Vor dem Nichts

Karl E. hat während Jahrzehnten mit Leidenschaft Dinge gesammelt. Dann kam die Brandkatastrophe.

  • loading indicator
Helene Arnet@tagesanzeiger

Karl E. steht in kurzen Hosen und weitem Hemd im Regen und zeichnet mit den Händen die Umrisse von Möbelstücken in die Luft: Hier stand ein Kachelofen, da das Ofenbänklein, dort der Kochherd und ganz hinten in der Ecke sein Bett, in dem er geschlafen hatte, als das Feuer ausbrach. Es ist ein gespenstisches und bedrückendes Bild. Denn rund um den zierlichen 71-jährigen Mann sieht es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte.

Am 20. Juli 2017 vermeldete die Kantonspolizei Zürich: «Grosser Schaden bei Hausbrand in Knonau.» Wir sehen nun das Bild zu den nüchternen Zeilen, die weiter vermelden, dass der Hausbesitzer und sein Hund sich in Sicherheit bringen konnten und die im Grossaufgebot und schnell eingerückten Löschkräfte das Feuer rasch unter Kontrolle bringen konnten. Die Brandursache sei unbekannt. Sie ist es immer noch.

Karl E. erzählt, wie er in der Nacht erwacht ist und durchs Fenster einen orangen Schein gesehen habe: «Die Sonne geht doch sonst anderswo auf», war sein erster, noch schlaftrunkener Gedanke. Er hörte ein Knistern, dann sah er Flammen. An die nächsten Sekunden erinnert er sich nur noch verschwommen: Er sei wohl in die Küche gerannt, habe sich eine Hose übergezogen und das Handy und das Portemonnaie eingesteckt. Dann habe er den Hund geholt – und nichts wie raus.

Ein geschichtsträchtiges Haus

Das Haus ist eine Ruine. Der Dachstock ist vollständig eingestürzt, es stehen nur noch drei Aussenmauern. Die eine weist an der Stirnseite ein Schmuckband aus weissen und grauen Dreiecken auf, was darauf hinweist, dass dies einst ein herrschaftliches Haus war. Es war mehr als das: Auf einem der Balken, die in den Trümmern auszumachen sind, steht die Jahreszahl 1450. Es handelt sich um das Stammhaus des bedeutenden Zürcher Patriziergeschlechts Meyer von Knonau.

1971 hatte der Architekt Karl E. das sogenannte Meyerhaus an der Schmiedgasse 2 mitten im Dorf gekauft. Es steht unter kantonalem Schutz und war schon mehrmals Schauplatz von unerfreulichen Szenen, welche im Juli vor zwei Jahren in einer Zwangsräumung gipfelten. Denn E. tut sich schwer damit, Dinge wegzuwerfen. Er ist sich dieser Schwäche durchaus bewusst, er steht auch zu ihr – er war einer der vier Hauptpersonen in dem in Locarno 2011 preisgekrönten Film von Ulrich Grossenbacher «Messies, ein schönes Chaos».

Doch hortet er nicht wahllos Dinge: «Ich denke immer, dass ich das vielleicht noch brauchen kann.» Was nicht so abwegig ist, denn er hat vielfach Requisiten und Ausstattungen für Theateraufführungen geliefert. Auch fertigt er Collagen. «Ich sehe hinter den Objekten immer noch etwas anderes», sagt er, während er einen geschmolzenen Rucksack unter Trümmern hervorzieht. Lang hielt damals die von der Gemeinde herbeigeführte Ordnung nicht an.

Er passt so gar nicht ins Bild

Seine überbordende Sammelleidenschaft ist manchen im Dorf ein Dorn im Auge. Zumal sie auch den herrschaftlichen Garten in Beschlag nimmt. Knonau ist eine ländlich geprägte Gemeinde im Säuliamt mit gut 2000 Einwohnern. Die Häuser gruppieren sich hauptsächlich entlang der Strasse und machen einen gepflegten Eindruck. Sauber gewischte Garageneinfahrten, gleichmässig beschnittene Rasenflächen, in den Vorgärten wird dem Unkraut zwischen den Wegplatten mit Fugenkratzern zu Leibe gerückt. Die nicht mehr allzu zahlreichen historischen Riegelhäuser verschwinden zunehmend in Neubausiedlungen. Da passt einer wie E. so gar nicht ins Bild, das man von sich hat.

Trotzdem ist E., der in der Stadt Zürich aufgewachsen ist, in der Gegend gut verankert. Er war in der Feuerwehr, arbeitete mit hiesigen Theatervereinen zusammen, spielt in der Guggenmusik. Bei einem Guggenmusikkollegen hat er für den Moment auch Unterschlupf gefunden. Im Gespräch entsteht der Eindruck eines eigensinnigen, aber liebenswürdigen Mannes, der voller Energie und Ideen steckt. Ein Schelm auch, der nicht lugg lässt, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Und dazu gehört eben auch seine Sammelleidenschaft. Das hat ihn wohl auch etwas einsam gemacht. In dem oben erwähnten Film beklagt sich seine Frau, wie sich immer mehr Menschen von ihm zurückziehen. Auch sie ist mittlerweile von ihm geschieden.

«Die Gemeinde wird alles daransetzen, dass die Räumung so schnell wie möglich gemacht wird.»

