Umworbene Lehstellensuchende

Weil es weniger Jugendliche gibt und diese häufiger ins Gymnasium gehen, können rund 10'000 Lehrstellen nicht besetzt werden. Deshalb locken die Firmen mit kleinen Extras.

Die Lehre gehört zum Fundament der Schweizer Wirtschaft – doch für viele Jugendliche ist sie nicht die einzige Option.

Die Lehre gehört zum Fundament der Schweizer Wirtschaft – doch für viele Jugendliche ist sie nicht die einzige Option.

(Bild: R. Oeschger)

Adrian Sulc@adriansulc

Die Schweiz ist in vieler Hinsicht ein Glückskind. Ganz besonders glücklich kann sich das Land schätzen, wenn es um die Jugendarbeitslosigkeit geht. Sie betrug im Januar 3,6 Prozent, wie am Donnerstag bekannt gegeben wurde. Damit liegt der Wert gar noch leicht unter der totalen Arbeitslosenquote von 3,7 Prozent. Knapp 20'000 Menschen zwischen 14 und 24 Jahren sind hierzulande auf Stellensuche, das sind immerhin 1400 weniger als noch vor einem Jahr. Und nur ein kleiner Teil von ihnen ist seit länger als einem halben Jahr arbeitslos.

Es ist einer der tiefsten Werte weltweit – weit weg von den zweistelligen Quoten in Südeuropa. Dazu trägt das Schweizer System der Berufslehre bei, das äusserst praxisnah ausbildet. Doch die Zeit, als Lehrstellen Mangelware waren, ist vorbei. Statt vom Lehrstellenmangel ist heute vom Lehrlingsmangel die Rede. Rund 10'000 Ausbildungsplätze blieben letztes Jahr unbesetzt, wie das Lehrstellenbarometer des Bundes zeigt. Nur noch 90 Prozent aller Lehrstellen werden vergeben. Das ist der tiefste Stand seit Jahren. 2009 wurden immerhin noch 94 Prozent vergeben.

Das hat zwei Hauptgründe: die Demografie und der Trend hin zum Gymnasium. Sprich: Von den immer weniger werdenden Jugendlichen machen immer weniger eine Lehre. 2014 ist der Wert erstmals unter 70 Prozent gefallen. Das sehr zum Missfallen der Unternehmen. So schreibt auf Anfrage etwa die Swatch-Gruppe: «Für viele Eltern ist heute immer noch ein Studium das Ziel, und die Jugendlichen werden mit grossem Aufwand in diese Richtung gedrängt.» Dies habe zur Folge, «dass viele starke Schülerinnen und Schüler, die die Anforderungen für eine anspruchsvolle Lehrstelle erfüllen würden, am Gymnasium landen».

Populäre Post, SBB und Swisscom

Wegen dieser Entwicklung verschärft sich der Kampf um die besten Lehrlinge unter den Unternehmen. Das einst propagierte «Gentlemen’s Agreement», keine Lehrstellen vor dem 1. November des Vorjahres zu vergeben, ist heute kein Thema mehr. Immerhin halten sich zumindest die vom «Bund» angefragten grossen Arbeitgeber an die Leitlinie, keine Lehrstellen vor dem 1. August des Vorjahres zu vergeben. Die Jagd nach den Jugendlichen beginnt also maximal 12 Monate vor Lehrbeginn.

Bisher haben Post, Swisscom, SBB und weitere Verkehrsbetriebe jeweils rund 70 Prozent ihrer Lehrstellen für dieses Jahr vergeben. Bei der Ruag sind es gar schon 75 Prozent, bei der Swatch-Gruppe in der Deutschschweiz 50 Prozent und in der Romandie noch deutlich weniger, weil die Lehrstellensuche dort allgemein später startet. Die beiden grössten Lehrbetriebe im Land – Migros und Coop – konnten bisher 50 bzw. 30 Prozent ihrer Lehrstellen besetzen.

Höhere Löhne? Nein, aber . . .

Auf der Website Berufsberatung.ch, dem Portal der Kantone, sind derzeit über 29'000 Lehrstellen ausgeschrieben. Wie können sich die Unternehmen hier von der Konkurrenz abheben? Höhere Löhne seien kein Thema, sagen alle angefragten Unternehmen. Man halte sich an die Richtlöhne der jeweiligen Branche. Die meisten der Unternehmen nennen ihren guten Ruf als wichtiges «Verkaufsargument». Die Post zählt aber auch «fortschrittliche Zusatzleistungen» auf wie die Abgabe eines Generalabonnements, sieben Wochen Ferien, 13. Monatslohn, Leistungsprämien und Nichtraucherbonus.

Und die Swatch-Gruppe teilt mit, sie beteilige sich neu an Schulmaterial, Sprachausbildungen und Reisekosten und vermittle während der Lehre Auslandaufenthalte. Dass der Bieler Uhrenkonzern ein so verlockendes Paket anbietet, ist kaum ein Zufall. Denn wer Lehrlinge in technischen Berufen sucht, hat es schwer. Laut Ivo Zimmermann, Sprecher des Industrieverbands Swissmem, sind qualifizierte Bewerber für die «sehr anspruchsvollen», vierjährigen Lehren in der Industrie Mangelware.

Besonders schwierig sei es für die Unternehmen, Polymechaniker sowie Anlagen- und Apparatebauer zu finden. «Diese benötigen einen gewissen schulischen Rucksack in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern», sagt Zimmermann. Swissmem habe festgestellt, dass es zu spät sei, erst in der Oberstufe das Interesse für Technik zu wecken. Deshalb unterstützt der Verband nun Bemühungen, die Faszination dafür bereits bei Primarschülerinnen und -schülern zu fördern.

Weniger in der Warteschlaufe

Im kaufmännischen Bereich ist das Interesse nach wie vor gross: In keinem Bereich bleiben weniger Lehrstellen unbesetzt. «Der Detailhandel und das Gewerbe kämpfen hingegen bis zum Schluss», sagt Urs Casty, Gründer des Lehrstellenportals Yousty.ch. Laut Casty bleiben die potenziellen Lehrlinge auch künftig umworben: «Ich sehe keinen Grund, weshalb sich die Situation für die Unternehmen entspannen sollte.»

Das macht die Lehrstellensuche für die Jugendlichen angenehmer, wie das Lehrstellenbarometer des Bundes zeigt. So müssen deutlich weniger Jugendliche ein Zwischenjahr einschalten, bis sie die angestrebte Lehrstelle finden. Und: Die Zahl der verschickten Bewerbungen ist in den letzten Jahren gesunken. Zuletzt mussten die Jugendlichen im Schnitt noch zwölf Bewerbungen schreiben. Bei einem knappen Drittel reichte gar eine einzige Bewerbung aus.

Der Bund

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