«Weder abgeschottet noch einsam»

Arthur und Katharina Elmer haben sich im Emmental ein gemütliches Refugium eingerichtet. Ihre sechs Kinder schult die freikirchliche Familie zu Hause.

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Das Strässchen windet sich durch saftige Matten an bewaldeten Hügeln vorbei. Ob da noch etwas kommt? Der Reporter fährt nicht gemäss Navi, sondern nach der Wegbeschreibung, die Arthur Elmer gemailt hat. Navis zeigten Umwege an, hatte er geschrieben. Gelegentlich riefen verirrte Kurierfahrer an, die etwas liefern müssten. Manchmal holen Elmers Sendungen auch im fünf Kilometer entfernten Röthenbach ab. Der Reporter findet Elmers Haus auf Anhieb und wähnt sich nach 35 Autominuten in einer anderen Welt.

Der Mobilfunkempfang ist hier schwach: Anrufer sind nur abgehackt zu vernehmen. Arthur und Katharina Elmer rufen ihre Kinder. Fünf eilen von allen Seiten herbei, einer fehlt: der älteste Sohn Aron, der seine Schreinerlehre mit Bestnoten abgeschlossen hat. Er fährt zur Mittagszeit mit seinem Auto auf den Hof, als der Besucher gehen will. «Ihm ist es ganz recht, dass er nicht mit aufs Bild kam», sagt Arthur Elmer schmunzelnd.

Er stammt aus dem Schwarzwald, seine Frau Katharina aus Glarus. Wie hat es sie an diesen Ort verschlagen? War es die hohe Dichte an Glaubensgemeinschaften? Elmers verneinen. Sie hätten den Ort ausgewählt, bevor sie bewusst gläubig geworden seien. Heute gehören sie einer Freikirche an, deren Lehre sie als «bibeltreu und nüchtern» umreissen, Frisur- oder Bekleidungsvorschriften gebe es nicht. Früher leiteten sie im Oberland Kinder-Sommerlager in Indianerzelten, veranstaltet von einer Naturschutzorganisation.

Darum hätten sie sich eine Bleibe im Kanton Bern gesucht – einen höher gelegenen nebelarmen Ort mit Schneefall im Winter. Auch suchten sie Distanz zur Herkunftsumgebung: «Der Zigerschlitz war mir zu eng», sagt die Glarnerin. In Röthenbach hätten sie als unbeschriebene Blätter neu beginnen können. Zu den ursprünglich zwei Kindern gesellten sich weitere vier. Darum würden Elmers das Haus mit den landwirtschaftlichen Nebenräumen gern kaufen und umbauen. Dann bekämen endlich alle Kinder ein eigenes Zimmer.

Kein Votum gegen Staatsschule

Trotz der Abgeschiedenheit haben die Kinder einen kurzen Schulweg: Sie werden von der Mutter unterrichtet, einer ausgebildeten Lehrerin. Homeschooling sei kein Misstrauensvotum, betont Katharina Elmer. Der eine Sohn habe eine Zeitlang die Primarschule in Röthenbach besucht, es sei eine gute Zeit gewesen. Ab der siebten Klasse besuchen sie die Sekundarschule in Signau. «Dort wurden sie immer gut aufgenommen.» Wenn der Zweitjüngste in die Sek kommt, wird der jüngste Bub ebenfalls in die öffentliche Schule wechseln, da Homeschooling mit nur einem Kind nicht ideal sei.

«Hier können wir Musik machen, uns entfalten und handwerklich betätigen, ohne dass ein Nachbar reklamiert.»Arthur Elmer, 6-facher Familienvater

Wollen Elmers ihre Kinder vor der «Welt» schützen? Sollen ihnen vielleicht Sexualkundeunterricht und Evolutionslehre erspart werden? Nein, sagt Katharina Elmer. Sie seien keine kontrollierenden Eltern, die sich in die Arbeit der Lehrkräfte einmischten oder Dispense verlangten. «Wir glauben an den biblischen Schöpfungsbericht», sagen Elmers, doch seien die Kinder durchaus in der Lage, diesen Widerspruch auszuhalten. «Kinder werden in der Schule mit anderen Gedanken konfrontiert, das ist normal.»

Wie funktioniert Homeschooling? «Natürlich beginnt der Unterricht nicht jeden Tag um punkt acht Uhr», sagt die Mutter, doch sie habe sich an den Lehrplan zu halten und der Schulinspektorin regelmässig Bericht zu erstatten. «Unsere Kinder sind selbstständig.» Manche Eltern müssten Kinder zum Erfüllen der Hausaufgaben anhalten: «Das kennen wir kaum.» Sie unterrichte lieber die eigenen als fremde Kinder: «Das ermöglicht mir, länger mit ihnen zusammen zu sein.» Die Trennung zwischen Schul- und Wohnort sei aufgehoben, es sei eine einzige Erfahrungswelt.

