Grosser Frauenbonus bei der Linken

Welche Rolle spielt das Geschlecht der Kandidaten bei Wahlen in der Stadt Bern? Die Stadtratswahlen zeigten, dass RGM und Linksaussenparteien Frauen bevorzugten.

Linke und grüne Frauen haben gute Erfolgschancen.

Linke und grüne Frauen haben gute Erfolgschancen.

(Bild: Peter Schneider (Keystone))

Rudolf Burger

Ein Phänomen der Stadtratswahlen 2016 verdient besondere Beachtung, weil es auch für die bevorstehende Ausmarchung zwischen Ursula Wyss und Alec von Graffenried ums Stadtpräsidentenamt von Interesse ist: Die Stadtratswahlen endeten mit einem grossen Erfolg für die Frauen.

Dass dem so war, illustrieren zunächst ein paar wenige Zahlen: Um die 80 Mandate bewarben sich 76 Bisherige, 45 Männer und 31 Frauen. Die 31 Frauen wurden alle wiedergewählt, dagegen verloren 10 bisherige Männer ihr Mandat. Da Frauen auch die Hälfte der 14 Neugewählten stellen, verbesserte sich ihre Sitzanzahl im Stadtparlament von 33 im alten Rat auf neu 38. In einer der grösseren Fraktionen, der neunköpfigen des Grünen Bündnisses, sitzen ausschliesslich Frauen. Insgesamt macht der Frauenanteil im neuen Stadtrat 47,5 Prozent aus – für ein Parlament in der Schweiz ein Rekord. Zum Vergleich: Im Stadtzürcher Parlament, dem 125-köpfigen Gemeinderat, beträgt der Frauenanteil lediglich 26 Prozent, im Basler Grossen Rat 31 und im Genfer Stadtparlament 41 Prozent.

Parteiintern: Juso an der Spitze

Wie gut Frauen gewählt wurden, lässt sich auch mit zwei Statistiken zu den detaillierten Resultaten der Stadtratswahlen zeigen. Die Grafik links, erstellt anhand der parteieigenen Stimmen, macht deutlich, wie Wählerinnen und Wähler die Personen ihrer bevorzugten Liste beurteilt haben, also zum Beispiel SP-Anhänger die SP-Kandidatinnen und -Kandidaten. Verglichen mit dem Stimmenanteil der Männer (auf 100 Prozent gesetzt), haben die Kandidatinnen der SP gemäss der Grafik links im Durchschnitt 101,5 Prozent der Stimmen der Männer erzielt, also 1,5 Prozent mehr als Männer. Am besten schnitten Frauen mit + 6,1 Prozent bei den Juso ab, gefolgt vom Grünen Bündnis mit + 4,9 Prozent und der Alternativen Liste mit + 3,6 Prozent. Nur gerade bei drei der in dieser Darstellung berücksichtigten Parteien, bei der CVP (– 0,4 Prozent), der PDA (– 0,9 Prozent) und der SVP (– 4,2 Prozent), liegt der Stimmendurchschnitt für Frauen unter jenem der Männer. Dabei überrascht das Resultat bei der SVP wohl kaum, schliesslich besteht ihre Fraktion im neuen Parlament aus neun Männern.

Panaschieren: Schlusslicht FDP

Anhand der detaillierten Resultate von Proporzwahlen kann auch beurteilt werden, wie die Anhänger einer Partei die Frauen und Männer der übrigen Parteien panaschiert haben. So standen zum Beispiel den Wählerinnen und Wählern der Grünen Freien Liste (GFL), die mit insgesamt 40 Kandidierenden angetreten war, 185 Frauen und 285 Männer aus den 18 übrigen Parteien zu Panaschierzwecken zur Verfügung. Wie die Grafik rechts zeigt, haben die Anhänger der GFL Frauen durchschnittlich um + 71 Prozent besser panaschiert als Männer. Mit diesem Resultat liegt die GFL im Mittelfeld. Der höchste Durchschnittswert für Frauen resultierte mit + 119 Prozent bei der Jungen Alternative, gefolgt vom Grünen Bündnis (+ 116 Prozent) und der SP (+ 113 Prozent). Von allen RGM- und übrigen Linksparteien sind Frauen im Durchschnitt besser panaschiert worden als Männer, von den bürgerlichen Parteien hingegen schlechter. Dabei fällt auf, dass die rote Laterne für einmal nicht der SVP (– 35 Prozent) gebührt, sondern der FDP. Ihre Anhänger haben an Frauen im Durchschnitt um – 43 Prozent weniger Panaschierstimmen abgegeben als an Männer. Etwas anders sieht es bei den Jungfreisinnigen (JF) aus, die kein Mandat erobern konnten und deshalb in den Grafiken nicht berücksichtigt wurden: Ihre Anhänger haben Frauen um + 13 Prozent besser panaschiert.

Die Grafik rechts zeigt auch, dass jene Wähler, die sich für Listen ohne Parteibezeichnung entschieden haben, Frauen im Durchschnitt um + 37 Prozent besser panaschiert haben. Über alle Parteien hinweg gesehen (in der Grafik «Total»), resultiert für Frauen sogar ein Plus von 53 Prozent.

Favoritin Wyss?

Das offensichtliche links-grüne Übergewicht in der Stadt Bern und die hier demonstrierte enorme Frauenfreundlichkeit der Wählerinnen und Wähler von RGM- und Linksparteien (inklusive Grünliberale) würden für die kommende Stadtpräsidentenwahl eigentlich Ursula Wyss (SP) zur Favoritin erheben. Selbstredend tritt aber bei einer Majorzwahl die Persönlichkeit stärker in den Vordergrund als bei Proporzwahlen. Alec von Graffenried (GFL) hat Wyss bei den Gemeinderatswahlen dank den Stimmen der Mitte und der Bürgerlichen sowie dank den Stimmen von nicht-parteibezeichneten Listen klar distanzieren können – was zum Schluss führen muss: Das Rennen ist offen.

Der Bund

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