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Die Berner Theaterwissenschaft im WandelWas Shakespeare mit einem Flashmob zu tun hat

In Bern befindet sich das einzige Schweizer Institut für Theaterwissenschaft. Was lernt man dort eigentlich? Zu Besuch bei der neuen Assistenzprofessorin Alexandra Portmann.

Der Bezug zur Praxis ist ihr wichtig: Assistenzprofessorin Alexandra Portmann in der Bibliothek des Instituts für Theaterwissenschaft.
Der Bezug zur Praxis ist ihr wichtig: Assistenzprofessorin Alexandra Portmann in der Bibliothek des Instituts für Theaterwissenschaft.
Foto: Adrian Moser

Das Büro wirkt noch ein wenig unbewohnt. Die Wände leuchten weiss, im Büchergestell hats noch Platz, der Schreibtisch ist praktisch leer. Um sich richtig einzurichten, habe ihr bisher die Zeit gefehlt, sagt Alexandra Portmann. Es sind ja auch noch keine drei Wochen vergangen, seit sie Anfang August als neue Assistenzprofessorin am Berner Institut für Theaterwissenschaft (ITW) angefangen hat – mit dem Schwerpunkt Gegenwartstheater.

Ein personeller Wechsel an der Universität schafft es heutzutage selten in die Zeitung. Alexandra Portmann aber, eine St. Gallerin, ist die Nachfolgerin jenes Mannes, der die Theaterwissenschaft überhaupt nach Bern gebracht hat – und damit in die Schweiz: Professor Andreas Kotte. Während 28 Jahren hat er das ITW aufgebaut; nun ist er in den Ruhestand getreten.

Bis heute ist das Berner Institut der einzige Ort schweizweit, der Theaterwissenschaft als Studiengang anbietet. Und bis heute müssen sich Studentinnen und Studenten des Fachs erklären: Was ist das überhaupt, Theaterwissenschaft? Wozu braucht man sie? Richtet man die Frage an Alexandra Portmann, bekommt man zuerst eine theoretische Antwort: «Theaterwissenschaft ist ein Fach, das gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen durch die Linse des Theaters beobachtet.»

Wo beginnt Theater?

Statt von Theater spricht Alexandra Portmann allerdings lieber von «performativen Ereignissen» – und zu diesen zählt sie digitale Kunstprojekte, die aufgrund der Corona-Krise lanciert wurden, ebenso wie Flashmob-Aktionen oder Audio-Walks. Nur: Ist das alles überhaupt noch Theater? Fehlt da nicht der Zuschauerraum, die Bühne, das Scheinwerferlicht? Man pflege am Institut einen breiten Theaterbegriff, der immer wieder neu bestimmt werden müsse, sagt Portmann. «Das ist in Bern einzigartig.»

«Die Theaterwissenschaft schaut sich Phänomene an, über die auch die Medien berichten – strukturellen Rassismus beispielsweise.»

Alexandra Portmann

Mit der Frage, wann wir von Theater sprechen, befinden wir uns schon mitten in der Fachdiskussion. Und damit in einer thematischen Nische, verglichen mit den brennenden Problemen der Gegenwart. Alexandra Portmann widerspricht. «Ich verstehe die Theaterwissenschaft klar als Kulturwissenschaft, die sich jene Phänomene anschaut, über die auch die Medien berichten – strukturellen Rassismus in Kulturbetrieben beispielsweise.» Und was die Theatergeschichte angehe, so befasse sich diese gerade mit der Frage, wie Geschichtsschreibung überhaupt passiere: «Was findet darin Platz, was nicht? Und aus welchen Gründen?»

