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Komplexe EmotionenWenn Verbitterung krank macht

Über unsere Werte definieren wir uns, sie geben unserem Leben Struktur und Sinn. Werden sie auf unfaire Weise verraten, kann uns das im Kern treffen und anhaltende Verbitterung auslösen.

Ob ein Mensch nach einem Vertrauensbruch verbittert ist oder nicht, hängt auch von der Persönlichkeit ab.
Ob ein Mensch nach einem Vertrauensbruch verbittert ist oder nicht, hängt auch von der Persönlichkeit ab.
Foto: Getty Images / iStockphoto

Vom Partner betrogen werden, einen Job gekündigt bekommen, einen geliebten Freund verlieren – das sind Ereignisse, die vielen Menschen im Laufe ihres Lebens zustossen. Die eine Person hadert, trauert und geht neue Wege. Der andere hat lange Zeit mit der erlebten Ungerechtigkeit, dem Vertrauensbruch oder der Herabwürdigung zu kämpfen. Er lässt sie vor seinem inneren Auge immer wieder aufleben, bis er verbittert ist. Hat die Verbitterung einmal Eingang in das Innerste gefunden, ist sie wie eine Giftwolke, die sich in der gekränkten Person ausbreitet, sie lähmt und fortan ihr Leben bestimmt. Nun wird diese Reaktion erstmals im kommenden Krankheitskatalog der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erwähnt. Doch ist sie eine eigenständige Krankheit, wie zum Beispiel Michael Linden von der Berliner Charité meint?

Linden, Professor für Psychosomatische Medizin, sagt: «Ich könnte mir vorstellen, dass ich jede Person, die ich kenne, dazu bringen kann, sehr verbittert zu sein. Denn wir sind da verletzlich, wo uns Dinge wichtig sind und wo wir gut sind.» Das erklärt, warum ein Betrug durch den Partner nicht für jeden Menschen dasselbe bedeutet. Wenn unsere wichtigsten Werte, jene, auf denen wir unser Leben aufbauen, durch erschütternde Ereignisse infrage gestellt werden, kann das unsere Welt ins Wanken bringen. Gehören Treue und Loyalität zu den Grundwerten einer Person, ist für sie ein Loyalitätsbruch besonders schlimm. Dann fühlt sich die betrogene Person angegriffen, herabgewürdigt, ungerecht behandelt und gekränkt. Im schlimmsten Fall zweifelt sie an ihrem Selbstbild und stellt sich schmerzhafte Fragen: Was hast du eigentlich dein Leben lang gemacht? Warum hast du so viel für diese Firma, diesen Mann, diese Frau geopfert?

Vom Gefühl zur Krankheit

Verbitterung sei eine komplexe Emotion, sagt Linden. Sie beinhaltet Aggression, Selbstherabwürdigung, Hoffnungslosigkeit, Scham und Verzweiflung. Verbitterung ist dynamisch und zerstörerisch. Sie tritt dann auf, wenn man in der Ecke steht: Es gibt keinen anderen Ausweg mehr, und dann entsteht das Bedürfnis zurückzuschlagen – ohne Rücksicht auf Kosten. Über neunzig Prozent der Betroffenen hegten Rachegedanken, sagt Linden. Verbitterung bringt Betroffene dazu, irrationale Dinge zu tun, dem vergeblichen Wunsch folgend, Gerechtigkeit, Kontrolle und Selbstwert wiederherzustellen. Das kann schlimmstenfalls im Suizid oder erweiterten Suizid enden. Die Aggressionen, die das Ereignis auslöst, sind nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen gerichtet. «Wie konnte ich nur so doof sein, das nicht vorherzusehen oder zu verhindern?», fragt sich die gekränkte Person dann wieder und wieder.

Lange spielte Verbitterung in der westlichen Psychiatrie kaum eine Rolle. Bis Linden und seine Kollegen einige Jahre nach dem Fall der Mauer auf eine Patientengruppe in Ostdeutschland aufmerksam wurden, der sie kaum helfen konnten. Als sie genauer hinschauten, erkannten sie das Muster der Verbitterung. Linden ist mittlerweile überzeugt, dass aus dem Gefühl der Verbitterung eine Krankheit werden kann. «Wenn sie anhält, das Leben bestimmt, es einschränkt, wenn die Menschen die Kontakte zu anderen einstellen, nur noch gefangen sind in diesem Affekt, nur noch in der Vergangenheit leben und auf Rache sinnen – dann würde ich von einer Krankheit sprechen», sagt er. Er nennt sie «posttraumatische Verbitterungsstörung».

