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Schweizer Schauspieler in BerlinWenn er emotional wurde, hörte man ihm den Schweizer an

Der Berner Max Gertsch erfand mit drei Freunden die Musikkabarettgruppe Geschwister Pfister. Er lebt als Schauspieler in Berlin, leidet aber selbst am 1. August nicht an Heimweh.

Wenn das Schiller-Theater wieder aufgeht, ist er bereit: Max Gertsch, Schauspieler aus Bern.
Wenn das Schiller-Theater wieder aufgeht, ist er bereit: Max Gertsch, Schauspieler aus Bern.
Foto: Rosanna Steppat

An diesem schönen Abend in Berlin-Charlottenburg scheint die Corona-Krise weit weg. Berlinerinnen und Berliner lassen es ruhig angehen, gönnen sich ein Feierabendbier. Laut wird es bald im knapp tausend Kilometer entfernten Bern, obwohl die Schweiz sonst ein eher stilles Land ist. Zum Bundesfeiertag steigen Raketen unter Geknalle in den Himmel. «Ich bekomme kein Heimweh wegen des 1. August», sagt Max Gertsch, der gebürtige Schweizer. Er blinzelt in die letzten Sonnenstrahlen des Tages und lächelt, fast ohne den Mund zu bewegen. Dann fügt er schelmisch hinzu: «Am 2. August feiert ein guter Freund von mir Geburtstag, das ist mir wichtiger.»

Für heute hat Gertsch die Proben für «Mord im Orientexpress» beendet. Sobald es die Bedingungen der Pandemie zulassen, soll das Stück im Schiller-Theater aufgeführt werden. Noch sind die Türen geschlossen, was einen depressiven Eindruck verbreitet. Auf den Stufen stehen leere Flaschen, der rote Teppich ist schmutzig. Doch in ein paar Wochen soll es wieder losgehen. Dann wird Gertsch auf der Bühne stehen und das «perfekte Leben» weiterspielen, das er selbst inszeniert hat. Dafür hat er seinen Wohnort Spiegel verlassen, seine Familie, die Freunde – und die Aare.

Langeweile in Bern

Herbst 1987. Obwohl seine Ausbildung am Berner Konservatorium noch nicht abgeschlossen ist, spricht er in Berlin an der Freien Volksbühne bei Intendant Hans Neuenfels vor. Der junge Berner wittert die Chance, hier ein neues Leben zu beginnen. Ein Leben, wie er es sich wünscht, aufregend und international. Im Berner Vorort Spiegel habe er sich ein solches nicht vorstellen können, findet Gertsch rückblickend. «Soll das wirklich alles sein?», habe er sich im Alter zwischen 16 und 20 oft gefragt. Die «vernünftige» Schweiz habe ihn gelangweilt. Der Wahl-Berliner erinnert sich an endlose Sonntage, an denen sich sein Leben zwischen dem «Araber» genannten Aarbergerhof und dem Lorenzini abspielte. Sonntage, an denen Züri West nicht im Mattenhof auftrat – oder er als bewegter Jugendlicher für den Erhalt des Hüttendorfs Zaffaraya protestierte. Fast hätte er sich manchmal gewünscht, dass wenigstens jemand auf einer Bananenschale ausrutsche. «Ich fand mein Leben während der Pubertät nicht so toll.»

Deshalb wagte Gertsch den Aufbruch, schnallte kurzerhand eine Matratze auf den Kombiwagen seiner Eltern und fuhr in Richtung Berlin, wo ein neues Leben und hoffentlich eine Karriere auf ihn warteten. Dennoch fragte er sich damals: «Wie soll das alles werden?» In Berlin erwartete ihn erst einmal bittere Kälte und herbstliche Düsternis. Doch es wurde gut.

Kleine Brötchen backen

Bevor es gut werden konnte, war es erst einmal hart. «Ich stieg als Jungschauspieler an einem grossen Theater ein.» Berlin sei zwar eine tolle Stadt voller kreativer Menschen, «aber auf mich hatte keiner gewartet». Jahrelang musste sich Gertsch mit kleinen Rollen zufriedengeben. An seiner Aussprache wurde herumgemäkelt. «Ah, wenn du emotional wirst, hört man, dass du Schweizer bist», hiess es etwa. Gertsch hörte seinen österreichischen Bühnenkollegen zu – und fand es unfair, dass man ihn anders behandelte.

Vier Jahre später war er noch immer da. Und der Frust machte ihn kreativ. Er gründete mit drei Kommilitoninnen und Kommilitonen aus der Berner Studienzeit die Musikkabarettgruppe Geschwister Pfister, die schnell Kultstatus erlangen sollte. «Wir trafen uns, um etwas zu tun, das Spass macht.» Das Repertoire wuchs, es gab gute Besprechungen und erste Auszeichnungen. Wie erklärt sich Gertsch den Kultstatus? «Ich kann mir das selber nicht restlos erklären», sagt der Schauspieler. «Wir waren einfach ziemlich musikalisch und verwendeten unendlich viel Energie und Sorgfalt auf unsere Arbeit.»

Irgendwann füllte ihn die Rolle als Willi Pfister nicht mehr aus. Er wollte zum Film und verliess die Gruppe 1993. «Nach dem Ausstieg fühlte ich mich drei Monate lang wie ein Zombie», erzählt er. Anfänglich habe er den Schritt etwas bereut, aber für seine Karriere sei es das Richtige gewesen. Bald kamen erste TV-Anfragen und Gertsch wurde zu einem bekannten Gesicht in deutschen Fernsehfilmen und -serien, spielte aber weiterhin am Theater und in Musicals.

Zackige «Berliner Schnauze»

Inzwischen hat der Berner nebst deutscher Frau und Kind auch längst die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Was fehlt ihm in Berlin am meisten? Die Antwort ist überraschend: «Wanderwege und Höflichkeit.» Wie zur Bestätigung bringt die Kellnerin die Rechnung für die Weinschorle und kassiert in schroffem Ton ab, ganz so, wie man sich die direkte «Berliner Schnauze» vorstellt. Die Berliner Art sei «Geh sterben, du Arsch», meint Gertsch entschuldigend, aber nach so vielen Jahren könne er ganz gut damit umgehen. «Auch ich habe inzwischen viel von der wattigen Schweizer Mentalität verloren.» Etwas aber fehlt Gertsch eindeutig, wenn er an den Berner Sommer denkt: «Man kann zwar auch in Berlin schwimmen, aber mit der Aare lässt sich das niemals vergleichen.»