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RassismusdebatteWer darf den dunkelhäutigen Otello singen?

Am Konzert Theater Bern kommt im Herbst ein neuer «Otello» auf die Bühne – inmitten von Diskussionen um Blackfacing, Diversität und Rassismus im Opernbetrieb. Wie geht das Stadttheater damit um?

Als Blackfacing noch kein Thema: Szene aus der «Otello»-Inszenierung am Stadttheater Bern (Premiere 21.9.1970).
Als Blackfacing noch kein Thema: Szene aus der «Otello»-Inszenierung am Stadttheater Bern (Premiere 21.9.1970).
Foto: Sandra Sibiglia (Archiv SAPA)

Ein dunkelhäutiger Mann erdrosselt eine weisse Frau. Das mag an rassistische Darstellungen erinnern, wie sie in Europa über Jahrhunderte hinweg verbreitet wurden, um Menschen anderer Hautfarbe als brutale Unholde zu verunglimpfen. Und doch handelt es sich hier um eine der positivsten Darstellungen einer nicht weissen Figur, die die europäische Bühnentradition zu bieten hat. Die Szene stammt aus Giuseppe Verdis Oper «Otello» (1887 uraufgeführt), einem Spätwerk, das auf William Shakespeares gleichnamigem Stück basiert. Hauptfigur ist der edle und tragische Feldherr Otello, der als Aussenseiter in der venezianischen Gesellschaft Opfer von Intrigen wird – und zuletzt seine Ehefrau Desdemona und sich selbst tötet.

Dunkel geschminkte Weisse

Um 1600, als Shakespeare «The Moor of Venice» verfasste (so der heute belastete Untertitel), war ein dunkelhäutiger Protagonist in einer Tragödie ungewöhnlich, aber nicht undenkbar. Es ist nicht geklärt, welche Hautfarbe Shakespeares Othello genau hatte, denn der Begriff «Moor», auf Deutsch «Mohr» oder «Maure», wurde für schwarze Afrikaner ebenso wie für Araber verwendet. Traditionell spielten dunkel geschminkte Weisse in afrikanisch oder arabisch anmutenden Kostümen die Figur. Im 19. Jahrhundert stellte man Otello in Grossbritannien gerne als «Orientalen» dar, wahrscheinlich, weil es angesichts des britischen Sklavenhandels für die Zuschauer schwierig wurde, sich einen schwarzen Mann als noblen, freien Feldherrn zu denken. Und die Geschichte des Rassismus gegen nicht weisse Menschen ist auch eng mit der Rezeption von Stück und Oper verbunden: Im 19. und 20. Jahrhundert verstanden Kritikerinnen das Werk mit Vorliebe als Warnung vor der Ehe zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe, und im Südafrika der Apartheid war «Othello» zeitweise ebenso verboten wie solche Ehen. Die Positionen, die Schwarze in der Realität innehatten, prägten die Rollen, die sie auf der Bühne spielten – und umgekehrt. Und heute?

Szene aus einer «Otello»Operninszenierung am Stadttheater Bern in den 1950er-Jahren (Premiere 12.4.1959).
Szene aus einer «Otello»Operninszenierung am Stadttheater Bern in den 1950er-Jahren (Premiere 12.4.1959).
Bild: Photo Erismann Bern (Archiv SAPA)

Hautfarbe egal?

Heute ist die Sensibilität für Fragen der Repräsentation gewachsen. Minderheiten fordern ihre Rechte, es geht um Identitätspolitik und kulturelle Aneignung. Eine Inszenierung muss sich Fragen gefallen lassen: Wer darf Otello spielen? Und wie wird mit dem Thema Rassismus umgegangen? «Für mich ist Otello ein Aussenseiter und ein Kriegsheimkehrer – um die Hautfarbe geht es da weniger.» Die Berliner Regisseurin Anja Nicklich inszeniert in Bern im Herbst einen «Otello», in dem der mexikanische Tenor Rafael Rojas die Hauptrolle singen wird. Die Wahl stand schon fest, als Nicklich das Projekt übernahm. Der Berner Opern- und Konzertdirektor Xavier Zuber erklärt: «Die Frage, ob es ein dunkelhäutiger Sänger-Darsteller sein sollte, stellte sich zu keiner Zeit, da der Held hier zwar ‹Mohr› genannt, aber eher als tragischer Held gezeichnet wird.» Dass Otello ein «Mohr» sei, verstehen Zuber und sein Team als «Illusion» und «Teil der Beleidigungen», die der Antagonist Jago gegen Otello vorbringt. Ob Verdi einverstanden wäre? Vor der Uraufführung schlug er vor, seinen Otello wie einen Äthiopier zu kleiden.

Eine schwarze Maskerade signalisiert, dass Weisse jederzeit zur
Unterhaltung eines weissen Publikums «schwarz werden» können.

