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Ein Altenbergbewohner erklärt sichWarum ich wegen der illegalen Party die Polizei gerufen habe

«Terrorisierendes Bassgedröhne»: Der Berner Schriftsteller E. Y. Meyer aus dem Altenbergquartier hat sich am Sonntagmorgen über wummernde Techno-Klänge von der Schützenmatte genervt.

Ein sonniger Sommermorgen war angebrochen, und es war immer noch da. Dieses pausenlos ertönende, dumpfe Hämmern, das nicht mehr zu enden schien.

Was es war, war klar. Neu war, dass es so unglaublich lange anhielt. Und dass niemand etwas dagegen tun zu können schien. Dass es, je länger es andauerte, umso stärker an den Nerven zerrte. Dass das Gefühl, ihm machtlos ausgesetzt zu sein, einen fast wahnsinnig werden lassen konnte.

Klar war, dass es aus dem Kern der schweizerischen Bundesstadt Bern kam. Aber worum es sich genau handelte, konnte man nicht wissen. Vermuten konnte man, dass es etwas mit den Demonstrationen zu tun hatte, die am Vortag, am Samstagnachmittag, wegen der Corona-Pandemie vor dem Bundeshaus stattgefunden hatten.

Auf TeleBärn sah man jedoch, dass eine mögliche gewaltsame Konfrontation zwischen den beiden ziemlich klein gebliebenen Gruppen von sogenannten «Rechten» und sogenannten «Linken» durch ein Grossaufgebot der Polizei verhindert worden war.

Das pausenlose dumpfe Hämmern musste also einen anderen Ursprung haben. Und gerade dies, dass man nicht genau wissen konnte, was er war, war vielleicht sogar das Schlimmste am Ganzen.

Was konnte man da also tun? Konnte man überhaupt etwas tun?

Ich ging zusammen mit meinem Kater Gumpy nach draussen und setzte mich auf der obersten Hangstufe unter der Kornhausbrücke auf einen Stein. Kurz dachte ich zwar noch an Walther von der Vogelweide und die von ihm gedichteten Zeilen: «Ich saz ûf eime steine, und dahte bein mit beine … dô dâhte ich mir vil ange, wie man zer werlte solte leben.» Ich sass auf einem Stein und schlug ein Bein über das andere … So dachte ich eindringlich nach, auf welche Weise man auf der Welt leben müsse.

Aber dann machte ich mit dem Smartphone ein Foto von Gumpy, der sich vor mir auf dem Boden wälzte, und rief die Polizei an, um mich zu erkundigen, was denn da nun tatsächlich los war. Und ich erfuhr, auch wenn der freundliche Polizist, der mir Auskunft gab, es nicht so krass formulierte, dass seit Samstag, 13 Uhr, eine Minderheitengruppe von gerade einmal 1000 Leuten bei der Berner Reitschule im Rahmen eines unbewilligten «Konzerts» (will sagen einer Techno-Party) den ganzen Grossraum Bern bis in die umliegenden Gemeinden hinein (Hinterkappelen, Ittigen, Ostermundigen etc.) mit ununterbrochenem Bassgedröhne terrorisiere.

Die Polizei werde seit Samstag, 18 Uhr, von Beschwerdeanrufen aus dem gesamten Grossraum überflutet, sei aber, trotz ihres Gewaltmonopols, zurzeit machtlos, da die Menschenmenge, die sich bei der Reitschule versammelt habe, zu gross sei.

Ja, dachte ich nach dem Gespräch, so eskaliert alles immer mehr. Die Minderheit erlaubt sich immer mehr, die Mehrheit wird immer wütender, die Polizei muss, je länger sie nichts tut, letztlich dann wohl mit immer heftigeren Mitteln eingreifen, was wieder zu Protesten gegen Polizeigewalt führt. Die Spirale dreht sich immer weiter und spitzt sich zu.

Und natürlich stand in der SDA-Meldung von gerade einmal 40 Zeilen, in der am Montag mitgeteilt wurde, dass die Polizei am Sonntagmorgen um 8 Uhr die Musikanlage sichergestellt und zwei Personen angehalten habe, dann das Nichtbeachten der Ansteckungsgefahr durch Corona im Vordergrund. Über die Gefahr, die vom Lärm ausgeht, kein Wort.

Dabei kann man mit den Suchworten «Lärm + Folter» im Netz jede Menge Artikel dazu finden. Mit Titeln wie: «Lärm – Umweltproblem Nr. 1 und Geissel unserer Zeit» oder «Folter unserer Zeit: Lärm». Und leidlich bekannt dürfte ja auch sein, dass die Beschallung von Gefangenen mit ohrenbetäubendem Lärm zu den wirksamsten Foltermethoden gehört, die auch heute noch angewendet werden.

So kann man bei «planet-wissen.de» zur Frage: «Kann Lärm töten?» zum Beispiel lesen: «In der Antike soll die Todesstrafe manchmal allein durch Trommeln vollzogen worden sein, und auch das Mittelalter kennt die Lärmfolter: Opfer wurden an einer Tag und Nacht läutenden Glocke festgeschnallt und dabei in den Wahnsinn getrieben.»