit, wie sie die Landwirtschaft prägt, die Dinge ver­gehen, aber sie kommen immer wieder.

Auch wie unterschiedlich man Zeit wahrnehmen kann, sei bereits ein Thema gewesen. Jeder weiss, wie endlos sich die Minuten auf dem Zahnarztstuhl dehnen können, während die Tage in den Ferien viel zu schnell verfliessen. «In der japanischen Frauenliteratur jener Zeit war es beispielsweise häufig ein Thema, dass die Zeit zu langsam zerrinnt, Langeweile war immer präsent», sagt Steineck. Dabei hätten diese Frauen nicht wenig zu tun gehabt. Die meisten von ihnen besassen Land und mussten ihren Grundbesitz verwalten. Aber es galt vermutlich als chic, sich als möglichst untätig darzustellen. Genauso wie sich heute viele Menschen wichtig fühlen, wenn sie erzählen können, wie sie von Termin zu Termin hetzen und kaum Zeit für irgendetwas haben.

Um Herrschafstansprüche zu zementieren

«Die gemessene Zeit spielte im alten Japan auf jeden Fall eine weniger wichtige Rolle als heute», sagt Raji Steineck. Es gab einfach auch weniger Vorgänge, bei denen man sich genau miteinander abstimmen musste. Trotzdem stimme die Vorstellung nicht, dass die Menschen in vormodernen Gesellschaften noch gar kein Verständnis von Zeit als umfassendem, quantitativem Mass­system ­hatten. «Es gab in Japan schon das ­Bewusstsein für unterschiedliche Ka­lender­systeme, die man koordinieren musste.» Das habe für den Alltag der Menschen zwar keine so grosse Rolle gespielt wie heute. «Aber die Zeitmessung war ein Werkzeug, um Herrschafts­ansprüche zu zementieren.»

Die Regenten wollten beweisen, dass sie auch auf symbolischer Ebene eine Ordnung der Welt garantieren konnten. Wer die Zeit vorgibt, der hat Macht. Die Beherrschten müssen sich an diese Ordnung halten. Interessant seien da die Konflikte zwischen individuellen Bedürfnissen und der vorgegebenen Ordnung, die entstehen. «Schulzeiten, Arbeitszeiten, Ladenöffnungszeiten, da gehts uns ja heute auch nicht anders.»

Es gab im japanischen Mittelalter verschiedene Gruppen, die schriftliche Quellen hinterliessen. Nicht nur der ­Hofadel und die Mönche konnten schreiben, auch der Kriegeradel, das ging vom einfachen Dorfchef bis zum höfischen Krieger, hinterliess Schriften. Ausserdem existierte bereits eine aktive Theaterszene. Im Forschungsprojekt möchte sich das Team auf höfische Literatur, Märkte und Zen-Klöster konzentrieren.

Aus der Zeit gefallen

Zeit hat immer auch eine starke soziale Komponente. «Um in einer Welt mit vielen Akteuren existieren zu können, dient uns die Zeit auch als Koordinationsinstrument», sagt Steineck. Nur so können wir Ereignisse im eigenen Leben zu den Menschen um uns in Bezug setzen. Deutlich werde das, wenn jemand an Demenz leide. Es kommt ständig zu schmerzlichen Konflikten, weil die eigene Wahrnehmung nicht mehr im Takt mit der Umwelt ist. Als Zivildienstleistender in Deutschland pflegte Steineck 20 Monate lang Demenzkranke.

Seit 2008 ist der Deutsche Professor an der Universität Zürich. Während seiner Ausbildung verbrachte er mehrere Jahre in Kyoto. Für die japanische Kultur begann er sich bereits als Jugendlicher zu interessieren. Den Krisen im Jugendalter versuchte er, mit Meditation zu begegnen, und war damit seiner Zeit wohl voraus. «Auf dem oberbayerischen Land, wo ich aufwuchs, haben sie mich damals eher schräg angeschaut.»

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