Republikaner in Schockstarre

Nach dem Bekanntwerden des Geheim-Dossiers sind Trumps Parteifreunde besorgt. John McCain dürfte sich bestätigt fühlen.

Ein scharfer Kritiker von Donald Trump und von Wladimir Putin: John McCain (links, neben ihm Senator Marco Rubio).

Ein scharfer Kritiker von Donald Trump und von Wladimir Putin: John McCain (links, neben ihm Senator Marco Rubio). Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Beziehung zwischen dem designierten Präsidenten Donald Trump und John McCain, dem einflussreichen republikanischen Senator aus Arizona, war nie harmonisch. Im Wahlkampf spottete Trump, der Vietnamveteran McCain sei kein Kriegsheld, weil Kriegshelden nicht «in Gefangenschaft kommen». Sie gingen sich zwar zwischenzeitlich aus dem Weg, in den vergangenen Wochen aber ist McCain, ein Haudegen und kalter Krieger, der die Präsidentschaftswahl 2008 gegen Barack Obama verlor, zu so etwas wie Trumps Gegenspieler in den eigenen Reihen geworden.

« McCain ist kein Kriegsheld». Trump setzt zum Verbalangriff auf den Republikaner und Ex-Präsidentschaftskandidaten McCain an (Archiv).

McCain hat Trump für dessen Balztanz mit Russlands Präsident Wladimir Putin heftig kritisiert. Er sprach sich aufgrund der Hackervorwürfe und der Einmischung Russlands in die amerikanischen Präsidentschaftswahlen für neue Sanktionen aus. McCain gehört zu den zahlreichen Republikanern, die Putin misstrauen. Im Dezember nannte er den russischen Präsidenten sogar einen «Gangster» und «Mörder».

Die Republikaner sind tief gespalten

Jetzt wurde bekannt, dass McCain das Dossier, das Washington seit Dienstag in Aufruhr versetzt, bereits am 9. Dezember - zwecks Prüfung - dem FBI übergeben habe und somit vieles ins Rollen brachte. So melden das CNN und der britische Guardian. Sollten sich die darin erhobenen Vorwürfe erhärten, wird McCain wohl noch lauter als bisher die Gründung eines unabhängigen Ausschusses fordern, der sämtlichen Vorwürfen auf den Grund geht.

Das Dossier soll von einem ehemaligen britischen Geheimdienstmitarbeiter stammen, ist 35 Seiten lang - aber nichts davon ist bewiesen. In dem Text heisst es, Russland habe über längere Zeit «kompromittierendes Material» über Trump gesammelt, um ihn «zu erpressen». Es ist von Geschäftsdeals in Moskau die Rede, von einem Sexvideo und von Treffen zwischen russischen Beamten und Trump-Vertretern. Die Anschuldigungen sind massiv. Das Dokument sei «so explosiv», dass man nicht nur Trump, sondern auch den scheidenden Präsidenten Barack Obama und Mitglieder des Kongresses unterrichtet habe.

Im Unterschied zu McCain sind die meisten Republikaner offenbar in eine Art Schockstarre verfallen und halten sich vorerst mit Reaktionen zurück. Zu frisch sind wohl die Erinnerungen an den Herbst, als ein Video die Runde machte, in dem Donald Trump damit prahlte, Frauen an die Genitalien zu fassen. Es war der Tiefpunkt einer von Beginn an von Misstrauen geprägten Beziehung zwischen dem Immobilienunternehmer und den Spitzenleuten seiner Partei.

Damals, im Herbst 2016, kehrten ihm viele hohe Republikaner den Rücken zu. Nicht nur John McCain. Newt Gingrich, einst Präsidentschaftskandidat, nannte Trump «armselig». Paul Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses, der mit Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung hätte auftreten sollen, distanzierte sich von ihm und bezeichnete seine sexistische Äusserungen als «krank». Später einigten sich die beiden auf eine Art Waffenstillstand: Zwischen der Partei und Trump herrscht seit dem Wahlsieg Pragmatismus. Mehr nicht.

Trumps Beliebtheitswerte rutschen auf 37 Prozent ab

Ob an den neuen Vorwürfen nun etwas dran ist oder nicht: Donald Trump zieht als angeschlagener Präsident ins Weisse Haus, dem tiefstes Misstrauen in einem Teil der Bevölkerung entgegenschlägt. Sein Beliebtheitsgrad rutschte in einer neuen Umfrage auf 37 Prozent ab, das ist kein guter Wert für jemanden, der ein Präsident «für alle Amerikaner» sein will, wie er selbst beteuert.

