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Glosse zu den EisheiligenViel zu cool, um wahr zu sein

Die moderne Wissenschaft sagt, die Eisheiligen gibt es nicht. Muss man das glauben? Gerade in diesem Jahr?

Wenigstens einer fühlt die Eisheiligen wirklich: Dieser Hund lässt sich am Sonntag, 15. Mai 2011, den eisigen Wind in der frisch verschneiten Winterlandschaft oberhalb Davos durch das Fell pfeifen.
Wenigstens einer fühlt die Eisheiligen wirklich: Dieser Hund lässt sich am Sonntag, 15. Mai 2011, den eisigen Wind in der frisch verschneiten Winterlandschaft oberhalb Davos durch das Fell pfeifen.
Foto: Keystone

Ja, ja, ja. Es gibt keine Eisheiligen. Auf der Website von Meteo Schweiz zum Beispiel wird das alles schön erklärt. Der Kälteeinbruch, der gemäss Überlieferung an bestimmten Maitagen auftreten soll, lasse sich mit den Messreihen nicht bestätigen, heisst es da in einem gut begründeten Aufsatz. Bodenfrost könne es um diese Jahreszeit zwar durchaus geben. Aber die Tage der Eisheiligen zeigten dabei keine spezielle Häufung.

Keine spezielle Häufung. Schon klar. Und wie gesagt: Es gibt keine Eisheiligen. Zumindest in der Wirklichkeit nicht. Sprich: keine Eisheiligen, die real in Erscheinung treten. Jedenfalls keine, die dann real in Erscheinung treten, wenn sie es gemäss Überlieferung tun sollten. Also vom 11. bis zum 15. Mai. Also diese Woche.

Drum einverstanden. Es gibt keine Eisheiligen. Die Faktenlage ist erdrückend. Alles Humbug. Am pointiertesten bringt es der Meteorologe Jörg Kachelmann auf den Punkt: In seinen Kurznachrichten, die er über Twitter verbreitet, schreibt er von «tradiertem Schwachsinn aus dem Mittelalter». Er hat dieser Tage einige Kurznachrichten zum Thema Eisheilige abgesetzt. Obschon es sie nicht gibt. Oder weil es sie nicht gibt.

Also lassen wir es. Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und die kalte Sophie: alles nichts. Ausser alte, wohlklingende Namen.

Dabei. Dabei hätte dieses Jahr alles so unglaublich wunderbar gepasst. Am Montag, ausgerechnet und haargenau an dem Tag, an dem die Eisheiligen beginnen, kam gegen Abend der Kälteeinbruch. Wer draussen war, hat gespürt, wie die Temperatur innerhalb weniger Stunden absackte. Es war, als ob man beim Schwimmen in eine kalte Strömung gelangt. Es war, als käme Mamertus angeritten. Es war, als würde er seinen kalten Mantel über die Landschaft legen.

War dieser langgezogene Moment, wo man nichts mehr wünschte, als sich Handschuhe anzuziehen, nicht viel zu cool, um wahr zu sein? Und erst wie es weitergegangen ist: Am Dienstag blieb es kalt. Am Mittwoch ebenso. Am Donnerstag auch und heute Freitag – notabene am Tag der kalten Sophie – ist es immer noch kalt! Alles nur Zufall? Und was sagt die moderne Wissenschaft dazu, dass es ab morgen, ausgerechnet ab morgen, wieder wärmer wird?