Unbeliebter Kunstschnee

Bergbahnen investieren Millionen in Beschneiungsanlagen. Nun relativiert eine gross angelegte Umfrage aus Österreich den Nutzen von flächendeckendem Kunstschnee.

Die Kanonen stehen bereit: Die Hälfte aller Schweizer Skipisten kann heute bei Bedarf künstlich beschneit werden.

Die Kanonen stehen bereit: Die Hälfte aller Schweizer Skipisten kann heute bei Bedarf künstlich beschneit werden.

(Bild: Keystone)

Mischa Stünzi

In den Bergen ist der erste Schnee gefallen. Für viele Bergbahnen beginnt schon bald die wichtigste Saison des Jahres – und damit das Hoffen auf viel Sonnenschein und noch mehr Schnee. In den letzten Jahren hat sich Frau Holle allerdings nicht gerade als grosse Unterstützung erwiesen. Meteo Schweiz schreibt über den vergangenen Winter: Im Wallis liege eine vergleichbare Wintertrockenheit 40 Jahre zurück. Die Westschweiz habe regional sogar den niederschlagsärmsten Winter seit rund 50 Jahren erlebt. Dabei war das gar kein krasser Ausreisser. «Ähnlich niederschlagsarme oder niederschlagsärmere Winter traten in den letzten Jahren jedoch hin und wieder auf», hält Meteo Schweiz fest.

Immer mehr Skigebiete setzen deshalb auf Kunstschnee – oder technischen Schnee, wie man ihn in der Branche nennt. Vor 20 Jahren gab es erst auf rund 5 Prozent aller Schweizer Pisten Schneekanonen oder -lanzen. Heute kann die Hälfte aller Pisten technisch beschneit werden. Besonders in den Nullerjahren ist der Anteil beschneiter Pisten rasant gewachsen. Konkurrenten wie Deutschland oder Frankreich hat die Schweiz in Sachen Beschneiungsanlagen klar hinter sich gelassen. Deutlich mehr Schneekanonen gibt es dagegen in Österreich und im Südtirol.

Ausgerechnet aus Österreich kommt nun eine Umfrage, die den Nutzen von Beschneiungsanlagen relativiert. Befragt wurden über 3600 Ski- und Snowboardfahrer in 53 österreichischen Skigebieten. Das gross angelegte Forschungsprojekt des Instituts für Geografie der Universität Innsbruck wird zwar erst diesen Monat abgeschlossen. Dem «Bund» liegt aber bereits eine Auswertung der Umfrage vor.

Mehr bezahlen für Naturschnee

In der Befragung gaben gut 20 Prozent der Wintersportler an, sie würden «sicher nicht» zum Skilaufen in die Berge fahren, wenn die Pisten künstlich beschneit sind und kaum Naturschnee liegt. Ein noch stärkeres Ausschlusskriterium ist laut der Umfrage nur, wenn lediglich die Hälfte aller Pisten geöffnet ist. Deutlich weniger negativ beurteilen es die Wintersportler dagegen, wenn ein Viertel der Pisten geschlossen sind oder die Talabfahrt nicht befahrbar ist.

Wie gross die Aversionen gegenüber flächendeckendem Kunstschnee sind, zeigt ein Entscheidungsexperiment, das die Forscher mit den befragten Personen durchgeführt haben. Die Wintersportler mussten sich entscheiden zwischen Skigebiet A und B. Dass die Mehrheit das Gebiet mit Naturschnee jenem mit ausschliesslich Kunstschnee vorzieht, ist zwar wenig überraschend. Die Mehrheit würde aber auch dann noch in das Gebiet mit Naturschnee fahren, wenn dieses weiter weg ist.

Auch sind die Wintersportler mehrheitlich bereit, dafür einen höheren Preis zu bezahlen. Erst bei «deutlich höheren» Preisen sei eine Änderung der Präferenz hin zum günstigeren, näher gelegenen Skigebiet mit Kunstschnee zu erkennen, steht in der Auswertung. Als Grenze nennen die Autoren 50 Euro für eine Tageskarte gegenüber 35 Euro im Gebiet mit Kunstschnee.

Weiterhin investieren

Stefan Reichmuth, Marketingchef bei den Bergbahnen Arosa, zweifelt daran, dass die Mehrheit der Skifahrer den Unterschied zwischen Natur- und Kunstschnee beim Fahren überhaupt spürt. Gleichzeitig betont er aber auch, wie wichtig Naturschnee für die winterliche Stimmung sei. Dafür reichten aber ein paar Zentimeter. Für den Skibetrieb brauche es dagegen zwischen einem halben und einem Meter Schnee auf der Piste. «Ohne technischen Schnee ist es schwierig, überhaupt den Betrieb aufzunehmen», sagt Reichmuth. Unter anderem in Zermatt, das beinahe 100 Prozent der Pisten beschneien kann, betont man zudem, wie wichtig Kunstschnee sei, um die Qualität der Pisten während der ganzen Saison zu gewährleisten.

Am Stellenwert der Schneekanone ändern die Studienergebnisse aus Österreich für die angefragten Bergbahnen nichts. Die Umfrage zeige ja auch, dass es 80 Prozent der Skifahrer egal sei, ob Kunst- oder Naturschnee liege, hält Valérie Perren, Mediensprecherin der Bergbahnen Zermatt, fest. Und Christoph Schläppi, Geschäftsleitungsmitglied der Jungfraubahnen, verweist auf die guten Wintersaisons, die das italienische Gebiet Dolomiti Superski trotz Schneearmut und «weissen Bändern» gehabt hat.

Der Verband Seilbahnen Schweiz geht davon aus, dass Baukosten von rund 1 Million Franken anfallen, um einen Pistenkilometer beschneien zu können. Der Aufbau der aktuellen Beschneiungskapazität hat somit rund 3,5 Milliarden Franken beansprucht. Und die Skigebiete rüsten weiter auf.

Investitionen in solche Anlagen würden in den nächsten Jahren kaum zurückgehen, ist Reichmuth von den Bergbahnen Arosa überzeugt. Investiert werde aber nicht nur in neue Kapazitäten. Viele Anlagen seien in die Jahre gekommen, sagt Reichmuth. Er rechnet damit, dass sich Ersatz- und Neuinvestitionen in etwa die Waage halten werden. An der Lenk informieren die Bergbahnen nächste Woche über eine geplante grössere Erweiterung der Beschneinungsanlage am Betelberg.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt