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Tödliche Spiele im FilmMenschenjagd in Hollywood

Nichts für schwache Nerven: In Filmen wie «The Hunt» oder «Guns Akimbo» geraten die Akteure in brenzlige Spielsituationen.

Wo sind die Angreifer? Rednecks werden Opfer einer Menschenjagd im Film «The Hunt».
Wo sind die Angreifer? Rednecks werden Opfer einer Menschenjagd im Film «The Hunt».
Universal

Als das Dutzend Leute im Wald endlich zu sich kommt, haben alle einen Knebel im Mund. Wo sie sind, sagt ihnen niemand. Aber kaum wagen sie sich aus der Deckung, werden sie von Heckenschützen niedergeschossen. Sie, das sind konservative Rednecks, die in «The Hunt» Opfer einer von Liberalen organisierten Menschenjagd werden.

Die satirische Spielsituation verhalf dem Film vor Jahresfrist zu ungeahnter Berühmtheit. Es war zur Zeit des letzten Locarno-Filmfestivals, als Hilary Swank (sie spielt in «The Hunt» die Oberjägerin) beim Gespräch in kleiner Runde plötzlich kleinlaut wurde. Mit gutem Grund. Gerade war bekannt geworden, dass Donald Trump wegen ihres Films über Hollywood herzog: «Zutiefst rassistisch und voller Zorn und Hass» seien diese Liberalen. Und: «Der Film ist gemacht, um einen Brand zu legen und Chaos zu verursachen», hiess es im Tweet des Präsidenten.

Daniel Radcliffe in den Fängen des Darknet

Verständlich, dass das Hollywoodstudio Universal «The Hunt» in der Folge zurückhielt, der Film wanderte (auch wegen zahlreicher Schiessereien in den USA zu jener Zeit) in den Giftschrank. In der Schweiz wurde er, Stand Mitte Mai 2020, ganz von der Release-Liste gestrichen. Ende Feuer? Mitnichten. Nach Ende des Lockdown startete der Film, und er läuft – angesichts der geringen Zahl an Schweizer Leinwänden, auf denen er gezeigt wird – erstaunlich gut.

Wie komme ich da wieder raus? Daniel Radcliffe als Gejagter im Film «Guns Akimbo».
Wie komme ich da wieder raus? Daniel Radcliffe als Gejagter im Film «Guns Akimbo».
Foto: TMDb

Damit nicht genug. Mit «Guns Akimbo» ist bald ein weiteres Werk am Start, das die Zuschauer mit einer tödlichen Spielsituation konfrontiert. «Harry Potter»-Star Daniel Radcliffe wird da für ein illegales Kampfgame rekrutiert, das im Darknet live gestreamt wird. Das Kuriose: Die von Radcliffe verkörperte Figur muss erst einmal den Morgenmantel und übergrosse Pantoffeln abstreifen, um überhaupt die Flucht ergreifen zu können.

Da fragt man sich: Ist es Zufall oder Absicht, dass solche Menschenjagden in Spielfilmen immer beliebter werden? Nun, die Lust am Verfolgen und Verfolgtwerden – sie ist im Prinzip so alt wie das Kino. Die Filmgeschichte ist voll von Durchschnittstypen, die in gefährliche, mitunter abscheuliche Situationen reingeraten. Als Vater aller Menschenjagden gilt «The Most Dangerous Game» (1932), wo ein durchgeknallter Graf zum Halali auf Schiffbrüchige bläst. Ein Klassiker ist auch «North by Northwest» (1959), wo Regisseur Alfred Hitchcock einen unbescholtenen Werber (Cary Grant) von Gangstern, dem CIA und sogar einem Sprühflugzeug verfolgen lässt.

Im Bann der Videospiele

Ab den Achtzigerjahren begann dann Hollywood, Videospiele extensiv als Themenfeld zu bewirtschaften. Es entstanden Werke wie «Tron» (1982), wo der menschliche Held in einem Videospiel gefangen ist, oder «Super Mario Bros.» (1993), mit dem das beliebte Nintendo-Game in ein Leinwandabenteuer übersetzt werden sollte.

Letzteres wurde zwar ein Flop, doch Hollywood lernte dazu – und spätestens mit «Lara Croft: Tomb Raider» (2001) gelang es, eine ikonische Game-Figur einem breiten Kinopublikum schmackhaft und die Darstellerin Angelina Jolie zum Star zu machen. Bei den grossen Studios gehörte es da zum guten Ton, eine eigene Spiele-Entwicklungsfirma im Portfolio zu haben.

«Einen Level für ein Spiel zu entwerfen, liegt näher am Bauen einer Attraktion für einen Vergnügungspark als am Schreiben einer fiktionalen Erzählung.»

Medienwissenschaftler Alexis Blanchet

Bei der je länger, desto intensiveren Annäherung zwischen Kino und Games gibt es allerdings eine fast unüberwindbare Hürde: Da die Spielewelt oft einer Reise durch einen Vergnügungspark ähnelt, bei der man als Protagonist immer wieder an derselben Aufgabe scheitert – so beschrieb es der französische Medienwissenschaftler Alexis Blanchet –, fehlt ein fürs Kinoerlebnis nötiger Motor: der Handlungsbogen.

Wie das wettgemacht werden kann, bewies als vermutlich erster Film «The Hunger Games» (2012), eine Literaturadaption mit ebenfalls tödlicher Spielanlage: 24 Jugendliche eines Diktatorenstaats müssen sich bei einem multimedial übertragenen Gladiatorenkampf in künstlich gepimpter Wildnis gegenseitig niedermetzeln, bis nurmehr einer übrig bleibt.

Jägerin wider Willen: Dank «The Hunger Games» wurde Jennifer Lawrence zum Star.
Jägerin wider Willen: Dank «The Hunger Games» wurde Jennifer Lawrence zum Star.
Foto: IMDb

Die Geschichte besitzt vier zentrale Qualitäten: Sie bringt aus der Buchvorlage den dramaturgischen Bogen mit. Sie imitiert die Spielewelt nicht nur, sondern interpretiert sie in gesellschaftskritischer Hinsicht. Sie folgt dem hitchcockschen Credo des Suspense, wonach dem Zuschauer so viele Informationen wie möglich gegeben werden sollen, damit die Spannung nicht verpufft. Und sie hat mit Jennifer Lawrence eine weitere Schauspielerin zum Star gemacht.

Damit hat «The Hunger Games» einen neuen Standard gesetzt; an diesem Film müssen sich aktuelle Werke messen. Aber natürlich wurde in der Zwischenzeit weiterexperimentiert und an Möglichkeiten geschraubt – mit Mitteln der Interpretation, mit Interaktivität, mit neuen Perspektiven. Optimistisch gesagt: Es deutet alles darauf hin, dass nach den «Hunger Games» bald ein neuer Standard gesetzt werden könnte. Der Gaming-Community, heute ein Schwergewicht in der Unterhaltungsindustrie, käme ein solches Gütesiegel gerade recht.