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Verfehlungen im TurnverbandWenn die Angeschuldigten bestimmen, was untersucht wird

Eine Untersuchung soll die gravierenden Vorfälle im Nationalkader der Rhythmischen Gymnastik aufklären. Allerdings gibt es Zweifel an der Unabhängigkeit der Untersuchung.

Trainerinnen, die Verletzungen provozierten. Athletinnen, die trotz einem ärztlichen Verbot turnten. Die Anschuldigungen an die STV-Verbandsspitze sind gravierend.
Trainerinnen, die Verletzungen provozierten. Athletinnen, die trotz einem ärztlichen Verbot turnten. Die Anschuldigungen an die STV-Verbandsspitze sind gravierend.
Foto: Urs Lindt / Freshfocus

Eleganz, Körperbeherrschung, Beweglichkeit. Es sind diese Begriffe, die gewöhnlich mit der Rhythmischen Gymnastik verbunden werden. Doch gewöhnlich ist seit Ende Juni gar nichts mehr. Die Sportart steckt in der Schweiz in einer tiefen Krise, seit ehemalige Gymnastinnen mit ihren Berichten über psychische und körperliche Torturen an die Presse gelangt sind.

In einem ersten Schritt trennte sich der Schweizerische Turnverband von den beiden Trainerinnen des Nationalkaders, Iliana Dineva und Aneliya Stancheva. Zudem wurde eine externe Untersuchung angekündigt. Und der Chef Spitzensport, Felix Stingelin, wurde vorübergehend suspendiert.

Das letzte Wort hat der Zentralvorstand

Er und STV-Geschäftsführer Ruedi Hediger stehen im Zusammenhang mit den Vorwürfen rund um die Rhythmische Gymnastik massiv in der Kritik. Weil sich die Probleme seit Jahren wiederholen, abgesehen von Trainerentlassungen aber nichts geschehen ist. Selbst die angekündigte Untersuchung erweckt nun den Eindruck, dass die Verbandsspitze den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt hat.

Diesem Medium liegt ein Schreiben vor, das die Verantwortlichen des Regionalen Leistungszentrums Biel und Region dem STV-Zentralvorstand zugestellt haben. Es ist die Antwort auf den Entwurf der Untersuchung, die ein renommiertes internationales Unternehmen durchführen sollte. Als «in mehrfacher Weise problematisch» bezeichnet RLZ-Präsidentin Elisabeth Gehrig-Bossi den Entwurf. So steht darin etwa: «Wir nehmen an, dass Sie uns im Namen des Zentralvorstandes Arbeitsanweisungen erteilen und unseren Fortschritt in dieser Sache überwachen werden … Dies versetzt Sie als Kunden in die Position, eine Einschätzung zum weiteren Vorgehen zu machen und über Umfang und Tiefe allfälliger weiterer Schritte unabhängig zu entscheiden.»

Rhythmische Gymnastik ist eine Sportart, die den Athletinnen vieles abverlangt, die Trainingsumfänge sind weitaus höher als in anderen Sportarten.
Rhythmische Gymnastik ist eine Sportart, die den Athletinnen vieles abverlangt, die Trainingsumfänge sind weitaus höher als in anderen Sportarten.
Foto: Freshfocus

Der Zentralvorstand des STV steht im Verdacht, schon sehr lange von den Missständen im Nationalkader gewusst zu haben. Schliesslich wurde diesem vom Bundesamt für Sport 2019 wegen unterschiedlicher Ansichten in Fragen der Betreuung und der Trainingsmethodik gar das Gastrecht in Magglingen entzogenein einmaliger Vorfall in der Schweizer Sportgeschichte. Nun erweckt der Vertragsentwurf allerdings den Eindruck, als würden die Angeschuldigten bestimmen, was untersucht werden darf – und was eben nicht.

Die Medienstelle des STV lässt dazu verlauten: «Der Bericht soll sowohl die im Raum stehenden Vorwürfe untersuchen als auch ganzheitlich die Strukturen und die Zielsetzungen in der Rhythmischen Gymnastik analysieren. Der STV hat allen regionalen Leistungszentren die Möglichkeit gegeben, vorgängig den Auftrag zu prüfen sowie Rückmeldungen und Inputs zu geben. Nun laufen weitere Vorarbeiten, bevor der Auftrag vergeben wird.»