Biken, schwimmen, Holz beigen

Die Kinder sind handwerklich begabt. Wenn sie am Abhang am Waldrand über eine Skischanze fahren wollen, bauen sie eine – oder ein Hindernis zum Biken. Die ersten Velos hätten sie aus dem Altmetall geholt und «zwäggmacht», sagt der Vater. Sie betätigen sich in der Werkstatt, renovierten ein Schöpfli, pflücken Kirschen, spielen Fussball, kochen und toben im Wald umher. Sie dürfen mit einer Konsole gamen – und fernsehen. «Die WM-Fussballspiele haben sie gern geschaut», sagt der Vater. Bei der Auswahl der Sendungen und bei der Sehdauer lassen die Eltern ihre ordnende Hand walten.

«Das ist unsere Heimat», sagt Arthur Elmer, «denn hier können wir frei leben, Musik machen, uns entfalten und handwerklich betätigen, ohne dass ein Nachbar reklamiert.» Aus dem Haus hört man Klaviertöne. Ein Kind spielt Schlagzeug, ein anderes Es-Horn. «Die Kinder lernen, dass man Holz hacken und Scheite beigen muss, damit man es im Winter warm hat.» Acht schottische Hochlandrinder grasen auf dem Areal. Die Mutterkuhhaltung sei eher ein Hobby als ein Geschäft, sagt Arthur Elmer. Während des Gesprächs blicken zweimonatige Kätzchen neugierig aus ihrem Versteck und toben sich bei Scheinkämpfen aus. Hat man die «Unsere kleine Farm»-Romantik nicht irgendwann satt? Nein, sagen die Eltern. Es gehe ihnen aber nicht darum, sich abzuschotten, und einsam seien sie keineswegs. Sie hätten oft Besuch, die Kinder übernachteten bei Kollegen und betätigten sich in Sport- und Musikvereinen.

Und Fernweh? In die Ferien gefahren seien sie auch schon, etwa an den französischen Atlantik: «Wir wollten an ein Meer mit starker Ebbe und Flut.» Sie hätten etliche Bikerrouten erkundet, auf dem Gurten, im Bündnerland oder in Österreich. «Wir wollen den Kindern noch etwas anders zeigen, andere Landschaften, Haustypen und Lebensstile.» Aber im Grunde seien sie Landleute: «Städtereisen sind nicht unser Ding.» Und Museen? «Das bin dann eher ich», sagt die Mutter.

Im Rahmen des Unterrichts hätten sie den Ballenberg besucht, das Technorama, das Verkehrshaus oder das Naturhistorische Museum in Bern. Nach Ausflügen und Reisen kehrten sie gerne heim. «Andere brauchen ein Auto, wenn sie joggen, schwimmen oder sich im Wald erholen wollen.» Sie hätten alles vor der Haustür, samt rundem Swimmingpool. Aber ohne Auto gehe es nicht. Arthur Elmer, gelernter Automechaniker und Landwirt, arbeitet als Rettungssanitäter im Spital – mit unregelmässigen Einsatzzeiten. Darum reiche das eine Auto, ein geräumiger VW-Bus, nicht aus.

Noch sind alle Kinder zu Hause. Und später? Fürchten sich Elmers, dass die Kinder diese geschützte Heimat verlassen und der «Welt» verfallen? «Wir geben ihnen möglichst viel auf den Lebensweg mit, aber als Erwachsene sind sie selber für sich verantwortlich.»

Sommerserie – weitere Folgen unter: kleineheimat.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 17.07.2018, 06:53 Uhr

«Bund»-Sommerserie

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Röthenbach in Zahlen

Vom Haus der Familie Elmer, auf 960 Metern über Meer gelegen, fährt man mit dem Auto in etwa 35 Minuten nach Bern. Bis zur nächsten Bahnstation in Bowil sind es fast sechs Kilometer, die Fahrzeit mit dem Zug nach Bern beträgt 31 Minuten. Der Schulweg ist für die Elmer-Kinder kurz, denn sie werden zu Hause unterrichtet.

Die öffentliche Primarschule liegt fünf Kilometer entfernt in Röthenbach, in die Sekundarschule nach Signau sind es gut sechs Kilometer. Brot, Fleisch und Lebensmittel besorgt sich die Familie in Röthenbach oder Signau. Grössere Einkäufe werden im 13 Kilometer entfernten Langnau erledigt. Die Steueranlage liegt in Röthenbach bei 2,0 (zum Vergleich die Stadt Bern: 1,54). Die Gemeinde mit ihren 1190 Einwohnern ist stark landwirtschaftlich geprägt.

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