Zum Hauptinhalt springen

Blick in die US-GeschichteVerlieren kann man auch mit Würde

Trump will die sich immer stärker abzeichnende Niederlage gegen Biden nicht wahrhaben. Wie sich Unterlegene von Präsidentenwahlen in der Vergangenheit verhalten haben.

Niederlage bei der Präsidentenwahl gegen Barack Obama: John McCain, Präsidentschaftskandidat der Republikaner im Jahr 2008.
Niederlage bei der Präsidentenwahl gegen Barack Obama: John McCain, Präsidentschaftskandidat der Republikaner im Jahr 2008.
Foto: Keystone

Mit abstrusen Betrugsvorwürfen stemmt sich Donald Trump gegen seine drohende Wahlniederlage. Und er deckt mehrere Bundesstaaten mit einer Klagewelle ein. Getreu seiner erratischen Präsidentschaft verstösst Trump ein weiteres Mal gegen eine Tradition der amerikanischen Demokratie. Seit über 120 Jahren folgen unterlegene Präsidentschaftskandidaten dem Ritual der sogenannten «concession». Gemeint ist das obligatorische Eingeständnis der Wahlniederlage und die Gratulation an den Gewinner der Präsidentenwahl.

Dabei richten sich die Worte einer «concession speech» an den künftigen Präsidenten sowie an das amerikanische Volk. In einem Akt der Überparteilichkeit bringt der Verlierer Respekt und Unterstützung für seinen Gegner zum Ausdruck, und er ruft die Amerikaner zur Einheit auf. Das einigende Ritual ist umso bedeutender, je heftiger und erbitterter der Wahlkampf geführt worden war. Nach einer Präsidentenwahl gilt es, den gemeinsamen Geist der amerikanischen Nation zu beschwören.

McCain würdigt historische Wahl Obamas

Die denkwürdigste «concession speech» hielt Senator John McCain im Jahr 2008. Nach der Niederlage gegen Barack Obama würdigte der Republikaner die historische Wahl des ersten Afroamerikaners zum Präsidenten der USA. Bei seinem öffentlichen Auftritt in der Wahlnacht mahnte McCain seine Anhänger zur Ruhe, als diese Obama auszubuhen begannen. McCain sagte zwar, dass er und Obama in vielen Punkten unterschiedlicher Ansicht seien. Gleichzeitig betonte er aber die Gemeinsamkeiten. Sowohl er als auch Obama glaubten daran, dass die USA allen grosse Chancen böten. «Obama hat Grosses erreicht – für sich selbst und für unser Land», sagte McCain, der vor zwei Jahren starb.

Clinton bietet Trump Zusammenarbeit an

Eine versöhnliche Rede hielt auch Hillary Clinton, als sie vor vier Jahren überraschend und knapp gegen Donald Trump verloren hatte. Die unterlegene Präsidentschaftskandidatin der Demokraten rückte die Stärke der USA in den Vordergrund. Es lohne sich, um amerikanische Werte zu kämpfen. «Der amerikanische Traum ist für alle Amerikaner offen», sagte Clinton, die den Schmerz über ihre Niederlage nicht verbergen konnte. Trotzdem sagte sie Sätze wie «Die besten Tage unserer Nation liegen noch vor uns». Und sie bot dem neuen Präsidenten die Zusammenarbeit an.

Gore gratuliert Bush junior im zweiten Anlauf

Ein Spezialfall einer «concession speech» ist das Eingeständnis der Wahlniederlage von Al Gore im Jahr 2000 gegen George W. Bush. Der Demokrat und vormalige Vizepräsident von Bill Clinton hatte in einem Telefonat dem Republikaner zunächst zum Sieg gratuliert, aber kurze Zeit danach seine Gratulation zurückgezogen. Der Grund war der Beginn des wochenlangen Rechtsstreits um den Wahlausgang in Florida. Nach einem Entscheid des Supreme Courts fehlte am Ende nicht viel für eine Präsidentschaft des Demokraten. 537 Stimmen gaben den Ausschlag zugunsten von Bush. «Um der Einheit als Volk und der Stärke unserer Demokratie willen biete ich mein Eingeständnis der Niederlage an», hiess es in der zweiten und definitiven «concession»-Erklärung von Gore an die Adresse von Bush.