Die Aussagen der Gymnastinnen haben Gehrig-Bossi betroffen gemacht. Im RLZ Biel und Region legt sie Wert darauf, dass die Richtlinien der Ethik-Charta von Swiss Olympic eingehalten werden. Missbrauchpsychischer und physischer Artwird nicht geduldet. Rhythmische Gymnastik ist eine Sportart, die den Athletinnen bereits in jungem Alter vieles abverlangt, die Trainingsumfänge sind weitaus höher als in anderen Sportarten. «Und gleichwohl kann man menschlich handeln, schliesslich sollen die Mädchen auch Freude haben, Motivation bringen sie eh mit. Das ist uns wichtig», sagt Gehrig-Bossi.

Verstoss gegen die Ethik-Charta

Bereits im Februar 2020 wandte sie sich an die STV-Geschäftsleitung. In einem Dossier trug Gehrig-Bossi Verfehlungen zusammen, die ihr geschildert wurden. Es sind Geschehnisse, die viel über die Zustände im Nationalkader aussagen. Etwa jener Fall einer Kaderanwärterin, die sich in einem Training den Arm brach. Es handelte sich um einen Wiederholungsbruch, zwei Monate zuvor hatte sie sich bei einem Sturz mit dem Velo bereits einen Bruch an derselben Stelle zugezogen. Die Trainerinnen wussten, dass dieses Risiko bei zu hoher Belastung bestehen würde.

Eine andere Gymnastin erhielt wegen anhaltender Schmerzen im Fuss einen ärztlichen Dispens. Dieser sah unter anderem vor, dass sie keine Sprünge und keinen Spitzfuss machen dürfen würde – Elemente also, die in jeder Übung der Rhythmischen Gymnastik vorkommen. Die Trainerinnen wurden darüber informiert. Und trotzdem nahm die Athletin unter voller Belastung an einem Wettkampf teil. Dass die Eltern die Einwilligung für den Wettkampf gaben, lässt tief blicken. Trotzdem müsste hier die sportliche Leitung gemäss der Ethik-Charta von Swiss Olympic intervenieren. Dort heisst es unter Punkt 4: «Die Massnahmen zur Erreichung der sportlichen Ziele verletzen weder die physische noch die psychische Integrität der Sportlerinnen und Sportler

Sogar Calmy-Rey schaltet sich ein

Im März kam es zu einem Treffen zwischen Vertretern des RLZ Biel und Umgebung und STV-Geschäftsführer Ruedi Hediger. Der Zentralvorstand beauftragte danach eine Rechtsanwältin damit, die Vorfälle abzuklären. Sie befragte mehrere Personen und erstellte daraufhin einen Bericht. Dieser allerdings wurde nur den Mitgliedern des Zentralvorstandes und dem Chef Spitzensport zugänglich gemacht. Nicht einmal die befragten Personen durften ihn einsehen. Aus Persönlichkeitsschutzgründen, wie der Verband verlauten lässt. Brisantes Detail: Bei der Rechtsanwältin handelt es sich um ein ehemaliges Mitglied des STV-Zentralvorstandes.

Mittlerweile hat sich gar Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey eingeschaltet. Als Präsidentin der Ethik-Stiftung des Weltturnverbandes befasst sie sich nun mit den Vorwürfen, welche die ehemaligen Athletinnen schilderten. Wie man solche Vorfälle ebenfalls aufarbeiten kann, zeigt der britische Turnverband. Nachdem Kunstturnerinnen schwere Vorwürfe erhoben hatten, soll auch hier eine Untersuchung durchgeführt werden. Um die Unabhängigkeit zu wahren, zieht sich der Verband allerdings zurück und übergibt die Führung an UK Sport und Sport England.

Immerhin: Auf Gehrig-Bossis Intervention hin hat der STV-Zentralvorstand nun eine weitere Offerte bei einer anderen Firma eingeholt. Und: Die Auftragserteilung soll umgeschrieben werden.