Zum Hauptinhalt springen

Politik im NationalsportUnd die Trumps schäumen vor Wut

Black Lives Matter erobert das Spielfeld: Zum Saisonstart im American Football erlaubt die Liga Massenproteste. Sie fördert sie sogar. Sehr zum Missfallen der Regierung.

Knien, stehen, Hand ans Herz: In der NFL kommt jetzt die Zeit der grossen Gesten. Hier zum Beispiel die San Francisco 49ers.
Knien, stehen, Hand ans Herz: In der NFL kommt jetzt die Zeit der grossen Gesten. Hier zum Beispiel die San Francisco 49ers.
Foto: Matt York (Keystone)

Nun ist nicht einmal mehr Texas sicher. Bis dorthin ist die Welle des Protests inzwischen gerollt, mitten ins Heartland von Amerika. In dieser meist ländlichen Gegend des Landes ist Weiss die vorherrschende Farbe und Konservativ die Einstellung. Der Sonntag gehört Gott – und Football.

Jerry Jones stammt von hier. In Arkansas wuchs er auf, in Oklahoma baute er ein Ölimperium auf, mit dem er steinreich wurde, und seit 1989 besitzt er die Dallas Cowboys. Sie sind als America’s Team bekannt, entweder verhasst oder geliebt, aber niemandem im Land egal, und so ergeht es einem auch mit Jones. Und jetzt hat ausgerechnet dieser Mann seinen Spielern grünes Licht gegeben, zum Saisonstart der National Football League (NFL) an diesem Wochenende zu protestieren, wenn ihnen danach ist. «Mir ist bewusst, in welcher Zeit wir leben, und wir werden unsere Spieler unterstützen», erklärte er.

Mächtig und bislang eher selten auf der Seite der schwarzen Spieler: Cowboys-Eigentümer Jerry Jones (links) und NFL-Chef Roger Goodell.
Mächtig und bislang eher selten auf der Seite der schwarzen Spieler: Cowboys-Eigentümer Jerry Jones (links) und NFL-Chef Roger Goodell.
Foto: Greg Nelson (Getty Images)

Seine Carte blanche steht im Einklang mit den Richtlinien der Profiliga, die genau dies neuerdings ausdrücklich erlaubt. Oder sogar fördert: Proteste in allen Facetten. Die Spieler dürften politische Botschaften am Helm anbringen, und es steht ihnen frei, zur Nationalhymne zu knien oder die Faust zu recken – als Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt im Land und als Unterstützung der Black-Lives-Matter-Bewegung. Sie könnten sogar als Massenprotest einzelne Spiele bestreiken, wie das in den vergangenen Wochen in allen grossen nordamerikanischen Sportligen passiert ist. Bestraft werden dürfen sie dafür nicht.

Aber das solle ja nicht heissen, dass das mitten in den Stammlanden genauso stramm umgesetzt wird. Findet jedenfalls Eric Trump. Er griff an diesem Tag deshalb wütend zum Handy und wimmerte auf der bevorzugten Familien-Plattform Twitter: «Football ist offiziell tot. Von wegen Amerikas Sport. Tschüss NFL, ich bin raus.»

Nun ist der mittlere Sohn von US-Präsident Donald Trump nicht zwingend der Massstab: Seit seiner erstmaligen Anmeldung im Netzwerk im Mai 2009 hat Eric Trump bis vergangenen Freitag genau je zweimal über Football oder die NFL getwittert. Der bevorzugte Sport des 36-Jährigen ist die Grosswildjagd.

Aber es gibt eben auch das andere Amerika. Das nicht protestieren will. Das noch nicht einmal Verständnis hat für Protest. Dem die Bedürfnisse der schwarzen Bevölkerung nicht so wichtig sind. Da trifft Trumps Botschaft einen Nerv. Und natürlich ist seine Aussage Wahlkampf, um etwas anderes geht es der Präsidentenfamilie stets nur vordergründig: In diesem Teil von Amerika hat es der Footballfan nicht gern, wenn sein Sport verpolitisiert wird. Besser gesagt: Er mag das besonders dann nicht, wenn der Gegenwind von links kommt. An überdimensionierten Landesflaggen, militärischen Elementen wie der publikumswirksamen Rückkehr von Soldaten aus Kriegsgebieten oder Kampfjets über dem Stadion hat er weniger auszusetzen.

