Von Bern nach Rostock – und zurück

Nico Cadonau verbringt mehr Zeit in seinem Lastwagen als in seiner Wohnung. In seinem Job erkundet er Strassen, Werkhallen und Festgelände. Unterwegs mit einem Fernfahrer.

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Eigentlich hatte Nico Cadonau alles schön vorbereitet. Am Wochenende kam er extra nach Kallnach zu seinem Lastwagen, polierte die Felgen, bezog das Bett neu und legte frische Kleider in den Schrank. Und nun sind da trotzdem ein paar Kleinigkeiten: ein wenig Schmutz an der Tür, ein liegen gelassener Plastiksack, verstellte Rückspiegel. Während Cadonaus Ferien hat ein Mitarbeiter seinen Lastwagen benutzt – und nicht ganz alle Spuren verwischt. «Ein bisschen pingelig bin ich schon», sagt Cadonau. «Aber es ist wichtig, dass ich in meinem Lastwagen wohl bin. Ich verbringe nirgends so viel Zeit wie hier.»

Es ist Montagmorgen, sechs Uhr, Cadonau zieht die Schuhe aus und steigt in sein Fahrzeug. «Jetzt muss ich mich von den Ferien erholen», sagt er und schaltet den Motor ein. Heute gehts nach Birsfelden, Stahlteile laden. Danach mit der ganzen Fracht nach Lyss und Kerzers, später wohl in die Westschweiz. Cadonau fährt «wild», das heisst, er hat keine fixen Strecken. Seine Aufträge führen ihn quer durch die Schweiz, manchmal nach Frankreich, Deutschland, Österreich. «Sicher ist die Route eigentlich nie», sagt der 31-Jährige. «Wir müssen immer flexibel auf die Verkehrs- und Auftragslage reagieren.» Dass Cadonau mal Fahrer werden würde, wusste er schon immer. Bereits sein Vater war ein Lastwägeler. Mit einem weiss-blauen Tanklastwagen der Firma Tamoil fuhr er von Ostermundigen durch die Schweiz und belieferte Haushalte mit Heizöl. Alles ging gut, bis seine Firma das Geschäftsmodell änderte: Sie wollten ihren Chauffeuren keine Fahrzeuge mehr zur Verfügung stellen, sondern erwarteten, dass diese ein eigenes Fahrzeug besitzen.

Für den Kauf eines Lastwagens hätte Cadonaus Vater Schulden machen müssen – und das wollte er nicht. Deshalb wechselte er zu einem Busunternehmen, am Wochenende fuhr er zusätzlich Taxi, um die Familie durchzubringen. «Das wäre heute nicht mehr möglich. Mein Vater müsste die Ruhezeiten einhalten», sagt Cadonau. Dann fährt er los. Nordostwärts, der Sonne entgegen.

Oft schläft er im Lastwagen

Der Lastwagen treibt auf der Autobahn, passiert Wangen, Oensingen, Kestenholz. Eigentlich wohnt Cadonau im Berner Sulgenauquartier, doch er ist fast nie dort. Bis zu 15 Stunden dauert sein Arbeitstag, mehrmals wöchentlich übernachtet er auswärts im Lastwagen. «Unter der Woche habe ich neben der Arbeit fast nie Freizeitprogramm. Aber falls ich mal was habe, dann schauen wir intern, dass ich rechtzeitig fertig bin.»

Bis vor einem Jahr arbeitete Cadonau für die grosse Transportfirma Planzer, dann kündete er. Eine Freundin gratulierte ihm zu diesem Schritt, weil sie dachte, er habe nun mehr Zeit. Eingetreten ist das Gegenteil: Seit Cadonau für die neue Firma Haltra-Logistik arbeitet, verbringt er noch mehr Zeit auf der Strasse, weil er weitere Strecken fährt. «Für mich spielt es nicht so eine Rolle, ob ich um fünf Uhr in Härkingen fertig mache oder um acht Uhr in Basel. Vielleicht schaue ich in zehn Jahren zurück und bereue, dass ich so viel gearbeitet habe. Aber im Moment passt das gut für mich.» Ankunft in Birsfelden. Das Navi findet den Standort der gesuchten Stahlbaufirma nicht, und so sticht Cadonau einfach mal ins Industriequartier und fragt sich durch. Draussen reiht sich Werkhalle an Werkhalle, in der Ferne ragt ein Hafenkran in den Himmel. Cadonau schaut sich gerne um, er war noch nie hier.

«Vielleicht schaue ich in zehn Jahren zurück und bereue, dass ich so viel gearbeitet habe»Nico Cadonau, Lastwagenfahrer

«Das ist das Aufregende an diesem Job. Du siehst Dinge, die andere niemals sehen werden.» Zum Beispiel ging sein Chef mal im Hallenstadion etwas abholen – und prompt habe er Céline Dion beim Proben angetroffen. Seit die Firma Fahrten für Top Events macht, wissen die Leute, was alles hinter einem Grossanlass steckt: «Ich habe von der Tombolalöslibox bis zum Glühweinkocher schon alles transportiert.»

Nach einigem Suchen findet Cadonau sein Ziel. Er erledigt das Schriftliche, steckt sich eine Zigarette an und verhandelt mit den Lagerarbeitern, wie die Ware am besten zu laden sei. Zuerst verläuft alles reibungslos, doch dann löst sich ein Seitenladen aus der Fassung und knallt Cadonau auf den Fuss. Dieser färbt sich rot und blau. «Hoffentlich schwillt das nicht zu sehr an», sagt Cadonau und flucht. «Sonst gibt es Zwangsferien.»

Pizza, Bier und Funkantennen

Der Lastwagen ist voll beladen und Cadonau fährt los. Manchmal grüsst ihn jemand von der Gegenfahrbahn mit Handzeichen, dann grüsst Cadonau zurück. Er grüsst alle, die er kennt – und alle mit einem besonders schönen Lastwagen.

«Häufig werde ich gefragt, ob das nicht ein grausam einsamer Job sei. Aber das ist es nicht.» Wenn es Cadonau langweilig ist, telefoniert er mit einem Kollegen. Nach Feierabend trifft er im Pausenraum von Planzer seine ehemaligen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf eine Dose Bier. Und am Wochenende sieht man sich manchmal beim Lastwagen-Putz auf dem Parkplatz und bestellt Pizza. Oder man fährt gemeinsam an ein schweizweites Lastwagentreffen. Der Teamgeist bei Haltra sei wirklich super: «Da hat keiner die Hände in den Taschen, und alle ziehen am selben Strick.»

Vor kurzem hat Cadonau eine Funkantenne auf seinem Lastwagen installiert – vor allem aus Nostalgie: «In der Schweiz läuft heute wenig über Lastwagenfunk. Die wenigsten haben eine Antenne auf dem Dach.» In anderen Ländern sei das anders: «In Deutschland haben fast alle eine Antenne, man plaudert zusammen, wenn man die gleiche Route fährt, und warnt Entgegenkommende vor Gefahrenstellen.»

Nebst der Antenne hat Cadonau ein paar weitere «Gadgets» in seine Fahrkabine eingebaut: Rote Lämpchen leuchten von der Decke, eine Badezimmerstange ist bereit fürs Frottiertuch, an der Wand hängt ein Souvenir von seiner letzten Fahrt zum Hamburger Hafen. Im alten Lastwagen hatte Cadonau noch mehr «Eigenes»: eine Fussdecke von seiner Mutter, Sticker an der Fahrertür. Den jetzigen Lastwagen hat die Firma ganz neu gekauft: «Es wäre fast schade, wenn man da zu viel machen würde.»

Cadonau ist auf der Hauptstrasse Richtung Lyss, als der Dispositeur anruft und die weiteren Routen durchgibt. Er soll nun doch nicht in die Westschweiz, sondern mit einer Ladung Festgarnituren auf den Gurten und dann weiter nach Luzern. Ganz fertig ist Cadonau um neun Uhr. Er wird eine weitere Nacht im Lastwagen verbringen. Auf dem Stellplatz der Lastwagen-Beiz Blauer Esel, ganz dicht an der Hauptstrasse. (Der Bund)

Erstellt: 24.07.2018, 06:41 Uhr

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Cadonaus Lastwagen in Zahlen

Nico Cadonau fährt einen 40-Tonnen-LKW der Firma Scania. Er verfügt über 580 PS. Pro Woche fährt Cadonau 2200 Kilometer, seine längste Strecke war Kallnach–Rostock (1081 Kilometer). Im Kanton Bern verdienen Lastwagenfahrer und Lastwagenfahrerinnen mit einer abgeschlossenen Berufslehre und mehrjähriger Berufserfahrung zwischen 5100 und 6200 Franken pro Monat – bei einer Wochenarbeitszeit von 48 Stunden.

In der Schweiz finden 61 Prozent des Gütertransports auf der Strasse statt und 39 Prozent auf der Schiene. Im Import- und Exportverkehr ist auch die Rheinschifffahrt von Bedeutung. Der Strassengüterverkehr beschäftigt knapp 44000 Personen, dies ist knapp 1 Prozent aller in der Schweiz beschäftigten Personen.

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