Die Kritik an seiner Person reisst nicht ab. In Washingtons Innenstadt, in der die Vorbereitungen für Trumps Amtseinführung am 20. Januar laufen, wimmelt es jedenfalls von Eisengittern und Absperrungen, weil Tausende Demonstranten erwartet werden, die sich mit Trumps wolkigen Lösungsvorschlägen und Antworten nicht zufrieden geben wollen.

Befeuert von den neuesten Medienberichten über Trumps angebliche Sex-Eskapaden in Russland, sprechen einzelne Demokraten bereits von einem Impeachment, einem Verfahren zur Amtsenthebung, und wollen Mike Pence, Trumps Vize, im Weissen Haus sehen. Die Forderungen danach aber wiederholen sich, seit Trump im November gewählt wurde. Noch halten sich in den Reihen der Republikaner viele an die Losung, erst mal am Wahrheitsgehalt der Dokumente zu zweifeln.

«Lächerliche» Vorwürfe

Trumps Anwalt Michael Cohen bezeichnete die Vorwürfe erwartungsgemäss als «komplett falsch» und «lächerlich». Trump-Sprecherin Kellyanne Conway sagte in einem Interview mit der NBC-Talkshow «Late Night with Seth Meyers», Trump habe über den Anhang des Geheimdienstberichts nicht Bescheid gewusst.

Die Anhörung von Jeff Sessions wurde von Gegnern des Ku-Klux-Klans unterbrochen.

Trumps designierter Justizminister Jeff Sessions, der am Dienstag vor den Senatsausschuss trat und mit Fragen über seine angebliche Nähe zum Ku-Klux-Klan in den 1980er-Jahren gelöchert wurde, antwortete auf eine Frage zum neuen Dossier, er wisse nichts davon und habe mit Trump darüber nicht gesprochen. «Dem designierten Präsidenten wird vieles nachgesagt, was sich später als Lüge entpuppt.»

Gegenwind aus den eigenen Reihen

Der republikanische Abgeordnete Devin Nunes, der im Geheimdienstausschuss sitzt, sagte: «Die Tatsache, dass Russland Informationen über unsere Präsidentschaftskandidaten sammelt, dürfte nun wirklich niemanden überraschen.» Das hätten die Russen immer schon getan. «Sie suchen nach Dreck, um amerikanische Politiker unter Druck zu setzen.» Die Behauptung, Trumps Team habe Kontakt mit Kremlvertretern aufgenommen, sei aber «schwer zu glauben», sagte Nunes.

Gewichtige Republikaner wie Paul Ryan haben sich dagegen nicht geäussert. Ryan hatte zuletzt die Hackerangriffe Russlands als «grosses Problem» eingestuft, lenkte das Thema aber schnell auf die Gesundheitsreform Obamas, die er ersetzen wolle. Doch auch hier schlägt den Republikanern Wind entgegen, neuerdings auch von ihren eigenen Leuten. Senator Lamar Alexander aus Tennessee nannte Trumps und Ryans Vorgehen «unüberlegt». Er wolle erst eine bessere Lösung sehen, bevor man Bestehendes abreisse. Alexanders Äusserungen haben Gewicht. Die Republikaner verfügen nur über eine knappe Mehrheit im Kongress. Jede Stimme zählt.

«Die nächsten Tage werden wild», schreibt die New York Times. In Washington könne alles passieren, viele Menschen im Land versetze das «in Sorge».

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 12.01.2017, 14:28 Uhr

Artikel zum Thema

«Arglistige Täuschung» – Trumps angebliche Trennung vom Imperium

Was Rechtsexperten zur Ankündigung des President-elect sagen, die Geschäfte seinen Söhnen zu überschreiben. Mehr...

Ein schlechter Tag für die Demokratie

Kommentar Der gewählte US-Präsident Donald Trump ist bereits angeschlagen. Das ist nicht gut für den Rest der Welt. Mehr...

«Fake-News» und Müll

Analyse Donald Trump musste an seiner ersten Pressekonferenz zu brisanten Vorwürfen Stellung nehmen. Wer setzte die Anschuldigungen in die Welt? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reich beschmückt: Eine Tänzerin in Mumbai wartet hinter den Kulissen auf ihren Auftritt. Zusammen mit anderen Transfrauen sammelt sie Geld für ihre Gemeinschaft. (20. September 2018)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...