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Festival della Canzone ItalianaSanremo kann singen

Nun also doch: Das Schlagerfestival von Sanremo findet trotz Corona statt. Die mögliche Absage wurde verhandelt wie eine Staatsaffäre, parallel zur Regierungskrise.

Die wissenschaftliche Taskforce der italienischen Regierung in der Pandemie hat dem Begehren der Organisatoren nach langer Prüfung stattgegeben. Im Bild: Das legendäre Teatro Ariston (Dezember 2019).
Die wissenschaftliche Taskforce der italienischen Regierung in der Pandemie hat dem Begehren der Organisatoren nach langer Prüfung stattgegeben. Im Bild: Das legendäre Teatro Ariston (Dezember 2019).
Foto: Getty Images

Die Blumen für die Künstler kommen angefahren, auf einem Bühnenwagen, wahrscheinlich auf Schienen. Die Prämien auch. Küssen, herzen, sich gegenseitig ins Gesicht singen und hauchen – geht natürlich nicht. Ins alte Teatro Ariston wird auch kein Publikum gelassen. Fotografen? Nur zwanzig. Nichts wird sein wie sonst, aber immerhin: Das Festival von Sanremo, der popkulturelle Höhepunkt jedes italienischen Kalenderjahres seit 1951, findet statt. Trotz Corona.

Fünf Fernsehabende auf RAI Uno, vom 2. bis 6. März, fünf Stunden je, man muss sich das mal vorstellen: Die Sendung hört jeweils um 2 Uhr in der Früh auf. Erwartbare Einschaltquote: 60 Prozent, mindestens. «Sanremo è Sanremo», sagen die Italiener, dämmerungsfrei. Die Provinzstadt ganz oben an der ligurischen Riviera ist auch in diesem Jahr eine Woche lang das Zentrum des Landes. Als Blase zwar, wie vakuumiert, aber gerettet.

Die wissenschaftliche Taskforce der italienischen Regierung in der Pandemie hat dem Begehren der Organisatoren nach langer Prüfung stattgegeben. Über Wochen wurde gebangt und gerungen, parallel zur Regierungskrise. Die Zeitungen begleiteten die Zeit mit Debatten fürs Dafür und das Dawider, als würde da die Zukunft des Landes verhandelt.

Ein formidabler Treiber des Geschäfts

Natürlich fanden viele, es sei nicht fair, wenn man den Italienern nach all der Schwere auch noch diese leichte Zeit wegnehme, Schlager und Raps, den Gossip um die singenden Lieblinge, die Skandale und Skandälchen, von denen noch jedes Festival lebte. Die Stars und die Musikproduzenten erinnerten daran, dass ihr Sektor ganz arg gelitten habe: keine Konzerte, keine öffentlichen Auftritte. Und Sanremo ist ein formidabler Treiber des Geschäfts, vielleicht sogar ein unverzichtbarer für italienische Künstler. Wer im Ariston auftritt, hat die Radios, die Charts, die Klatschpresse.

Man erinnert dabei gern an die gloriosen Ursprünge. Unvergessen bleibt, wie Domenico Modugno 1958 sein «Nel blu dipinto di blu» uraufführte, schmaler Schnurrbart, die Arme weit offen: «Volare, oh, oh, cantare oh, oh, nel blu dipinto di blu, felice di stare lassù». Modugno sollte zunächst gar nicht eingeladen werden, dann stürmte «Volare» die ganze Welt, ein Phänomen. Wahrscheinlich prägte kein Lied den Sound, den man im Kopf hat, wenn man an Italien denkt, mehr als dieses. Wenigstens gilt das für einige Generationen.

Nun also müssen sie alles in Vakuum verpacken, Glitter und Glamour. Das Staatsfernsehen hat der Taskforce ein 75-seitiges Sicherheitsprotokoll unterbreitet, es ist ein Zeitdokument. Corona-Tests alle 72 Stunden. Mindestabstand auf der Bühne: zwei Meter, ausser zwischen Mitgliedern derselben Band, da sind es eineinhalb Meter. Zum Theatersaal führen separate Korridore für Musiker des Orchesters, Künstler und für das Moderatorenduo Amadeus und Fiorello. Die Schutzmasken? FFP2 für alle, rigoros. Die Stars dürfen chirurgische tragen, allerdings nur von der Garderobe bis zur Bühne, damit die Schminke nicht verschmiert.

Bleibt die Sorge vor den Fans draussen, vor dem Ariston, ob sich die wohl disziplinieren lassen? Früher war es immer so, dass die Künstler vor und nach ihrem Auftritt auf dem Laufsteg stolzierten, der «passerella», Fotos mit sich machen liessen und dann in den Restaurants von Sanremo dinierten. Greif- und nahbar. Diesmal wird es keine «passerella» geben. Und die Autos, die das Traumpersonal vom Hotel zum Ariston bringen, werden verdunkelte Scheiben haben.

4 Kommentare
    Marco Aeschi

    Ich frage mich jedes Jahr, wieso im deutschsprachigen Raum immer von "Schlager"-Festival geschrieben wird. San Remo ist DAS Musik-Festival, ganz Italien steht dann still. Alles was Rang und Namen in der Musikbranche hat tritt dort auf (oder startete die eigene Karriere dort): Eros, Nek, Mahmoud, Gualazzi, selbst Altstar Loredana Bertè... und sind übrigens alles Pop-Sänger, die in den italienischen Hitparades rauf und runter gespielt werden.