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Prozess um Migros-MitarbeiterÜberwacht, entlassen, freigesprochen

Ein langjähriger Mitarbeiter des Migros-Take-aways am Bahnhof Bern soll 25 Franken gestohlen haben und wird deshalb fristlos entlassen. Das Berner Obergericht urteilt nun: Der Diebstahl lässt sich nicht nachweisen.

Oft Hochbetrieb: Der Migros-Take-Away am Bahnhof Bern.
Oft Hochbetrieb: Der Migros-Take-Away am Bahnhof Bern.
Bild: Franziska Rothenbühler

Dass die Migros ihre Kunden gerade an der Selbstbedienungskasse per Kamera mit Argusaugen überwacht, hat in der Vergangenheit mehrfach für Schlagzeilen gesorgt (lesen Sie an dieser Stelle: «Die Migros überwacht Kunden – wie, will sie nicht verraten» / «Die Migros schaut beim Stehlen zu»). Die Videoüberwachung der Migros kann aber auch Mitarbeiter betreffen, wie ein Urteil des bernischen Obergerichtes vom Juni zeigt.

Schauplatz ist die Take-away-Filiale der Migros in der Halle des Bahnhofs Bern. Oft herrscht dort Hochbetrieb: Unzählige Male nehmen die Verkäuferinnen und Verkäufer während ihrer Schichten Bargeld entgegen, sortieren es in die Kassenschublade, geben Rückgeld. Könnte es nicht sein, dass da jemand, der so eine Kasse bedient, ab und zu ein Geldstück einsteckt? Und würde das nicht die Fehlbeträge, die häufiger in den Kassen auftreten, erklären?

Heimlich Kameras installiert

Genau diesen Verdacht wollte die Migros Aare im Januar 2019 überprüfen. Seit Anfang Dezember summierten sich die fehlenden Beträge an den Kassen im Take-away auf gut 5000 Franken. Weil pro Tag an den Kassen jeweils bis zu 30 Mitarbeitende arbeiten, liess die Migros Videokameras installieren – ohne die Angestellten zu informieren.

Als in einer der Kassen wieder Geld fehlte, zeigte eine Auswertung der Videobilder den vermeintlichen Täter. Der langjährige Angestellte soll mit einem geschickten Manöver mit Klein- und Ringfinger der linken Hand Fünf-Franken-Stücke versteckt aus der Kasse genommen und so gestohlen haben – mindestens 25 Franken.

Zudem fand man bei einer Taschenkontrolle Wochen zuvor Münzen in den Hosen des Mannes. Gemäss einer internen Regelung ist es Migros-Mitarbeitenden nicht erlaubt, während der Arbeit privates Bargeld auf sich zu tragen. Damals kam der Verkäufer mit einer Verwarnung davon. Nach der Auswertung der Videobilder jedoch entliess die Migros den Angestellten nach sieben Jahren fristlos und zeigte ihn an. Er erhielt einen Strafbefehl wegen Diebstahls.

«Im Zweifel für den Angeklagten»

Hat der Mann wirklich mit einem ausgeklügelten Manöver Geld zwischen seinen Fingern versteckt, dabei Produkte in die Kasse getippt, Rückgeld gegeben, Quittungen zerknüllt oder gar nach einer Zange gegriffen, wie auf den Videobildern zu sehen ist? Für das Berner Obergericht ist die Sache zu wenig sicher: Es hat den Migros-Angestellten von den Vorwürfen freigesprochen.

Zuvor hatte das Regionalgericht befunden: In vier von fünf beurteilten Sequenzen sei zu sehen, dass der Verkäufer tatsächlich mit grosser Fingerfertigkeit heimlich Geldstücke aus der Kasse entwende. Nur in einem Fall lasse sich das nicht klar beurteilen. Das Verdikt: Schuldig wegen «geringfügigen Diebstahls» von 20 Franken.

Für das Obergericht ist diese Beurteilung «willkürlich». Wenn man bei einer Sequenz nicht sicher sein könne, ob der Angestellte Geld entwende, könne man bei den anderen ebenfalls nicht davon ausgehen. Auf allen Aufnahmen sei das Geldstück, dass der Mitarbeiter angeblich zwischen den Fingern verberge, nämlich nie sichtbar. Auch die übrigen Indizien – etwa die Geldstücke, die bei der Taschenkontrolle entdeckt worden waren – würden nicht reichen, um den Mann zu verurteilen: «Im Zweifel für den Angeklagten», so das Obergericht.

Urteil akzeptiert

Die Migros Aare habe das Urteil zur Kenntnis genommen und akzeptiere es, heisst es auf Anfrage des «Bund». Offen bleibt zurzeit, was nun mit der fristlosen Kündigung geschieht. Zu personellen Entscheiden äussere man sich nicht in der Öffentlichkeit, so die Migros weiter.

«Der Freigesprochene hat gute Aussichten auf eine finanzielle Abgeltung.»

Gerhard Hauser, Fachanwalt SAV, Spezialist für Arbeitsrecht

Für Gerhard Hauser ist klar: Der nun Freigesprochene habe gute Aussichten auf eine finanzielle Abgeltung, so der Berner Fürsprecher und Fachanwalt für Arbeitsrecht. Die fristlose Kündigung bleibe aber gültig. Hauser rechnet damit, dass die Migros im Streitfall dem Entlassenen den Lohn während der ordentlichen Kündigungsfrist nachzahlen müsste. Zudem sei es möglich, dass ein Richter eine Entschädigung festsetze, die maximal sechs Monatslöhne betrage.

Kameras waren legal

Und die Videoüberwachung? Diese habe nicht gegen Persönlichkeits- und und Datenschutz verstossen, urteilt das Obergericht. Durch den engen Kamerawinkel sei nur der kleine Bereich um die Kasse gefilmt worden. Zudem seien die Kameras erst auf konkreten Verdacht installiert worden, und die Migros habe die Bilder auch erst nach konkreten Vorfällen ausgewertet.

Wären die Mitarbeitenden vorgängig über die Kameras informiert worden, hätte dies den Zweck der Überwachung «von vornherein vereitelt», so das Obergericht. Ein anderes System, das in vergleichbarer Weise Entnahmen aus der Kasse zu erkennen ermögliche, sei «jedenfalls nicht ohne weiteres ersichtlich».