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Der PollerVorsicht vor dem Wasser-Sommelier

Poller-Kolumnist Martin Erdmann erhielt Post mit erschreckendem Inhalt. Wasser droht bald seine ehrliche Einfachheit zu verlieren.

Geschmacksarm und überbewertet: Wasser ist kein Getränk für Kenner.
Geschmacksarm und überbewertet: Wasser ist kein Getränk für Kenner.
Foto: Patric Spahni

Ich halte Wasser allgemein für überschätzt. Sie werden dieses Urteil vielleicht etwas anmassend finden, für jemanden, der aus über 70 Prozent aus ebendieser Flüssigkeit besteht. Dennoch muss ich darauf bestehen, diese Position mit zelotischem Eifer zu verteidigen. Ich tue dies aus reinherzigem Edelmut. Denn es ist für uns als Gesellschaft momentan unabdingbar, der Bedeutung von Wasser keine massgebende Rolle zu erteilen.

Ich werde Ihnen nun erklären, wie ich zu dieser Auffassung gekommen bin. Ich hege die Befürchtung, dass mein Arbeitgeber gelegentlich kontrolliert, was ich hier so treibe. Deshalb ist es mir an dieser Stelle wichtig, zu unterstreichen, dass ich sämtliche Aspekte meines Aufgabenfeldes mit höchster Sorgfalt erledige. Dazu gehört auch die Sichtung der E-Mails, die täglich in meinem Postfach eintreffen. Dort erreichte mich letzthin ein Schreiben vom Branchenverband Gastrosuisse. Ich wurde darüber unterrichtet, dass im Dezember 12 Schweizer Wasser-Sommeliers zertifiziert wurden.

Die Restaurantbranche versucht also, zwischen Konsument und Wasser einen olfaktorischen Mittelsmann zu platzieren. Als vorbildliche Arbeitskraft und weil alle Beizen zurzeit geschlossen sind, habe ich zu diesem Vorhaben eingehend recherchiert. Wasser-Sommelier wird, wer ein fünftägiges Seminar samt Abschlussprüfung meistert. Ausgewählte Themenpunkte: schweizerische Mineralwasser-Vielfalt, haptische Wahrnehmung in Mineralwasser, Bedeutung des Trinkens, rechtliche Grundlagen. Wer nicht bei Gastrosuisse angemeldet ist, zahlt für das Zertifikat 1600 Franken. Eine «umfangreiche Degustation» ist laut Anmeldeunterlagen im Preis inbegriffen.

Nun muss ich Sie flehentlich darum bitten, sich nicht zum Wasser-Sommelier ausbilden zu lassen. Denn als Wasser-Sommelier werden Sie zum Totengräber des einfachen Lebens. In unserer Welt in Nöten sollte sich niemand mit der Frage auseinandersetzen müssen, welches Wasser am besten zum zubereiteten Abendmahl passt. Die Befindlichkeit der Menschheit lässt tiefgründige Diskussionen über haptische Wahrnehmung in Mineralwasser momentan einfach nicht zu.

Wenn wir jetzt nicht geschlossen gegen die Relevanz von Wasser vorgehen, wird das einen Schlund der unnötigen Schwierigkeiten öffnen. Denn zu was plant Gastrosuisse uns als Nächstes zu belehren? Passt das Wasser zum Tischtuch? Verträgt sich das Tischtuch mit unserer orthopädischen Schuheinlage? Beisst sich unsere orthopädische Schuheinlage mit unseren Einzahlungen in die zweite Säule? Ergänzt sich unsere Einzahlung in die zweite Säule mit unserem Verhältnis zu Gott? Gründen wir keine gesellschaftliche Allianz, um den Wasser-Sommelier mit aller Kraft zu bekämpfen, droht Gastrosuisse bald jegliche Bereiche unseres Lebens zu kontrollieren.

Wenn Sie nun dennoch verunsichert sind, ob Sie in Wasserfragen die richtigen Entscheidungen treffen, rate ich Ihnen zu folgendem Test: 1. Nehmen Sie einen Schluck Wasser. 2. Wenn Sie keinen oder kaum Geschmack wahrnehmen, bedeutet das, dass es sich tatsächlich um Wasser handelt. Sie haben richtig gewählt. Für kostenlose Degustationen wenden Sie sich an Ihren Wasserhahn.

Der «Bund»-Redaktor ist bei seinen Recherchen tatsächlich auch auf einen Brot-Sommelier gestossen. Das ist aber eine andere Geschichte.

1 Kommentar
    Stefan Wittwer

    Ich bin tatsächlich versucht mich zum Wasser-Sommelier ausbilden zu lassen. Schon alleine, um mich als solcher vorstellen zu können.