Doch diese Diagnose ist bislang weder im Klassifikationssystem der WHO noch in jenem der Amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft aufgelistet. Dennoch wird sie demnächst mehr Aufmerksamkeit erfahren. Wie die WHO bestätigte, wird die «Verbitterungsreaktion» im neuen Krankheitskatalog der Organisation, dem IDC-11, der ab 2022 in Kraft treten soll, als Unterklasse der Anpassungsstörungen aufgeführt sein. Es brauche Zeit, zahlreiche wissenschaftlich gewonnene Informationen und einen internationalen Konsens, bis neue Diagnosen ihren Weg in die Klassifikationssysteme fänden, sagt Norman Sartorius, Psychiater und langjähriger Direktor der Division of Mental Health der WHO. Die Frage sei nicht, inwiefern es Verbitterung gebe oder ob man Betroffenen helfen müsse, sondern, ob es sich dabei um einen Zustand oder eine eigenständige Krankheit handle.

Gefährliche Fehldiagnosen

In dieser Frage aber gehen die Meinungen auseinander. Der Psychologe und Wissenschaftler Hansjörg Znoj beispielsweise beschreibt Verbitterung als eine normale menschliche Reaktion auf ein negatives Lebensereignis und empfundene Ungerechtigkeit. Yael Dvir von der University of Massachusetts kritisierte bereits im Jahr 2007, dass Menschen, bei denen man anhaltende Verbitterung festgestellt hatte, zugleich sehr oft an anderen Erkrankungen wie Anpassungs-, Angst- und Persönlichkeitsstörungen litten, was nicht dafür spreche, dass es sich um eine eigene und abgrenzbare Störung handle.

Auch ausserhalb der Forschung stiess der Vorschlag einer Verbitterungsstörung auf Kritik: Der Wissenschaftsjournalist Jörg Blech nahm 2014 in seinem Buch «Die Psychofalle» die Verbitterungsstörung als Beispiel dafür, dass normales menschliches Erleben durch neue Diagnosen pathologisiert wird. Linden hält dagegen: «Wenn jemand schwer beeinträchtigt ist, dann diese Menschen. Sie haben alle schon eine lange Karriere im Medizinsystem hinter sich. Die Frage, ob krank oder nicht, stellt sich überhaupt nicht, sondern es stellt sich die Frage nach der Differenzialdiagnostik – diese ist aber wichtig. Es macht schon einen Unterschied, ob ich etwas an der Galle oder am Blinddarm habe, die Diagnose Bauchweh allein reicht nicht.»

Verbitterte nämlich bekämen häufig die Diagnose Depression, sagt Linden. Dabei seien die Diagnosen sehr unterschiedlich: Während die Depression ein Nichtaffekt ist, charakterisiert durch Leere und Gefühlslosigkeit, sei Verbitterung ein dynamischer und starker Affekt. Diese Fehldiagnose führe dazu, dass die Betroffenen nicht richtig behandelt würden, sondern am Ende häufig sogar frühzeitig berentet werden müssten. Deshalb sei eine gründliche Differenzialdiagnostik wichtig.

Pessimisten sind anfälliger

Eine der wichtigsten Fragen dabei ist, was die Menschen anfällig für Verbitterung macht. Klar ist, dass die innere Haltung eine wichtige Rolle spielt. Menschen, die eher pessimistisch denken, sich verletzlich und machtlos fühlen, sind anfälliger für Verbitterung. Auch die Art, wie eine Person Probleme bewältigt, entscheidet darüber, ob sich aus einem Gefühl der Verbitterung ein chronischer Zustand entwickelt. Anhaltendes Grübeln und eine geringe Fähigkeit zur Ablenkung stehen in Zusammenhang mit einer steigenden Intensität von negativen Gefühlen. Fällt es einer Person dagegen leichter, Situationen neu zu bewerten, indem sie beispielsweise neue Perspektiven einbezieht, ist dies ein Schutz vor Verbitterung.

An diesem Punkt setzt Linden in der Therapie von Betroffenen an. Er übt beispielsweise mit ihnen, wie man scheinbar unlösbare Probleme letztlich doch bewältigen kann. Die Erwartung ist, dass die Patienten das Gelernte auf ihre Lebensverhältnisse übertragen können. Durch die Therapie kann das geschehene Unrecht nicht rückgängig gemacht werden. Aber die Betroffenen können Distanz und neue Sichtweisen entwickeln – bestenfalls erkennen sie dann, dass sie loslassen müssen, um der Vergangenheit weniger Macht über ihre Zukunft zu geben.