Seit der Brandnacht kommt Karl E. Tag für Tag auf die Brandstelle, um zu retten, was noch zu retten ist. Ein Bündel seiner Collagen war so dicht geschnürt, dass ihm die Flammen wenig anhaben konnten. Er hat sie auf den Dachbalken ausgelegt, um sie zu trocknen. An der Wand lehnen alte Ski, Veloreifen liegen zuhauf herum, verpappte Schallplatten. Aus einem Schutthaufen ragt eine verkohlte Stele der heiligen Barbara hervor, weiter hinten liegt eine schimmernde Kugel, als ob ein blinkender Stern vom Himmel mitten ins Chaos gefallen wäre.

Er ordnet, trägt weg, stapelt, sortiert. Seine Fingerkuppen sind schwarz. Bei all dem wirkt er seltsam gefasst – und kämpferisch. Er stehe zwar vor dem Nichts, sagt er, doch geblieben sind ihm seine Ideen, die sich einmal mehr nicht mit der Vorstellung der Gemeinde treffen. Diese drängt auf ein schnelles Aufräumen. «Die wollen eine saubere Brache, die man überbauen kann», sagt er.

An dieser Stelle schaltet sich Anthony Monn ein. Monn war einst Vorstandsmitglied des Kantonalzürcher Heimatschutzes und begab sich nach Knonau, um das 1575 gebaute Wirtshaus Adler anzuschauen, welches kürzlich gegen den Willen der Denkmalpflege aus dem Schutz entlassen wurde. Da fiel ihm das in unmittelbarer Nähe befindliche Haus auf. Er sagt: «Bevor hier etwas abgebrochen wird, muss die Denkmalpflege eine genaue Analyse der Gesamtsituation vornehmen.» Eine vorschnelle Entlassung aus dem kantonalen Inventar sei unter allen Umständen zu vermeiden. Er verweist nicht nur auf den «bauhistorischen Eigenwert des Hauses», sondern auch auf seine «zentrale Stellung innerhalb des Ortsbildes». Er plädiert dafür, die Aussenmauern stehen zu lassen.

Die Gemeinde Knonau ist sich bewusst, dass das Meyerhaus eines der geschichtsträchtigsten Gebäude weit und breit ist. Auf der Homepage ist vermerkt, dass es sich neben der Kirche um das älteste Gebäude im Ort handle. Zudem beherbergte es bis zum Bau des Adlers unter dem Namen «Löwen» das einzige Wirtshaus im Dorf. Doch will Gemeindepräsident Walter von Siebenthal nichts von Abwarten wissen, zumal eine Gemeindestrasse wegen der Ruine gesperrt ist: «Die Gemeinde wird alles daransetzen, dass die Räumung so schnell wie möglich gemacht wird.» Man werde keine weitere Verzögerung tolerieren.

Nicht mehr schutzwürdig

Auch betont von Siebenthal, dass die Räumung und Entsorgung Angelegenheit des Besitzers seien. Und: «An einen Wiederaufbau ist nicht zu denken.» Dabei stützt er sich auf eine Beurteilung der Denkmalpflege. «Bei dem Brand ist die Bausubstanz weitgehend verloren gegangen», sagt Markus Pfanner von der Baudirektion. «Die übrig gebliebenen Fassadenfragmente rechtfertigen die Schutzwürdigkeit nicht mehr.»

Kann sich denn Karl E. als Besitzer dagegen wehren, dass sein Haus aus der Schutzwürdigkeit entlassen wird? Wie Pfanner erklärt, ist eine Entlassung auch gegen den Willen des Besitzers möglich: «Es ist die Bedeutung des Gebäudes, die über die Schutzwürdigkeit entscheidet.» Sei der Verlust von schutzwürdiger Substanz sehr gross, verliere das Gebäude unter Umständen seine historische Aussagekraft und seinen Zeugniswert. «Will der Eigentümer diese restlichen Gebäudeteile allerdings in einen Neubau integrieren, darf er das tun.» Für deren Sicherung sei er dann verantwortlich, auch finanziell.

Karl E. plant weiter

Damit ist Karl E. eigentlich draussen, denn bezahlen kann er dies nicht. Doch will er auch hier nicht lugg lassen – tatsächlich steht es ihm offen, Rekurs gegen die Verfügung des Kantons zu ergreifen. Damit gewinnt er Zeit, was ihm derzeit das Allerwichtigste scheint. Er nimmt eine Harke zur Hand und angelt vorsichtig ein verformtes Metallteil unter einer zusammengestürzten Mauer hervor. Er dreht es hin und her und lächelt: ein Super-Acht-Filmprojektor. «Vielleicht kann ich den reparieren», sagt er und legt ihn zu den Sachen, die er aufbewahren will.

Dann gewinnt der Architekt in ihm die Oberhand über den Sammler: «Nun müssen die Mauern gesichert und ein Notdach erstellt werden, damit nicht noch mehr verfällt. Ich brauche Zeit, um Pläne zu machen.» Und wieder zeichnet er mit den Händen unsichtbare Gegenstände ins Nichts: «Hier kommt eine Zwischenwand, dort die Küche, nebenan mein Schlafzimmer und hier der Kachelofen.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt