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Dürrenmatts düsterer KosmosVom Weltschmerz unter fliegenden Himmelskörpern

Friedrich Dürrenmatt schuf parallel zu seinem literarischen ein atemberaubendes bildnerisches Werk. Eine repräsentative Auswahl seiner Grafiken und Zeichnungen ist aktuell in Spiez zu entdecken.

Friedrich Dürrenmatt: Selbstporträt, Wien, 1978, Gouache und Kreide auf Papier.
Friedrich Dürrenmatt: Selbstporträt, Wien, 1978, Gouache und Kreide auf Papier.
Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel

Hätten Sies gewusst? Friedrich Dürrenmatt (19211990), der Autor mit Weltruf, der den «Besuch der alten Dame» oder die «Physiker» schrieb, wäre eigentlich lieber Maler geworden. Schon als Kind zeichnete der Pfarrerssohn aus Konolfingen leidenschaftlich gern. Damals vorab Helden, Soldaten im Kampf und Himmelskörper. Der kleine «Fritz» zeichnete so präzise und authentisch, dass er mit seiner Darstellung der «Schweizer Schlacht» als Zwölfjähriger beim Wettbewerb des Pestalozzi-Kalenders den Hauptpreis, eine Uhr, abräumte. Und er zeichnete und malte weiter. So wuchs parallel zum literarischen auch ein umfangreiches bildnerisches Werk, das den Blick in sein künstlerisches Schaffen vertieft.

Kein Interesse am Schönen

Dürrenmatts zeichnerischer Kosmos ist düster und fasziniert in seiner überschäumenden Fabulierlust. Bemerkenswert ist die kühne Verbindung von Wissenschaft und Mythologie: Die Motive und Themen, die den Autor als kritischen Denker umtreiben, findet man auch hier. Das Schöne interessiert ihn nicht. Dürrenmatt zeichnet apokalyptische Szenen, biblische Motive. Den Turmbau zum Beispiel, Kreuzigungen. Immer wieder Figuren aus der griechischen Mythologie; den tragischen Tod des Minotaurus oder den Atlas, der daran scheitert, das Weltgebäude vor dem Zusammenbruch zu stemmen. Er befasst sich mit Evolutionstheorien, lässt den Betrachter in verspiegelten Labyrinthen herumirren. Überall lauern Geier mit Papageienköpfen auf ihre Opfer. Die wuchernde Kraft in den dramatischen Bildern ist betörend.

Als Zeichner wagt sich Dürrenmatt auch in die bildliche Abstraktion. Immer wieder blickt er hinaus ins Räderwerk des Weltalls, wo Himmelskörper herumfliegen, die an Supernovae erinnern. Oder an Coronakugeln. Wobei er die Katastrophe als Kippmoment deutet, als Chance auf etwas Neues, Besseres.

Die eindrückliche, mit Film, Fotos und Karikaturen ergänzte Sonderausstellung im Schloss Spiez ist im Hinblick auf Dürrenmatts 100. Geburtstag (am 5. Januar 2021) und in enger Zusammenarbeit mit dem Centre Dürrenmatt Neuchâtel und Kurator Rudolf Käser entstanden.

Ausstellung im Schloss Spiez: «Dürrenmatt als Zeichner und Maler. Ein Bildwerk zwischen Mythos und Wissenschaft». Bis 25. 10. www.schloss-spiez.ch