Berns Luxus-Wahlkampf

Der Stapi-Wahlkampf ist gehässig geworden – weil die Kandidierenden polarisieren. Und wegen der innerlinken Machtfrage.

Alec von Graffenried und Ursula Wyss fassen sich vordergründig mit Samthandschuhen an.

Alec von Graffenried und Ursula Wyss fassen sich vordergründig mit Samthandschuhen an. Bild: Adrian Moser

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Runde zwei im Kampf um Berns Stadtpräsidium. Ursula Wyss gegen Alec von Graffenried. Rot gegen Grün. Grösste Stadtpartei gegen Minipartei. Vollblutpolitikerin aus dem Partei- und Verwaltungsestablishment gegen bernburgerischen Baulobbyisten mit buntem Netzwerk. Frau gegen Mann. Das sind die Zutaten für die Auseinandersetzung in diesem zweiten Wahlgang. Um sehr viel mehr dreht sich die Frage, wer den politischen Topjob der Bundesstadt bekommen wird, nicht. Es geht um Persönlichkeit, Ausstrahlung und Image. Und es sind genau diese Aspekte, die für eine heftige emotionale Debatte sorgen.

Wyss und von Graffenried selber gehen pfleglich miteinander um. Wer sich aber bei der Parteibasis umhört, die Leserbriefe in den Zeitungen und die Kommentare auf den Onlineplattformen verfolgt, staunt, wie stark die zwei Kandidaten polarisieren.

Joker im SP-Poker

Zur Gehässigkeit trägt die innerlinke Machtfrage bei. Nach 24 Jahren roter Vorherrschaft im Erlacherhof ist es nicht ausgeschlossen, dass Bern erstmals einen grünen Stadtpräsidenten bekommt. Das Dauerabonnement der SP für den Chefsessel wurde von vielen Seiten infrage gestellt, nicht nur von von Graffenrieds Grüner Freier Liste, sondern auch vom Grünen Bündnis. Dieses unterstützt jetzt zwar offiziell Wyss, geschlossen ist die Basis aber nicht. Der erste Wahlgang, bei dem Wyss ein eher enttäuschendes Ergebnis erzielte, hat es klar gezeigt: Das Bedürfnis der Bernerinnen und Berner nach einer Alternative zur SP und zu Wyss ist erstaunlich gross, egal wie gut die Noten für Wyss Leistungen und Ideen sind.

In dieser Konstellation hat die SP gezielt die Frauenkarte gespielt. Die Dame wurde zum Joker im sozialdemokratischen Poker. Und so löste die Geschlechterfrage ausgerechnet in der aufgeschlossenen, stark weiblich geprägten Stadt Bern heftigste und teils niveaulose Reaktionen aus – auf beiden Seiten.

Geeignete Persönlichkeiten

Sicher ist der Fokus auf Persönlichkeit, Herkunft, Image und Netzwerke bei einem Job, wo es so stark um Kommunikation, Auftritt und Wahrnehmung geht, nicht verkehrt. Denn fachlich geeignet für das Amt sind beide. Dies zeigt ihr kaum polemisch geführter Wahlkampf ebenso wie die beruflichen und politischen Hintergründe beider Kandidaten. Der SP-Frau wie dem GFL-Mann ist es zuzutrauen, dass sie neue Akzente für Bern setzen, die Stadt weiterentwickeln und sie – auf unterschiedliche Art – nach aussen verkaufen werden.

In den zentralen Fragen der Bundesstadt sind sich beide einig. Die Richtung der Stadtpolitik ist ohnehin bereits vorgegeben. Rot-Grün-Mitte (RGM) hat nach seinem gemeinsamen Wahlkampf am 27. November schon triumphiert – in der Stadtexekutive ebenso wie im Parlament. Die Weichen sind gestellt: mehr beruhigter Verkehr, autofreier Bahnhofplatz, Ausbau des öffentlichen Verkehrs, mehr Plätze für die ausserfamiliäre Kinderbetreuung, mehr bezahlbarer Wohnraum dank genossenschaftlichem Wohnungsbau, Investitionen in die Sport- und Schulhäuser. So will es Wyss, so will es von Graffenried.

Damit steht Bern vor einem Luxus-Wahlgang. Die linke Stadt Bern kann am 15. Januar zwischen zwei linken Persönlichkeiten wählen. Zwischen Rot und Grün eben. Noch geht es um die Farbe der Schlaufe auf der Verpackung, um das Etikett der Bundesstadt in den nächsten zehn Jahren. Dafür hat Bern eine gute Auswahl. Gut, hat Bern diese Auswahl auch bekommen.

Vierjährige Sondererscheinung

Unklar ist, welche Dynamik die neue Stadtpräsidentin oder der neue Stadtpräsident in der linker gewordenen Stadtregierung selbst auslösen wird. Die SP hat mit ihren beiden Sitzen im Fünfergremium weiterhin grossen Einfluss. Der Spielraum von Graffenrieds als Mitte-Glied zwischen links und rechts ist gering, erst recht wenn er nicht Stadtpräsident wird. Reto Nause als einziger bürgerlicher Vertreter repräsentiert das bürgerliche Bern nur begrenzt, da er als CVP-Mann nur in Sicherheitsfragen stramm bürgerlich politisiert. Die rund 35-Prozent bürgerlichen Wähler sind nun vier Jahre klar untervertreten. Deren Parteien werden mit Obstruktion und juristischen Tricks die politischen Projekte von RGM zu verzögern versuchen, wie sie es bezüglich der Schützenmatte bereits ausprobieren.

Der RGM-Vierer könnte allerdings auch eine Sondererscheinung bleiben, falls 2020 die Bürgerlichen ihren zweiten Sitz aufgrund einer neuen Bündnisstrategie zurückgewinnen.

Die vier linken Regierungsmitglieder dürften daher in den nächsten vier Jahren unter Druck geraten, sich gegeneinander zu profilieren – weil einer ihrer Sitze wieder verloren gehen könnte. Das wird dem Klima in der neuen Regierung zusetzen. Innerlinker Konkurrenzkampf und das bürgerliche Bern, das sich ausgeschlossen fühlt: Vom neuen Stadtpräsidenten, von der neuen Stadtpräsidentin erfordert diese Konstellation viel Fingerspitzengefühl. (Der Bund)

Erstellt: 07.01.2017, 08:28 Uhr

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