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Nach Corona-FällenVerschärfte Konzepte für Berner Clubs liegen bereit

Der Kanton schliesst den Club Kapitel vorübergehend. Sollten sich Ansteckungen im Ausgang mehren, müsse man über die Bücher, heisst es bei der bernischen Gesundheitsdirektion.

Der Club Kapitel im Berner Bollwerk muss für zehn Tage schliessen. Drei Gäste wurden positiv auf das Coronavirus getestet.
Der Club Kapitel im Berner Bollwerk muss für zehn Tage schliessen. Drei Gäste wurden positiv auf das Coronavirus getestet.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Am Samstagabend wurde dem Kanton die Sache zu heiss. Der Berner Club Kapitel wurde um 23 Uhr auf Anordnung des Kantonsarztamts für zehn Tage geschlossen. Nachdem mehrere Besucher positiv auf Covid-19 getestet worden waren, hatte sich das Lokal am Berner Bollwerk aus Sicht der Behörden zu einem Ansteckungshotspot entwickelt.

Bereits am Freitag wurde bekannt, dass eine Person am neuen Coronavirus erkrankt ist, die zuvor im Kapitel im Ausgang war. Über 300 Personen wurden daraufhin in Quarantäne geschickt. Als am Samstag zwei weitere Ansteckungen aus demselben Umfeld bekannt wurden und weitere 140 Personen in Quarantäne mussten, zog der Kanton die Reissleine.

Unter Umständen gebe es aus dem Umfeld des Clubs weitere Ansteckungen, die derzeit noch nicht bekannt seien, begründet Gundekar Giebel, der Sprecher der kantonalen Gesundheitsdirektion, den Entscheid. Mit der temporären Schliessung wolle der Kanton mögliche Ansteckungsketten unterbrechen. Giebel betont, dass die Schliessung keine Strafe für die Clubbetreiber sei. Diese hätten die geforderten Massnahmen umgesetzt.

Branche sieht Verschärfung kritisch

Greifen also die Massnahmen zu kurz? Und was nützt die Schliessung eines Clubs, wenn Partygänger einfach anderswo in den Ausgang gehen können? Der Kanton evaluiere laufend, ob die geltenden Massnahmen ausreichten, sagt Giebel. «Sollte es weitere ähnlich gelagerte Fälle geben, müssen wir über die Bücher.» Entsprechende Konzepte seien bereits erarbeitet worden.

«Wir glauben nach wie vor an das von den Branchenverbänden mit dem Bund erarbeitete Schutzkonzept», sagt Kapitel-Geschäftsführer Dino Dragic-Dubois. Trotzdem werde man in den nächsten Tagen zusätzliche freiwillige Massnahmen prüfen.

Max Reichen, Co-Präsident der Bar- und Clubkommission Bern (Buck) sieht verschiedene Möglichkeiten, wie der Kanton an den Vorgaben schrauben könnte. Denkbar wäre etwa, dass die Zahl der Gäste noch weiter beschränkt würde. Dann würden aber laut Reichen viele Betriebe gar nicht mehr öffnen, weil sie mit nur 100 Gästen ihre Fixkosten nicht decken könnten.

Kritisch sieht Reichen auch eine Maskenpflicht im Ausgang. Wenn schon, müsse sie flächendeckend und schweizweit eingeführt werden. Ob die Leute aber dann überhaupt noch in den Ausgang gingen, sei die grosse Frage, die niemand beantworten könne, sagt Reichen. Er findet, dass der Stellenwert des Ausgangs unterschätzt werde. «Es geht nicht nur um Spass, Musik und das Bier an der Bar, sondern um menschliche Nähe und soziale Kontakte.»

Alle Partygäste kontaktiert

Der Kanton werde nun nicht tel quel jeden Club schliessen, wenn in dessen Umfeld ein positiver Fall auftrete, versichert Giebel. Stattdessen werde der Einzelfall analysiert und vor allem das Contact-Tracing ausgewertet. Beim Kapitel habe sich gezeigt, dass sich dort die Fälle häuften.

Besonders brisant am Fall Kapitel ist, dass eine Person, die sich vermutlich am Samstag, 18. Juli im Club angesteckt hat, am Donnerstag erneut im Club gefeiert hat. Sie habe zwar milde Symptome bemerkt und sei deswegen ansteckend gewesen. Doch habe sie erst am Freitag erfahren, dass sie in Quarantäne müsse. Laut Giebel muss sie deshalb mit keinen rechtlichen Konsequenzen rechnen.

Das Contact-Tracing-Team habe sofort gehandelt, als der Fall bekannt wurde, sagt Giebel. Am Donnerstag wurde der positive Fall gemeldet, am Freitag wurde die Quarantäne angeordnet. Bis bei einer Coronavirus-Ansteckung die ersten Symptome bemerkt werden, dauere es im Normalfall fünf bis sieben Tage – schon zwei Tage vorher sei man aber hoch ansteckend. Die Tage dazwischen seien höchst kritisch, denn die Verbreitung finde dann unkontrolliert statt.

Der aktuelle Fall habe aber gezeigt, dass das Contact Tracing funktioniere. Von den gut 300 Personen auf der ersten Liste des Clubs hätten alle kontaktiert werden können, die allermeisten per E-Mail. Wie viele der 140 Personen von der zweiten Nacht erreicht werden, lässt sich noch nicht sagen.

Der Fall soll aufrütteln

Um Zeit zu gewinnen, hätten die Clubbetreiber selber proaktiv möglichst viele Gäste zu erreichen versucht, sagt Dragic-Dubois. Ein DJ hätte zum Beispiel gleich am Samstagabend wieder auflegen sollen. «Das wollten wir verhindern.» Auch sei für die Verantwortlichen nach dem Bekanntwerden der beiden weiteren Ansteckungen schon vor dem Entscheid des Kantons klar gewesen, das Lokal temporär zu schliessen – und zwar nicht nur den Club, sondern auch das Restaurant und die Bar.

Wie sehr sich die Schliessung des Clubs auf die Finanzen auswirken wird, kann Dragic-Dubois noch nicht beziffern. «Es wird uns nicht das Genick brechen, aber wir werden das definitiv spüren.» Wie schnell der Betrieb wieder hochgefahren werden kann, hängt auch von der Zahl der Ansteckungen ab. «Wir hoffen auf ein Minimum.»

Giebel seinerseits hofft, dass der aktuelle Fall aufrüttle und zeige, dass die Sache noch nicht überstanden sei. «Ich appelliere auch an jene Clubbesucher, die nicht unter Quarantäne stehen, sehr vorsichtig zu sein und grosse Menschenansammlungen vorerst zu meiden. Denn es ist möglich, dass es im Kapitel zu Ansteckungen gekommen ist, von denen wir noch nichts wissen.»