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Leser fragenWarum sind wir so gehorsam?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Obrigkeitsglaube in Zeiten von Corona.

Der Bundesrat ordnet an, und wir folgen: Alain Berset spricht während einer Corona-Medienkonferenz.
Der Bundesrat ordnet an, und wir folgen: Alain Berset spricht während einer Corona-Medienkonferenz.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone) 

Die Corona-Verhaltensregeln wie Händewaschen, Abstandhalten und Masketragen sind wichtig und gut. Die meisten Senioren verstehen allerdings in vorauseilendem Gehorsam die Empfehlungen des BAG als Anordnungen und befolgen diese aufs Genaueste. Ich kenne eine ältere Frau, die es nicht einmal wagt, spazieren zu gehen. «Bleiben Sie zu Hause» nimmt sie wörtlich. Im Gegensatz dazu wird eine 69-Jährige, die selber einkaufen geht, von ihrer Kollegin als verantwortungslos bezeichnet. Warum sind viele derart obrigkeitsgläubig? G.S.

Liebe Frau S.

«Aufklärung», so das einschlägige kantsche Evergreen, «ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.» Das klingt gut für alle Lebenslagen: Selber denken. Was aber, wenn das Selberdenken einen dazu bringt, dass es möglicherweise klüger ist, sich lieber auf die kollektiven Denkergebnisse einer auf Expertise beruhenden politischen Institution zu verlassen als auf ein in seinen Kompetenzen überfordertes, isoliertes Selberdenken?

Nach zwei Monaten akuter Corona-Krise können wir inzwischen eine Entwicklung im Verhalten der Bevölkerung beobachten. Wie in einer neu zusammengekommenen Schulklasse haben sich mit der Zeit verschiedene Grüppchen gebildet: Meistens gibt es eine grosse Gruppe von Unauffälligen, sie sind weder besonders brav noch besonders folgsam – sondern einfach in jeder Hinsicht «normal». Dann gibt es ein paar Streber; ein paar Brave; ein paar besonders Unterwürfige, die noch braver sind, als es die Polizei erlaubt; es gibt einen Klassenclown und zwei bis drei «rebels without a cause».

Es ist besser, wenn man aus Corona nicht auch noch eine Sache von Autoritätsgläubigkeit vs. Aufmüpfigkeit macht.

Ähnliche Gruppen haben sich in der von Corona betroffenen Gesellschaft herauskristallisiert. Die Senioren gehören dabei keineswegs ausschliesslich in die Gruppe der besonders Autoritätshörigen. Auch hier gibt es die Aufmüpfigen, denen es egal ist, ob sie bald sterben, und die sich das Einkaufen nicht verbieten lassen wollen. Der sehr kategorisch formulierte Hashtag #StayTheFuckHome wurde vom 29-jährigen Frankfurter IT-Unternehmer Florian Reifschneider ins Leben gerufen, und zwar bereits Anfang März.

In der Tat ist Kontaktvermeidung der sicherste Weg, Ansteckungen zu vermeiden. Wir haben in den letzten zwei Monaten aber auch erlebt, wie schwierig es ist, diese Strategie durchzuhalten. Man muss also beide Seiten des «physical distancing» betrachten. Es ist besser, wenn man aus der individuellen Abwägung, wie stark man seine Kontakte einschränkt, nicht auch noch eine Sache von Autoritätsgläubigkeit vs. Aufmüpfigkeit macht.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch