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Der PollerWenn 95-Jährige illegale Partys feiern

Eine Grossmutter will partout nicht auf ihr Geburtstagsfest verzichten. Das bringt ihren Enkel in Gewissensnot. Eine Kolumne von Dieter Stamm.

«Und es soll sein wie in einem Fellini-Film, bitte schön.» Szene aus «Amarcord», 1973.
«Und es soll sein wie in einem Fellini-Film, bitte schön.» Szene aus «Amarcord», 1973.

Frieda ist die Mutter eines alten Freundes und eine überzeugte Misanthropin. Ich mag sie sehr. Letztes Mal, als ich vorbeiging, war auch ihre Mutter, die Grossmutter meines Freundes, zu Besuch. Die Dame wird in diesem Jahr 95 Jahre alt – und beschert meinem Freund schlaflose Nächte.

Wir sassen alle in der Küche, und mein Freund sagte: «Ihr bringt mich noch ins Gefängnis.» Er meinte es durchaus ernst.

Die beiden Damen steckten sich Zigaretten an und grinsten. «Jetzt kannst du mal ein bisschen Rebell sein», sagte die Grossmutter. Es ist unüberhörbar, dachte ich, woher Frieda ihren Sarkasmus hatte.

Mein Freund wedelte die Rauchschwaden weg und schüttelte den Kopf. Irgendwie verstand ich ihn. Ich fühle mich jetzt manchmal auch als ein kleiner Rebell, der ich gar nicht bin. Zum Beispiel, wenn ich nachts um halb zwölf im Zug, im leeren Waggon, in dem ich sitze, die Maske runterhängen habe. Für niemanden eine Gefahr, aber auch das ist illegal.

Traditionsgemäss muss mein Freund als ältester Enkel das Fest organisieren. Und seit ihrem 75. Geburtstag gibt es jedes Jahr eine Sause. «Es kann immer meine letzte Party sein», pflegt die Grossmutter zu sagen. «Jetzt, mit diesem Virus, sowieso.» Eine Verschiebung des Anlasses in den Frühling, wie es mein Freund vorgeschlagen hatte, lehnte sie ab. «Kommt gar nicht infrage.»

«Aber über die Anzahl lass ich nicht mit mir reden», sagte mein Freund. «Mehr als 10 gehen nicht.» Bis letzte Woche ging er davon aus, dass 15 Personen teilnehmen dürfen. Nun hat der Bund eine einzige Verschärfung gegenüber dem ansonsten strengeren Kanton beschlossen: An privaten Festen sind nur noch 10 Personen erlaubt. Das war ein gewaltiger Rückschlag für seine Bemühungen, es allen recht zu machen.

«Papperlapapp», erwiderte die Grossmutter. «Es dürfen alle kommen. Und es soll sein wie in einem Fellini-Film, bitte schön.»

«Ich bin für 15», sagte Frieda. «Dann können wir sagen, dass wir uns an den Schnegg halten. Der meint ja, 15 seien in Ordnung. Sind es viel mehr, ruft die Stasi wieder die Polizei.» Die Stasi ist ein Nachbar, mit dem Frieda in Streit lebt, weil er manchmal die Polizei ruft, wenn sie um Mitternacht ihre Stereoanlage aufdreht und Jimy Hendrix hört.

Mein Freund vergrub sein Gesicht in den Händen. Er ist ein ordentlicher Mensch, der sich an Vorschriften hält. Er gibt im Gegensatz zu seiner Mutter und seiner Grossmutter im Restaurant auch den richtigen Namen an. Schon die Begrenzung auf 15 Personen hat ihm Gewissensbisse verursacht. Natürlich, es gibt den Cousin, der sowieso keine Lust hat zu kommen, und es gibt die Tante, die vor lauter Angst auch als einziger Gast nicht käme. Aber auch so rechnen 25 mit einer Einladung. Wer also darf kommen? «Wisst ihr eigentlich, was ihr da von mir verlangt?», fragte mein Freund. «Wer ist würdig? Wer ist mehr wert als der andere? Und ich bin der Böse.»

«Dein Problem, wenn du den Musterknaben spielen willst», sagte Frieda.

«Sag doch auch mal was», forderte mich mein alter Freund auf. Das kam mir gar nicht gelegen, ich hätte mich gerne rausgehalten. Also erwiderte ich: «Ich glaube, da kann man schlicht nichts machen, wenn 95-Jährige illegale Partys feiern wollen.»

Worauf die Grossmutter den Holunderlikör aus dem Schrank holte und vier Gläser vollmachte.

Drei Holunderlikörs später wurde der Schreibende hochoffiziell von der Grossmutter zu ihrem Fest eingeladen. Eine Absage werde nicht akzeptiert, fügte Frieda hinzu. Nun fürchtet er, die Sache könnte das Verhältnis zu seinem alten Freund schwer belasten.

11 Kommentare
    Bettina Hackel

    Es gab mal eine Krimi-Serie, ich glaube, sie hiess: "Der Dicke", mit Günther Strack als Kommissar. An eine Szene erinnere ich mich immer mal wieder: der Kommissar liegt mit schwerer Grippe im Bett, um ihn herum reichlich Flaschen mit "Spirituellem" drin. Kommt die Kollegin (oder war es die Tochter) zu Besuch und ruft aus: "Wie kannst du nur? Das Zeug macht dich doch erst recht krank!" "Das Zeug macht die Viren krank, sterbenskrank!" , behauptet der dicke Kommissar. Ich stehe überhaupt nicht auf Alkohol, ausser mein Magen hat ein Problem mit dem Raclette, Hobelkäse, Käsekuchen oder Fondue am Abend und lässt mich nicht schlafen. Ein würde ich vielleicht auch mit Vergnügen Grippe-Virus stockbetrunken machen - mit dem neuen Corona-Virus funktioniert das aber wohl nicht!