Häufig undokumentiert bleiben etwa Theaterprojekte, für die Gruppen aus verschiedenen Ländern zusammenarbeiten – etwa im Rahmen von Festivals. Diese Vorgänge «historisch greifbar» zu machen, ist ein Anliegen von Alexandra Portmann. Sie nennt ein Beispiel: «Eine Regisseurin aus Kanada wird für eine Residenz in die Schweiz eingeladen, danach zeigt sie ihre Performance an einem Festival in Ägypten. Dort verändert sich die Produktion, weil sie mit anderen Künstlerinnen zusammenarbeitet, bevor sie im englischsprachigen Raum damit auf Tournee geht.» In solchen künstlerischen Netzwerken, die die ganze Welt umspannen, spiegelt sich für Portmann «die Realität einer globalisierten Welt» – also auch die veränderten Arbeitsbedingungen für Theaterschaffende.

Zuerst war das Archiv

Nicht nur die Welt, auch das Berner Institut hat sich gewandelt, zumindest von den Strukturen her. Während Andreas Kotte dem ITW ab 1992 als Direktor vorstand, wird es in Zukunft von einem dreiköpfigen, rein weiblichen Team geleitet; zu diesem gehört auch Alexandra Portmann. Der Direktionsposten wechselt dabei im Turnus.

Vor zwei Jahren ist man ausserdem aus dem charmanten, aber etwas engen Haus an der Hallerstrasse an den neuen, weitläufigen Standort an der Mittelstrasse gezogen – ins ehemalige Gebäude der SBB. Grund für den Umzug sei zum einen gewesen, dass man den Dialog mit verwandten Fächern wie Kunstgeschichte oder Musikwissenschaft habe fördern wollen, sagt Alexandra Portmann. Die jeweiligen Institute befinden sich nun unter demselben Dach. Zum anderen gibt es hier eine zentralisierte Bibliothek.

Gerade das Archiv spielt am Berner Institut eine wichtige Rolle, ist doch das ITW für seinen Forschungsschwerpunkt Theatergeschichte bekannt. Zu tun hat das mit der Schweizerischen Theatersammlung, die sich seit jeher in Bern befindet (und die sich 2017 mit dem Tanzarchiv zum Schweizer Archiv der Darstellenden Künste SAPA zusammengeschlossen hat). Die Sammlung ist auch der Grund, warum das einzige Schweizer Institut für Theaterwissenschaft überhaupt in Bern gegründet wurde.

Gemeinsam nachdenken

Schaut man derweil nach Deutschland, stösst man in Giessen und Hildesheim auf andere Ausrichtungen des Fachs: Im Unterschied zu Bern heisst der Studiengang dort «angewandte Theaterwissenschaft», er ist also stärker praxisorientiert. So steht beispielsweise auf dem Programm, dass die Studierenden eigene künstlerische Ansätze oder Projekte entwickeln.

In Bern will man den geschichtlichen Schwerpunkt des Instituts auch in Zukunft erhalten. Einerseits. Andererseits ist für Alexandra Portmann der Bezug zur Praxis ebenso zentral. So arbeite das ITW eng mit verschiedenen Kulturinstitutionen zusammen und organisiere etwa gemeinsame Diskussionsplattformen oder Workshops. Und diese sollen nicht nur Fachpersonen, sondern auch einem interessierten Publikum offenstehen.

«Gemeinsam mit verschiedenen Menschen in einem Raum über gesellschaftliche Themen nachdenken – und dies zum Anlass nehmen, darüber zu diskutieren», beschreibt Alexandra Portmann das Potenzial des Theaters. Aber es gilt eigentlich auch für die Theaterwissenschaft, die im Kleinen das Grosse sieht – und auf der Bühne die Welt.

Das ITW würdigt Andreas Kotte mit einer Zusammenstellung seiner wichtigsten Aufsätze: «Schau Spiel Lust. Was szenische Vorgänge bewirken» ist im Juli 2020 im Zürcher Chronos-Verlag erschienen; der Band spiegelt den Forschungsschwerpunkt Theatergeschichte am ITW (464 Seiten, 48 Franken). Die Abschiedsvorlesung von Andreas Kotte findet am Mittwoch, 9. September, um 18.15 Uhr im Hochschulzentrum von Roll in Bern statt.

2 Kommentare
    Reto Huber

    Wird sicher vom Steuerzahler bezahlt. Geld verschwendung pur.