Bush senior feuert Clinton an

Der Vater von George W. Bush, George Herbert Walker Bush, war der bislang letzte US-Präsident, der nach einer Amtszeit abgewählt wurde. 1992 unterlag der Republikaner dem Demokraten Bill Clinton. «Das Volk hat gesprochen», liess Bush senior verlauten. «Amerika muss immer an erster Stelle stehen.» Und weiter: «Wir müssen alle hinter dem neuen Präsidenten stehen und ihm alles Gute wünschen.» Berühmt wurde ein Brief, den Bush seinem Nachfolger im Weissen Haus hinterlassen hatte. «Lassen Sie sich nicht von Kritikern entmutigen oder von Ihrem Kurs abbringen. (...) Ich feuere Sie an

Carter sichert Reagan Unterstützung zu

Wie Bush senior war auch Jimmy Carter nur vier Jahre Präsident der USA. Der Demokrat verlor 1980 gegen den Republikaner Ronald Reagan. «Ich wollte als Präsident dienen, weil ich dieses Land und seine Menschen liebe. Diese Liebe wird bleiben, auch wenn ich jetzt enttäuscht bin», sagte Carter in seiner «concession speech». Carter pries das politische System der USA und sicherte seinem Nachfolger die vollste Unterstützung bei der Machtübergabe zu. «Eine Rede mit Anmut und Klasse», schrieb die «Washington Post».

William Jennings machte den Anfang

Paul Corcoran, Politologie-Professor an der australischen Universität Adelaide, ist ein Kenner der Präsidentschaftskampagnen in den USA. Laut Corcoran beinhaltet jede «concession speech» folgende Elemente: Das Eingeständnis der Niederlage respektive die klare Anerkennung des Wahlergebnisses, der Aufruf zur Einheit der Nation, das Lob auf die eigene Demokratie, die Würdigung der Wählenden als wichtige Akteure der Politik sowie das Versprechen, für die eigenen politischen Ideale und Ziele weiterzukämpfen.

Verlierer der Präsidentenwahl 1896: William Jennings, Demokrat und erster Präsidentschaftskandidat, der eine «concession»-Erklärung abgab.
Verlierer der Präsidentenwahl 1896: William Jennings, Demokrat und erster Präsidentschaftskandidat, der eine «concession»-Erklärung abgab.
Foto: Bettmann Archive

Die «concession speech» bei einer Präsidentenwahl ist weder in der Verfassung noch anderweitig rechtlich verankert. Dennoch ist sie seit 1896 Tradition in den USA. Damals gratulierte der Demokrat William Jennings Bryan seinem republikanischen Widersacher William McKinley zwei Tage nach der Wahl per Telegramm. Seitdem haben die Unterlegenen von Präsidentschaftswahlen immer in irgendeiner Form ihre Niederlage eingestanden und dem Gewinner gratuliert, in den vergangenen 120 Jahren insgesamt 32-mal. Von Donald Trump ist das bisher nicht zu erwarten. Der Präsident glaubt immer noch an eine Wiederwahl.

130 Kommentare
    Otto Guldenschuh

    Er wird jetzt noch eine Weile trötzelen, alles mögliche versuchen, leider fehlt ihm dazu auch das Geld und ob seine Sponsoren da nochmals gross Geld in einen lahmen Gaul investieren wollen mit doch sehr kleinen Chancen, das ist fraglich.

    Angesichts der vielen ausstehenden Klagen und potentiellen Strafverfahren wird er wohl am 20.1. 2021 ein Flugzeug nehmen müssen.

    Fragt sich nur noch wohin: Pyöngyang, Moskau, Jerusalem oder Ryad. Allenfalls noch Slowenien, die ihm etwas voreilig schon zum Sieg gratuliert haben. Und ob Melania da auch noch mitspielt, ist eine andere Frage. Vielleicht sehen wir da in der nächsten Zeit auch noch einen erbitterten Rosenkrieg, bekanntlich hat sie auch ihren Ehevertrag noch etwas nachgebessert dafür dass sie von NYC ins Weisse Haus zieht.

    The Art of the Deal!