Er wird im Oktober den Othello im Konzert Theater Bern geben: der mexikanische Tenor Rafael Rojas.
Er wird im Oktober den Othello im Konzert Theater Bern geben: der mexikanische Tenor Rafael Rojas.
Foto: Robert Workman

Einen generellen Aussenseiter muss Rojas in Bern geben, denn eins verbietet sich: den Sänger ganz einfach schwarz anzumalen. So ein Vorgehen ist mittlerweile als Blackfacing verpönt. Durch diese Praxis, entstanden in den amerikanischen Minstrel-Shows des 19. Jahrhunderts, stellten Weisse Schwarze dar und erniedrigten sie zum Vergnügen eines weissen Publikums. Auch wenn Otello keine lächerliche Figur ist, signalisiert eine schwarze Maskerade doch, dass Weisse anscheinend jederzeit zur Unterhaltung eines immer noch vornehmlich weissen Publikums «schwarz werden» können – was umgekehrt natürlich nicht gegeben ist.
Die Metropolitan Opera in New York hörte erst im Jahr 2015 auf, ihre Otellos dunkel zu färben. Das bedeutet freilich nicht, dass mehr dunkelhäutige Sänger die Chance erhalten, die prestigeträchtige Rolle zu spielen. Stattdessen bevölkern nun blasse, allgemein tragische Otellos die Bühnen der Welt, Otellos, deren Aussenseitertum nichts mit ihrer Hautfarbe zu tun hat.

Das ist nicht nur problematisch, weil die Vorurteile, mit denen Otello als Angehöriger einer Minderheit kämpft, in Stück und Oper zum Thema gemacht werden. Werden nicht weisse Figuren durch Weisse gesungen, könnte man auch von Whitewashing sprechen. In der Opernwelt finden sich hierfür viele Beispiele: Zwei Opern Puccinis, «Turandot» (Uraufführung 1926) mit einer chinesischen oder «Madama Butterfly» (Uraufführung 1904) mit einer japanischen Hauptrolle, werden hauptsächlich weiss besetzt.
Die wenigen Rollen, für die nicht weisse Sängerinnen prädestiniert wären, werden so doch nicht an sie vergeben, und das in einem Betrieb, in dem ihnen ohnehin schon weniger Möglichkeiten offenstehen. «Ich kenne die Oper als multikulturelles und offenes Umfeld. Aber ich weiss auch, dass ich Glück hatte – wir alle hören auch Geschichten über Diskriminierung», sagt Nicklich über Videotelefon.

Auch in den 1980er-Jahren wurden weisse Sänger farbig geschminkt. Szene aus der «Otello»-Aufführung am Stadttheater Bern (Premiere 14.9.1985).
Auch in den 1980er-Jahren wurden weisse Sänger farbig geschminkt. Szene aus der «Otello»-Aufführung am Stadttheater Bern (Premiere 14.9.1985).
Foto: Eduard Rieben (Archiv SAPA)

Otello für die Gegenwart

Sollte man Otello also schwarz oder arabisch besetzen? Fährt man diesen Kurs, wird schnell kritisiert, dass die historisch «korrekte» Hautfarbe einer Rolle nicht nur schwierig zu ermitteln ist – Otello könnte ja Schwarzer oder Araber sein. Will man schwarzmalen, könnte es auch dazu kommen, dass Asiaten eben nur noch Asiaten spielen dürfen, Schwarze nur noch Schwarze, was das für sie verfügbare Repertoire stark einschränken würde. Das ist natürlich nicht das Ziel, ebenso wenig wie eine Welt, in der alle nur noch Mitglieder der Gruppen spielen und singen dürfen, denen sie selbst angehören. Es ist aber wünschenswert, die Darstellerinnen, denen Hindernisse in den Weg gelegt werden, wenigstens dort zu besetzen, wo die nicht weisse Hautfarbe von Figuren zentral ist. Ein schwarzer Mann auf der Bühne beseitigt zwar nicht strukturelle Diskriminierungen im Kulturbetrieb, denn es muss auch darüber reflektiert werden, wer die Entscheidungsträger sind, wo Diversität hinter den Kulissen steckt und wer sich das alles anschaut. Eine dunkelhäutige Hauptrolle hat aber Symbolwert, und «Otello» kann so auch für eine Gegenwart relevant gemacht werden, in der heftig über verschiedene Formen von Unterdrückung und Ungleichbehandlung debattiert wird.
Welchen Weg man auch geht: Es gilt, offen mit der Thematik umzugehen. Entscheidungen über Repräsentation und Diversität sind auch im Bereich der Kultur politisch. Wird Otello also wie in Bern zum allgemeinen Aussenseiter und Rassismus als Thema von Stück und Oper aussen vor gelassen – wieso nicht Diskussionsrunden organisieren und Texte im Programmheft platzieren, in denen zu den Gründen für die Entscheidung und den Problemen, die mit ihr einhergehen, Farbe bekannt wird? Nicklich lächelt: «Ich fände das sehr gut.»

«Otello»-Premiere im Stadttheater Bern am 10. Oktober. www.konzerttheaterbern.ch