Aus der Vergangenheit gelernt

Mit der neuen Saison, die in der Nacht auf Freitag mit dem Spiel von Titelverteidiger Kansas City gegen Houston beginnt, hält jedoch ein anderer Ton Einzug. Die Teams liessen Botschaften in die Matchtrikots sticken und die Endzones in den Stadien bemalen – mit Schriftzügen wie «End Racism» («Beendet Rassismus») oder «It Takes All of Us» («Es braucht uns alle»). Vieles davon ist noch geheim und wird erst zu Spielbeginn enthüllt. Klar ist aber: Was in der beliebtesten und finanzstärksten Profiliga passiert, hat das Land noch nicht erlebt. «Wir stellen uns voll hinter unsere Spieler und werden jeden Gegenprotest aushalten», verspricht NFL-Chef Roger Goodell. 70 Prozent der Spieler haben schwarze Hautfarbe.

Damit beweist der gut bezahlte Funktionär, dass er aus seinen Fehlern gelernt hat. Nachdem vor vier Jahren der damalige Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kaepernick, begonnen hatte, zur Nationalhymne zu knien, fand sein Protest weder Gehör noch Verständnis. Er wurde vom Publikum angefeindet und von Donald Trump beleidigt, ohne dass Goodell eingeschritten wäre. Sein Protest, so das Narrativ auf rechter Seite, richte sich generell gegen Flagge, Polizei oder Militär und sei deshalb zweierlei: unpatriotisch und daneben.

Vorreiterrolle: Colin Kaepernick (Mitte, Nummer 7) protestiert an der Seite  seiner 49ers-Teamkollegen Eric Reid (rechts) und Eli Harold.
Vorreiterrolle: Colin Kaepernick (Mitte, Nummer 7) protestiert an der Seite seiner 49ers-Teamkollegen Eric Reid (rechts) und Eli Harold.
Foto: Michael Zagaris (Getty Images)

Kaepernick fand nach seinem Abgang in San Francisco keinen neuen Verein, und dass sich die 32 Teams dabei absprachen, gilt heute als erwiesen: 2019 einigte sich die Liga mit dem Spielmacher aussergerichtlich und zahlte ihm eine (öffentlich nie bezifferte) Entschädigung. Und doch brauchte es die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten im vergangenen Mai, damit Goodell endlich so weit war, sich der Vergangenheit zu stellen: «Ich bedaure, nicht zugehört zu haben. Es ging bei den Protesten nie um die Flagge. Diese Spieler nehmen ihr gutes Recht wahr, auf etwas hinzuweisen, das repariert werden muss.»

Die Proteste gegen Rassismus und für Menschlichkeit sind in den letzten Wochen tief im Sport angekommen. Nach dem Tod von George Floyd waren viele Profis mit auf die Strasse gegangen und hatten ihre Unterstützung für Black Lives Matter auch für die Saison angekündigt. Nachdem der weisse Quarterback Drew Brees von den New Orleans Saints die Proteste von Spielern noch unverbesserlich als Akt gegen die Flagge abgetan hatte, straften ihn selbst Teamkollegen öffentlich dafür ab. Gelobt wurde er nur von Donald Trump und seiner Gefolgschaft. Worauf Brees in einer seltenen Deutlichkeit in den sozialen Medien gegen den Präsidenten aufbegehrte. Er habe nun endlich verstanden, worum es beim Protest gehe: «Um soziale Ungerechtigkeiten. Um Polizeigewalt. Um längst notwendige Reformen. Es tut mir leid.»

Der Prüfung, wie ernst er es meint, steht ihm jetzt bevor: Wenn an diesem Wochenende erstmals wieder die Hymne gespielt und die Flagge entrollt wird. Beide Amerikas werden noch genauer hinsehen.