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Ursprung des CoronavirusUS-Geheimdienste glauben an einen Laborunfall in Wuhan

Die amerikanische Regierung will untersuchen, ob es nicht doch in einem Labor zu einer versehentlichen Infektion kam.

Der Ursprung des Coronavirus liegt in Wuhan: Ein Chinese mit einer Schutzmaske in der chinesischen Millionenstadt.
Der Ursprung des Coronavirus liegt in Wuhan: Ein Chinese mit einer Schutzmaske in der chinesischen Millionenstadt.
Foto: Getty

In der US-Regierung wachsen offenbar die Zweifel an der offiziellen chinesischen Darstellung zum Ausbruch der Corona-Pandemie. Mehrere amerikanische Medien berichteten in den vergangenen Tagen, dass die US-Geheimdienste inzwischen der Erklärung zuneigen, dass das Coronavirus in einem Forschungslabor im chinesischen Wuhan auf den Menschen übergesprungen ist und dann verbreitet wurde.

Wie ernst die Labor-Version in Washington genommen wird, ist nicht vollkommen klar. Der Sender CNN berichtete, die US-Dienste «prüften» diese Darstellung. Der Sender Fox News meldete am Mittwoch dagegen unter Berufung auf anonyme «Quellen», dass die Geheimdienste mit «wachsender Sicherheit» zu der Einschätzung kämen, dass das Virus in dem Labor einen Mitarbeiter infiziert habe – den sogenannten Patienten null. Dieser habe es in die nahe gelegene Markthalle und damit in die Bevölkerung von Wuhan getragen. In dem Labor wurde demnach an Coronaviren in Fledermäusen geforscht. Das Virus wäre nach dieser Version kein künstliches, im Labor erzeugtes Virus, sondern ein natürlicher Krankheitserreger, der im Labor versehentlich auf den Menschen übergesprungen ist – vermutlich wegen schlechter Sicherheitsvorkehrungen.

Berner Expertin zweifelt – und fordert Untersuchung

Die chinesische Regierung weist diese Erklärung vehement zurück. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat festgestellt, dass das Virus ihrer Ansicht nach natürlich entstanden und nicht in einem Labor hergestellt worden ist. Die Berner Biosicherheitsexpertin Kathrin Summermatter hält es auf Anfrage hin für sehr unwahrscheinlich, dass das aktuelle Virus Sars-CoV-2 einem Biosicherheitslabor entwichen ist. Bei den kleinen Mengen, mit denen gearbeitet werde, gehe das nur, wenn jemand direkt angesteckt werde, sagt sie. Wenn der Erreger hingegen durch ein Leck oder eine Verunreinigung in die Umgebung gelangen würde, wäre das zu wenig, um eine Pandemie auszulösen. Auch dass sich ein Mitarbeiter unbemerkt ansteckt und das Virus zu Hause weiterverbreitet habe, sei kaum möglich. Dennoch räumt Summermatter ein: «Zu 100 Prozent ausschliessen kann man das nie.» Sie fordert deshalb eine unabhängige Überprüfung, zum Beispiel unter der Aufsicht der WHO.

Die US-Regierung will sich derzeit öffentlich nicht festlegen. Präsident Donald Trump wurde am Mittwoch bei einer Pressekonferenz nach dem Labor gefragt. «Wir hören diese Geschichte mehr und mehr», antwortete er vage. «Wir nehmen gerade eine sehr sorgfältige Untersuchung dieser schrecklichen Lage vor.» US-Aussenminister Mike Pompeo wurde später deutlicher: «Die chinesische Regierung muss die Karten wirklich auf den Tisch legen» und erklären, «wie genau das Virus sich verbreitet hat», sagte er in einem Interview. «Die chinesische Regierung muss beichten.»

US-Diplomaten warnten vor laxen Sicherheitsvorkehrungen

Mit Berichten von Fox News muss man wohl vorsichtig sein – der Fernsehsender ist konservativ, chinakritisch und Trump gegenüber sehr freundlich. Allerdings arbeitet die Nachrichtenabteilung, von welcher der Bericht über das Labor stammt, deutlich professioneller als die rechten Kommentatoren, die das Fox-News-Abendprogramm mit ihren Shows bestimmen, in denen dem Präsidenten gehuldigt wird. Zudem hat auch ein in der Washingtoner Geheimdienstszene bestens verknüpfter Kolumnist der «Washington Post», David Ignatius, in den vergangenen Tagen von Zweifeln an der offiziellen chinesischen Darstellung berichtet. In einem weiteren Artikel in dem Blatt zitiert der Kolumnist Josh Rogin aus einem Bericht von US-Diplomaten, die Anfang 2018 das Forschungslabor in Wuhan besichtigt haben, an das Aussenministerium in Washington. Sie warnten darin vor laxen Sicherheitsvorkehrungen und schlecht ausgebildetem Personal in dem Labor. Zugleich bezeichneten sie die Forschungsarbeiten dort als wichtig, aber auch gefährlich und forderten mehr Unterstützung durch US-Einrichtungen für das Labor.

Die Rede ist von dem Institut für Virologie in Wuhan, das 2015 als erstes Labor in China die höchste biologische Schutzstufe vier erhielt. Es wurde von der Regierung in Peking nach der Sars-Epidemie im Jahr 2003 ausgebaut, um Coronaviren und ihre Wirtstiere zu erforschen, darunter Fledermäuse. Wissenschaftler aus dem Labor haben dazu umfangreiche Arbeiten in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht. Kontroversen lösten Forschungen aus, bei denen natürlich vorkommende Coronaviren im Labor modifiziert wurden. Manche Wissenschaftler kritisierten dieses Vorgehen als zu riskant.

Antichinesische Stimmung wird angefacht

Auch wenn harte Belege für die Darstellung fehlen, das Virus sei zuerst in einem Labor in Wuhan übertragen worden, dürften die Berichte darüber die antichinesische Stimmung in Washington anfachen. In konservativen Kreisen wächst seit Wochen die Wut darüber, dass Peking das Ausmass der Corona-Epidemie und die Gefährlichkeit des Virus zunächst vertuscht hat. Republikanische Politiker fordern, China dafür zu bestrafen.