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MamablogUnd wo bitte bleibt der Vater?

Wenn Mütter an einer Depression erkranken, gerät die «Familienmaschine» ins Stocken. Dass die Väter einspringen könnten, bleibt oft ein Wunschdenken, wie dieses Beispiel zeigt.

Zusätzlicher Druck: Wenn Mütter in der Klinik behandelt werden müssen, werden die Kinder häufig von Fremden betreut.
Zusätzlicher Druck: Wenn Mütter in der Klinik behandelt werden müssen, werden die Kinder häufig von Fremden betreut.
Foto: Getty Images

«Dieser Vater macht es sich ein bisschen gar leicht». Oder: «Der Vater ist vermutlich Teil des Problems». Oder auch: «Und wo bitte war der Vater, während die Mutter in der Klinik war?»

So und ähnlich waren viele Reaktionen auf meinen letzten Blogbeitrag. Darin beklagte ich, dass es in der Schweiz viel zu wenig Mutter-Kind-Plätze in psychiatrischen Kliniken gebe und es an einer flächendeckenden Prävention oder Frühintervention fehle, was überlastete Mütter betrifft.

Wenn eine Mutter nicht mehr kann – und zwar so sehr nicht mehr kann, dass ein Klinikaufenthalt der einzig gangbare Weg ist, trotz kleiner Kinder zu Hause – dann, ja, dann wäre es natürlich schön, wenn da ein Vater wäre.

Die Fragen vieler Leserinnen und Leser nach dem Mann waren also verständlich – und mehr als berechtigt. In meinen Augen sind sie sogar hochaktuell. Die Antwort ist ungefähr so komplex wie die ganze Situation, in der wir damals steckten, als wir wegen meiner Depression unsere Kinder tagsüber einer wildfremden Person überlassen mussten.

Von wegen Schönwetterpapa …

Wo er war, der Vater? Er hat weiterhin gearbeitet: 100 Prozent. Mehr als 100 Prozent! So wie die Monate zuvor auch. Dies war nebst vielen anderen Aspekten einer der Gründe, warum ich überhaupt zusammengeklappt bin.

Bevor Sie nun aufschreien – «Was für ein Schönwetterpapa!», «Stellt die Arbeit über die Familie», «Hat nur Karriere im Kopf» –, kann ich Ihnen versichern: All das trifft definitiv nicht auf meinen Mann zu. Bis nach der Geburt unseres Sohnes war er Langstreckenpilot bei Lufthansa. Wenn er nach 35 Stunden ohne Schlaf, nach einem Nachtflug und einer Autofahrt quer durch die Schweiz erschöpft nach Hause kam, hat er häufig noch den Haushalt geschmissen. Bis ich nach meiner Krise selber aufgehört habe zu arbeiten, stand er in der Küche und kochte vor. Als man mir eine Kaderstelle anbot, bei der ich auf einen Schlag 100 statt 60 Prozent hätte arbeiten müssen, war für meinen Mann klar: Er bleibt zu Hause und ich setze auf die Karriere. Ich war diejenige, die sich nach langem Überlegen dagegen entschieden hat. So gerne ich berufstätig bin, so wenig kann ich mir vorstellen, fünf Tage pro Woche von meinen Kindern getrennt zu sein.

Klar ist, mein Mann zieht sich weder aus der Verantwortung, noch aus der Affäre. Als ich wegen meiner Erschöpfungsdepression von einem Tag auf den anderen aus dem Verkehr gezogen wurde und in eine Klinik musste, wäre er noch so gerne bei unseren Kindern geblieben.

Doch in einer Gesellschaft, in der wir schon um zwei Wochen Vaterschaftsurlaub kämpfen müssen, ist es absolutes Wunschdenken, dass ein Vater der Arbeit fernbleiben kann, wenn die Mutter ausfällt. Er darf ja bis heute per Gesetz sogar beim Start ins Familienleben nur einen einzigen Tag zu Hause bleiben. Und das, obwohl die ersten Wochen nach der Geburt für eine Frau oft einer ernstzunehmenden Krise gleichen, egal wie wunderschön und bereichernd das Mamisein auch ist.

Das letzte Quäntchen Sicherheit

Ob ein Vater zu Hause bleiben kann und darf, wenn die Mutter wegen Überlastung in der Klinik landet, hängt definitiv und in unserem Fall allein vom Goodwill des Arbeitgebers ab. Den kann man ja wechseln, werden einige sagen, und das mag stimmen. Mein Mann hatte das zu diesem Zeitpunkt bereits getan. Seine Leidenschaft, das Fliegen, hatte er an den Nagel gehängt. Für die Familie.

Denn ja, der Vater war Teil des Problems. Ich lebe schliesslich nicht in einem Vakuum. Eine Familie ist ein eng verflochtenes kleines System. Wenn ein Rädchen hakt, funktioniert oft die ganze Maschine nicht mehr richtig. Und jedes einzelne dieser Rädchen ist wiederum in ein noch grösseres System eingebunden: Schule, Arbeitswelt, Gesellschaft.

Weil unsere «Familienmaschine» schon lange vor meiner Depression arg ins Stottern geraten war, total am Limit lief, hat mein Mann den Job gewechselt und eine Arbeitsstelle in unserer Nähe gesucht. Als Pilot einen «geregelten» Job zu finden, sollten wir bald feststellen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Kaum ein Arbeitgeber scheint das Risiko eingehen zu wollen, einen Quereinsteiger einarbeiten zu müssen.

Schlussendlich, nach langer Suche, klappte es doch noch. Als ich dann zusammenklappte, total überlastet, das jüngste Kind gerade abgestillt, lag der Gedanke, den neuen Job gleich wieder aufzugeben, in weiter Ferne. In einer Situation, in der einem der Boden unter den Füssen weggezogen wird und man nicht weiss, ob die Mutter je wieder zurück zur Arbeit kann, wird kaum ein Vater seinen Job quittieren und auf das letzte Quäntchen Sicherheit verzichten. Er wird seinen schlafenden Kindern frühmorgens einen Kuss geben und sie einer fremden Frau überlassen, die für die nächsten zwei Monate als «Ersatzmutter» einspringen muss. Er wird Gewissensbisse haben und leiden. So wie es seine Frau in der Klinik tut, nur dass die in den Händen von Fachpersonen gut aufgehoben ist.

Vaterschaftsurlaub wäre zumindest ein Anfang

Prävention und Frühintervention, Entlastungsangebote und Kuren für überlastete Mamis würden nicht nur den Müttern helfen, sondern auch den Vätern. Und allen voran den Kindern.

Als ich meine Tochter lange nach meiner Krise einmal fragte, was ihr am meisten geholfen hätte, als ich in der Klinik war, meinte sie ohne eine Sekunde nachzudenken: «Wenn Papi zu Hause gewesen wäre.»

Natürlich ist der Vorschlag, dass man Väter, deren Frauen wegen schwerer Krankheit (auch psychischer Art) ebenfalls krankschreiben oder sie beurlauben müsste, mehr als gewagt. Und wie sollte man das auch finanzieren?! Wenn die Lösung aber ist, dass immer mehr Mütter sich mit Beruhigungstabletten mehr schlecht als recht durch ihre Krisen kämpfen und Kinder tatsächlich ins Heim kommen, falls die Mutter doch in die Klinik muss, dann kommt das unsere Gesellschaft schlussendlich viel teurer zu stehen, als wenn man die Väter einige Wochen beurlauben würde. Das Problem wird nämlich lediglich aufgeschoben oder viel eher noch vergrössert. Die psychischen Probleme, mit denen später sowohl die betroffenen Väter als auch die Kinder zu kämpfen haben, kosten bestimmt mehr als jede Präventionsmassnahme.

Natürlich wird es nie soweit kommen, dass Männer von überlasteten Müttern beurlaubt werden. Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub wären aber schon mal ein Anfang.

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