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Kofler&Karriere@homeVerzweifelt gesucht: Lockerungsgefühl

Läden, Beizen und Schulen sind wieder offen. Warum zum Teufel überträgt sich dieses Hurra auf die wieder gewonnene Freiheit nicht auf mich selber?

Karin Kofler
Karin Kofler
Foto: Paolo Dutto

Jetzt kommen sie wieder aus der Versenkung: die Muntermacher und Daueroptimisten. Dieselben Menschen, die im Lockdown Bilder von ihren Yoga-Übungen gepostet haben, dokumentieren jetzt selbstverständlich auch ihren ersten Laden- oder Beizenbesuch – etwa mit einem lustigen Föteli vom ersten Latte macchiato oder einer Zara-Tüte. Auch die Politiker singen ihr Hoch auf die wiedergewonnene Freiheit: Den ersten Coiffeurbesuch von FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen durfte man auf Linkedin verfolgen – verbunden mit dem Aufruf «äs geit». Wir alle sollten jetzt wieder ohne Ängste konsumieren und uns mit Latexhandschuhen und Maske auf die Shoppingpiste wagen.

Nun, ich begrüsse es ja auch, dass die Wirtschaft wieder laufen darf. Allerdings glaube ich, dass dieser kollektive Kaufzwang, der über die vergangenen Tage verschiedentlich propagiert wurde, kontraproduktiv ist. Die Bilanz in den Läden zeigt es ja. Die Menschen sorgen sich vor der Rezession – das Gucci-Täschchen als Belohnung für den überstandenen Lockdown funktioniert in dieser Situation nicht. Zumindest bei mir.

Ferner stelle ich fest, dass ich noch gar nicht aus dieser Stay-home-Stimmung raus bin. Nur weil es Lockerungen gibt, heisst das ja nicht, dass man sich auch gleich locker fühlt. Wie auch? Die Corona-Monotonie ist noch längst nicht aus meinem Alltag verschwunden: Mein Teenager-Sohn hockt noch bis 8. Juni zu Hause; die 10-Jährige ist zwar wieder in der Schule, lümmelt aber aufgrund von Halbklassen und mangels Freizeitkursen auch immer noch viel daheim herum. Die Mitteilung der Schule, dass am 25. Mai ein Weiterbildungstag der Lehrerinnen und Lehrer stattfindet und die Schule daher erneut ausfällt, hat zu einem Aggressionsschub von beängstigender Dimension geführt. Was die Kulinarik anbelangt, so bin ich inzwischen bei der Raviolibüchse angelangt, um energetisch einigermassen im Lot zu bleiben.

Und nun frage ich Sie, lieber Herr Wasserfallen: Wie also soll da die Lust auf Shopping aufkommen?