«Reiche hoch besteuern und Verantwortung für Schwache übernehmen»

Wenn er nicht beim Bergbauern aushilft, macht sich Jungpolitiker Lucien Palser Gedanken über Naturschutz, Ernährungssouveränität und marxistische Arbeitsmoral.

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Simon Schmid@schmid_simon

Holz hacken, Stall misten, Heu rechen: Lucien Palser, Nationalratskandidat der Grünen aus Rümlang, packt einmal im Jahr gerne zu. Sieben Wochen des vergangenen Sommers verbrachte er aus freien Stücken im Landdienst auf einem Bauernhof im Val Lumnezia – gegen Kost, Logis und ein kleines Taschengeld.

Natur, Landwirtschaft und Umwelt, das liege ihm seit der Kindheit am Herzen, sagt der 23-jährige Jungpolitiker. Auch seine politische Sensibilisierung stammt aus dieser Zeit: Mit sieben Jahren sei er im Zug an einem Atomkraftwerk vorbeigefahren und habe ob des sonderbar dampfenden Turmes grosse Augen gemacht. Seine Grosstante, eine Umweltschützerin der ersten Stunde, habe ihm darauf erklärt, was es mit dem Kraftwerk auf sich habe und welche Gefahren mit der Atomenergie verbunden seien.

Raum für die Natur

Noch als Primarschüler trat Palser daraufhin dem Umweltverband Pro Natura bei, las in Heften über die Zerstörung des Regenwalds, über die CO2-Problematik und über die Umweltprobleme vor der eigenen Haustür. Selbst als Umweltaktivist unterwegs sei er jedoch kaum gewesen: «Ich war immer ein Bücherwurm», erzählt Palser, der an der Uni Zürich Englisch und Geschichte studiert und nach seinem Abschluss als Kantonsschullehrer arbeiten möchte.

Den Grünen trat Palser mit 18 Jahren bei. Seine Gedanken zu Umwelt und Landwirtschaft fasste er fortan in politische Forderungen. Eine von ihnen ist es, Bauern mehr finanzielle Anreize zu bieten, ihre Produktion ökologisch noch sinnvoller zu gestalten – also beispielsweise Magerwiesen in manchen Jahren stehen zu lassen, anstatt auf diesen Flächen permanent anzubauen. Palser setzt sich auch stark für die Landschaftsinitiative ein, die ein 20-jähriges Moratorium für neue Bauzonen verlangt. Dass der Nationalrat aktuell von solchen Forderungen nichts wissen will, findet er eine «Katastrophe».

Denn die Natur brauche Raum, so Palser – Raum für den ökologischen Ausgleich, aber auch um der Schweiz Unabhängigkeit in der Ernährung zu gewährleisten. Ein Problem sieht der Jungpolitiker im geringen Verständnis, das Konsumenten für landwirtschaftliche und ökologische Fragen mitbringen: Viele Leute sähen nicht ein, dass gute Qualität auch etwas kosten müsse. «Riesige Siedlungsflächen, eine ökologisch hochwertige Landwirtschaft und günstige Nahrungsmittelpreise: All diese Dinge simultan zu verwirklichen, ist unmöglich», erklärt er.

Lucien Palser, haben Sie ein persönliches Vorbild in der Politik? Mahatma Gandhi. Er stand beharrlich und gewaltlos für die Toleranz unter Menschen ein.

Was unterscheidet Sie von Ihren älteren Parteikollegen? Eigentlich bin ich ein klassischer Links-Grüner. Der Staat soll von reichen Bevölkerungsschichten hohe Steuern einfordern und Verantwortung für die Schwachen übernehmen.

Welches Gesetz würden Sie einführen? Ein nachhaltiges Raumplanungsgesetz. Wenn Private durch Umzonungen Gewinne verbuchen, so muss auch die Allgemeinheit davon profitieren.

Welches Gesetz würden Sie abschaffen? Das Minarettverbot. Es ist ein Schandfleck in der Schweizer Verfassung.

Was stört Sie am meisten in der Politik? Klischees und Vorurteile, die eine sachliche Debatte verhindern – wie zum Beispiel das Klischee der «linken Gutmenschen».

Auch andere bürgerliche Schlagwörter erregen Palsers Missfallen: So werde der Begriff der «individuellen Leistung» zuweilen zur reinen politischen «Zweckpolarisierung» verwendet – als ob im linken Gedankengut Arbeit und Leistung keine wichtigen Werte seien. «Arbeit ist sinnstiftend», sagt Palser, um kurz darauf einen Satz zu sagen, den man von einem jungen Grünen nicht unbedingt erwarten würde: «Und Leistung muss sich lohnen.»

Allerdings spreche er dabei von «echter» Leistung, ergänzt Palser. Der Diskurs, den andere Parteien über die «individuelle Leistung» von Topverdienern und Spekulanten führen, diene dagegen mehrheitlich der Legitimierung sozialer Unterschiede – und pervertiere dadurch ebendiesen Leistungsbegriff, so Palser.

Vom Startplatz 26 der grünen Liste aus macht sich der Rümlanger noch keinerlei Hoffnungen, im Oktober in den Nationalrat gewählt zu werden. Trotzdem engagiere er sich zurzeit mit Freude im Wahlkampf – um den Grünen im Kanton Zürich zu einem Ständeratssitz zu verhelfen und um allgemein für die Unterstützung seiner politischen Anliegen zu werben. Ausserhalb seiner politischen Tätigkeit wird er sein Studium weiterführen und arbeitet nebenbei an der Kantonsschule Oerlikon sowie gelegentlich als Lokaljournalist – auch für den «Tages-Anzeiger».

DerBund.ch/Newsnet

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