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Machtkampf im italienischen FussballVidal geht fremd und küsst seine alte Liebe

Arturo Vidal spielte einst für Juventus und gewann mit den Turinern mehrere Titel. Nun hat er die Seiten gewechselt und könnte für neue Machtverhältnisse in der Serie A sorgen.

Arturo Vidal bringt Inter Mailand gegen Juventus Turin in Führung und jubelt über seinen Treffer.
Arturo Vidal bringt Inter Mailand gegen Juventus Turin in Führung und jubelt über seinen Treffer.
Foto: Luca Bruno (Keystone)

Alles begann mit einem zärtlichen, versteckten Kuss des Ex, einem Fremdgehen nach aller Regel. Als Arturo Vidal, chilenischer Mittelfeldspieler von Inter Mailand, beim Aufwärmen seinen früheren Spielkameraden Giorgio Chiellini von Juventus herzte, wie man das nur noch selten sieht in diesen Zeiten, drückte er in der Verschlingung seine Lippen ganz kurz auf das Vereinswappen auf dessen Brust. Einen Sekundenbruchteil nur, mit einem Lächeln. Verewigt von den Kameras, abertausend Mal geteilt in den sozialen Netzwerken. Schnell entlud sich ein Shitstorm über dem vermeintlichen Verräter, initiiert von betrogenen Interisti, die Vidal nach vielen Wochen höchst mediokrer und zuweilen gar aufreizend schwacher Leistungen ohnehin schon lange auf dem Zeiger hatten. «Giuda!» Judas. Ein Todeskuss?

So also begann am Sonntagabend im Mailänder San Siro das 238. «Derby d’Italia», wie die Italiener dem Spiel zwischen dem Football Club Internazionale Milano, der bald nur noch Inter Milano heissen soll, und Juventus Turin – mit Kuss und Dreck und einer süssen Pointe im Anflug. Vor dem leeren Stadion zündeten Fans kurz vor Anpfiff so viele Böller und Feuerwerksraketen, dass der Schiedsrichter seine Kollegen an der Linie und im Videoraum über Funk nicht hörte.

Inter-Trainer Antonio Conte macht momentan alles richtig.
Inter-Trainer Antonio Conte macht momentan alles richtig.
Foto: Miguel Medina (AFP)

Inter wollte beweisen, dass es sich emanzipiert hat vom Serienmeister aus Turin, dass es nach neun Jahren Totaldominanz Juves den «Gap» etwas verringern konnte, wie es sein Trainer Antonio Conte gerne nennt – den Unterschied in Geld, Ambition, Spielerprominenz. Die Formel gilt ihm immer auch als Entschuldigung, wenn es nicht so gut läuft. Das aber war das Spiel für den Nachweis eines Wandels, das Spiel für eine Zerrüttung der Hierarchie. Als Coach hatte Conte noch nie gegen Juventus gewinnen können, mit keinem seiner Teams. «Bis aufs Blut» sollten sie kämpfen, gab er seinen Spielern mit. Sie sollten auch vergessen, dass sie seit Monaten auf ihren Lohn warten, weil die chinesischen Vereinsbesitzer, die Zhangs vom Elektronikkonzern Suning, gerade Liquiditätsprobleme haben und nach nur vier Jahren über einen Verkauf Inters nachdenken, ausgerechnet jetzt. Und dann küsst Vidal das Abzeichen Juves!

Nun, das Spiel brachte bald Versöhnung, wie sie wohl nur im Sport möglich ist, in der zwölften Minute schon. «Re Artù», wie sie Vidal an guten Tagen nennen, erzielte sein erstes Meisterschaftstor für Inter, mit dem Kopf, die Haarkreste perfekt gegelt. Er jubelte zwar nicht, doch das nahm ihm niemand mehr übel. Nach dem Spiel soll Vidal in der Umkleide den DJ gegeben haben, alle tanzten zu seinen Beats. Es gibt Fotos, die das Team in der Pose zeigt, wie man sie sonst nach dem Gewinn des Meistertitels sieht, alle gruppiert, sogar etwas Flüssiges fliegt durch die Luft. Gewonnen hat man am Ende 2:0, verstörend leicht, nur nicht hoch genug.

Cristiano Ronaldo läuft es mit Juventus Turin gar nicht nach Wunsch.
Cristiano Ronaldo läuft es mit Juventus Turin gar nicht nach Wunsch.
Foto: Miguel Medina (AFP)

An der Spitze der Tabelle steht weiterhin stolz Mailand, Inter und Milan im Duo, das hat es schon lange nicht mehr gegeben. Wenn es auch noch zu früh ist für die Hosannierung eines Umsturzes, bemüht der Mailänder «Corriere della Sera» schon historisch erniedrigende Prädikate für die Rivalen: «Das war das schwächste Juve der letzten zehn Jahre, eine Nichtmannschaft», schreibt die Zeitung. Und da seit einigen Spieltagen auch Cristiano Ronaldo die Schwächen nicht mehr kompensiert, ist fast gar nichts mehr da: kein Spiel, keine Substanz, nicht einmal «grinta», Biss.

Das Mittelfeld mit Adrien Rabiot, Rodrigo Betancur, Aaron Ramsey? Weder Damm nach hinten noch Rampe nach vorne. Erst als Weston McKennie eingewechselt wurde, passierte etwas – auch nicht viel, aber wenigstens irgendetwas. Für Andrea Pirlo, den früheren Maestro dieser Spielabteilung, ist die Ideenlosigkeit im Zentrum vielleicht die grösste Niederlage überhaupt als Jungtrainer. Nach der Begegnung sagte er, die Verantwortung liege natürlich zuerst bei ihm: «Wir hätten nicht schlechter spielen können, es war, als hätten wir gar nicht auf dem Rasen gestanden.» Die Rollen waren verdreht: Der Maestro gab den Lehrling. Es ist noch nicht lange her, da spielte Pirlo bei Juve unter Conte und führte so prägend Regie, dass der seine gesamte Spielphilosophie für ihn revolutionierte, was sonst wirklich nicht seine Art ist. Der stille Pirlo sagte neulich, er habe überhaupt erst Lust auf den Trainerjob bekommen, als er damals Conte bei der Arbeit zugesehen habe – dem lauten Antreiber, dem Motivator in Chief, man nennt ihn auch «Generale». Die zwei könnten unterschiedlicher nicht sein.

«Zyklen beginnen und enden», sagte Conte nach dem Spiel. Eine Kusshand nach Turin.